Von der Fotografie zur Malerei

Zollingerin (72) appelliert an alle, denen die Decke auf den Kopf fällt: „Niemand ist je zu alt für Neues“

  • Andrea Beschorner
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Elisabeth Obermeier fotografiert leidenschaftlich gerne. Am liebsten Menschen. Corona lässt das aber gerade nicht zu. Deshalb hat die Zollingerin sich jetzt ein anderes Hobby gesucht. Eines, mit dem sie auf Reisen geht – ohne dabei ihre Wohnung zu verlassen.

Ihre Kunstwerke verschenkt Elisabeth Obermeier gerne. Dieses Werk ging an ihren Enkelsohn Simon. 

Zolling - „Ich liebe es, Kinder zu fotografieren. Die halten sich nicht still fürs Foto, die warten nicht, bis du dein Bild gemacht hast. Kinder zu fotografieren bedeutet immer, einen Moment ihres Lebens einzufangen.“ Elisabeth Obermeier (72) hat mit ihren drei Kindern, fünf Enkeln, drei Urenkeln, mit ihren Nichten und Neffen eine große Familie und damit – vor der Pandemie – viele Motive. Spaziergänge mit den Urenkeln wurden da schon mal zu kleinen Fotoshootings, auf Familienfeiern ist sie immer die gefragte Fotografin. Denkbar hart hat sie es zu Beginn der Pandemie getroffen, „nichts geeignetes mehr vor die Linse zu bekommen“, wie sie sagt. Und mehr noch: „Es war ja nicht nur mein geliebtes Hobby, dem ich plötzlich nicht mehr so richtig nachgehen konnte.“ Weil kaum mehr Kontakte möglich sind, ist schnell klar, dass eine neue, sinnerfüllende Beschäftigung her muss. Denn: „Das ist so wichtig, um gut durch diese Zeit zu kommen.“

In ihren Überlegungen, womit sie ihre Zeit gerne füllen würde, kommt Elisabeth Obermeier schließlich auf die Malerei: „Ich weiß, wie ein gutes Foto aussehen soll. Ich kenne die Grundregeln der Bildaufteilung – da ist Vieles auf die Malerei zu übertragen.“ Wenngleich sie schnell eine ihr wichtige Einschränkung macht. Bescheiden fügt sie an: „Malerei würde ich das noch gar nicht nennen. Da bin ich lieber vorsichtig. Heutzutage ist ja alles schnell gleich Kunst.“

„Zusammen da durch“: Zuerst hatte Elisabeth Obermeier in diesem Acrylbild ein Zeitungsausschnitt eingearbeitet. 
So sieht das Bild heute aus: In der ursprünglichen Version hat es Elisabeth Obermeier nicht gefallen - sie hat es kurzerhand umgestaltet.

Auf dem Weg zu ihrer neuen Leidenschaft geht sie nach einem ähnlichen Prinzip vor, wie damals, als sie das Fotografieren perfektioniert hat. Damals hat sie sich eine semiprofessionelle Kamera gekauft, bei einer Fotografin ein Einzelcoaching gebucht – samt Computerkurs. Das hatten ihr ihre Kinder geschenkt. „Am meisten gelernt habe ich durchs Fehler machen. Ich habe mich in die digitale Fotografie quasi durch Versuch und Irrtum reingearbeitet.“ Was damals genauso wichtig war wie heute, bei der Arbeit mit Leinwand und Farben: „Man muss sich einfach trauen, mutig sein – niemand ist je zu alt, um etwas Neues auszuprobieren.“ Und da sich über Geschmack ja immer streiten lässt – bei Fotos ebenso wie in der Malerei – ist das Wichtigste, dass man selbst Spaß daran hat. Und Schönheit liege ja ohnehin immer im Auge des Betrachters. Also habe sie sich Leinwände besorgt, Farben gekauft, sich Inspiration in YouTube-Videos geholt – und losgelegt.

Zollingerin beweist Mut und Experimentierfreude

Während sich Elisabeth Obermeier in der Fotografie immer voll und ganz auf ihr Gegenüber eingelassen hat, erfährt sie nun, in der Malerei, etwas völlig Neues: „Ich habe so etwas wie ein Ritual: Wenn ich beginne zu malen, mach’ ich mir einen Geschichts-Podcast an und tauche ein in eine völlig andere Welt.“ Eine Welt, die nur ihr gehört – sie begibt sich dann auf eine Reise in die Geschichte. „Und ich komme immer mit vielen neuen Erkenntnissen zurück“, erzählt sie. Oft sehe sie die Zusammenhänge geschichtlicher Ereignisse in einem völlig neuen Licht. „Da ist so vieles anders als wir damals vom Dorflehrer erzählt bekommen haben.“ Und wenn sie nach der Fertigstellung ihr Werk anschaut, weiß sie genau, an welcher Stelle des Bildes sie bestimmte Erkenntnisse hatte. „So bekommen die Bilder nochmal eine ganz andere Bedeutung für mich.“

Ratsch aus dem Badezimmerfenster: Elisabeth Obermeier glänzt in der Pandemie mit Kreativität. 

In ihrem neuen Hobby beweist die 72-Jährige Mut, ist experimentierfreudig: So hat sie in ihrem neuesten Werk eine Zeitungsseite eingearbeitet. „Am nächsten Tag hat mir das gar nicht mehr gefallen – ich habe das komplette Bild übermalt.“ Übermalt ist ein gutes Stichwort im Zusammenhang mit ihren Bildern: „Alle Leinwände, die ich habe, hat mir meine Enkelin geschenkt.“ Seit die nämlich selbst Kinder hat, findet sie keine Zeit mehr für ihr Hobby. „Ich habe die Leinwände gestrichen und darf sie nun neu gestalten – sie sind also recycelt.“

Einen konkreten Traum als Künstlerin hat Elisabeth Obermeier nicht. Aber schön würde sie es schon finden, wenn ihre Bilder auch mal öffentlich zu sehen wären. Deshalb hat sie sich für die Ausstellung der Gemeindebücherei Zolling zum 30-jährigen Bestehen beworben und auch für den Kalender „Amperperlen“ der Gemeinde, der 2022 erscheinen soll, zwei Fotos eingereicht. „Meine Tochter und eine Nichte treiben mich da immer ein bisschen an. Ich zweifle ja gerne mal an mir, ob das, was ich mache, auch zum Herzeigen taugt.“

Dennoch möchte die Zollingerin einen Appell an alle richten, denen im Lockdown die Decke auf den Kopf fällt: „Traut euch, was Neues auszuprobieren. Dafür ist es nie zu spät.“ Und: „Habt keine Angst vor Fehlern – lernt aus ihnen.“

Rubriklistenbild: © privat

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