Die schrittweise Öffnung der Schulen nach dem Corona-Lockdown stellt die Verantwortlichen vor immense Herausforderungen.
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Die schrittweise Öffnung der Schulen nach dem Corona-Lockdown stellt die Verantwortlichen vor immense Herausforderungen.

Schulleitersprecher Thomas Dittmeyer meldet sich zu Wort

Zollings Schulleiter spricht Klartext: Schulen stehen vor nicht lösbaren Problemen

Die Ausweitung der Schulöffnung stellt Verantwortliche vor immense Herausforderungen - Schulleitersprecher Thomas Dittmeyer spricht in einem offenen Brief nun Klartext.

Zolling - Was bedeutet die Ausweitung der Schulöffnung am 11. Mai für die Verantwortlichen? Thomas Dittmeyer, Schulleiter der Zollinger Grund- und Mittelschule sowie Schulleitersprecher im BBLV Kreisverband Freising, hat Bilanz gezogen seit dem 27. April, dem Tag, als die ersten Schüler nach Corona in den Unterricht zurückkehrten. Außerdem gibt er einen Einblick, was die Schulen leisten müssen – oft aber nicht können. Hier lesen Sie seinen Offenen Brief im Wortlaut:

Der Istzustand an der Zollinger Schule

Thomas Dittmeyer, Schulleiter in Zolling, spricht Klartext: Die Vorlaufzeit für die Ausweitung der Schulöffnung ist viel zu knapp, viele Probleme sind nicht zu lösen.

„Stand heute unterrichten wir an der Grund- und Mittelschule Zolling bereits 113 Abschlussschüler aus fünf Klassen in zehn Gruppen jeweils 20 Stunden pro Woche. Der Organisationsvorlauf war denkbar knapp, da jeweils die Ausführungsbestimmungen abgewartet werden mussten, um darauf basierend einen neu abgestimmten Stundenplan inklusive neuer Lehrerzuteilung, die Schulbusbeförderung (auf dem Land ein Riesenthema) und schließlich einen Hygieneplan zu erstellen: in diesen Zeiten sicher der wichtigste Punkt.

Herausforderung Hygieneplan

Letzteres Thema erwies sich durchaus als herausfordernd in allen Details, obwohl zum Planungszeitpunkt (Mittwoch, 22. April) das Schulhaus leer, die Gruppen auf zusätzliche Klassenzimmer gut zu verteilen, die Laufwege zu organisieren, Toiletten relativ einfach den Gruppen zuzuordnen und auch verschiedene Pausenhöfe gut zuzuweisen waren.

Masken im Unterricht sind nicht praktikabel

Die Praxis zeigt (noch), dass es bei dieser Auslastung funktionieren kann – jedoch mit Einschränkungen: Das viel geforderte, noch nicht verpflichtende Tragen von Masken im Unterricht, das haben einige Selbstversuche unserer Lehrkräfte und vieler Schüler gezeigt, ist aus verschiedenen Gründen nicht praktikabel: Verständnisschwierigkeiten, Verlust der Mimik beim Sprechen, Atembeschwerden, beschlagene Brillen und so weiter...

Ängste von Schülern und Eltern, Lehrkräften

Bei dieser Beschreibung der grundsätzlichen Herausforderungen wurden aber die Verunsicherungen und Ängste von Schülern und Eltern noch gar nicht nicht berücksichtigt. Auch die Situation der Lehrkräfte nicht, bei denen ja grundsätzlich andere Maßstäbe gelten als bei Schülern: Im Gegensatz zu den Kindern und Jugendlichen sind Lehrkräfte zum Dienst in der Schule verpflichtet, auch wenn eine als Risikopatient einzustufende Person im gleichen Haushalt lebt. Aus Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen weiß ich diesbezüglich von großen Ängsten. Auch deswegen wiegt die Last der Verantwortung als Schulleiter für Wohl und Wehe Hunderter von Schülern und einer Vielzahl von Kollegen sehr schwer.

Ausweitung der Schulöffnung

Nun sollen aber ab dem 11. Mai in Zolling 127 (!) weitere Schüler der vierten Klassen, der achten Klassen und der neunten Klassen (M-Zweig) dazu kommen. Hier dürfte all das, was schon bisher keine Fingerübung war, zur Herkulesaufgabe werden. In den offiziellen Ankündigungen des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus ist von verschiedenen Modellen die Rede: Schichtunterricht, tageweiser Unterricht, wochenweiser Unterricht... All diese Unterrichtszeitmodelle beinhalten im Detail oft kaum oder gar nicht lösbare Probleme, die erst in der Planungspraxis sichtbar werden: Bustransfers zu verschiedenen Zeiten, bei denen dann auch noch jede kleine Haltestelle angefahren werden muss. Oder die Problematik, wenn in einer Familie Kinder aus mehr als einer Schule leben, die Schulen untereinander aber keine synchronisierten Unterrichtszeiten absprechen können, so dass die Planungen der Eltern mit dem Arbeitgeber bezüglich möglicher Freistellungen immer schwieriger werden.

Schulen sind personell am Anschlag

Bei einer Beschulung nach dem bisherigen Muster in geteilten Gruppen wächst dabei der Personalaufwand (vor dem Hintergrund der aktuell knappen Personalausstattung an sämtlichen bayerischen Grund- und Mittelschulen) überdimensional stark an: Denn nebenher sind von den oft gleichen Lehrkräften noch die zuhause zu unterrichtenden Klassen und die Notbetreuung der Klassen eins bis sechs zu schultern.

Keine Unterstützung durch Fachleute

Insbesondere das Erstellen einen Sars-Cov 2-Hygieneplans vor dem Hintergrund einer grassierenden Pandemie und der damit verbundenen Unsicherheit (auch der Experten!) ist jedoch ein Thema, das vielen Kolleginnen und Kollegen starke Bauchschmerzen bereitet. Bei einer mehr als Verdoppelung der Schülerzahlen werden die nutzbaren Toiletten knapp, die zuweisbaren Aufenthaltsmöglichkeiten inklusive Laufwege ebenso – dabei müssen wir jedoch auf einen Abstand von 1,50 Metern zwischen den Schülern achten. Hier wäre eine professionelle Unterstützung einschlägiger Fachleute hilfreich, die eine Gefährdungsbeurteilung des Schulhauses vornehmen und das Machbare skizzieren. Wir haben zwar in den Schulleitungen viele Aufgabenbereiche im Laufe der Jahre geerbt (so wie unsere Lehrkräfte auch), aber Epidemologen sind wir nicht und die schon angesprochene Verantwortung wiegt schwer.

Eltern vermissen Planungssicherheit

Es sei angemerkt: Wir wissen heute, eine gute Woche vor dem Start der Ausweitung, noch nicht, in welchem Rahmen wir planen dürfen. Es gibt noch keine offiziellen Ausführungsbestimmungen zur weiteren Öffnung – das vor dem schon angedeuteten Hintergrund, dass Hygiene- und Buspläne abgestimmt werden müssen und Eltern Planungssicherheit durch einen zeitlichen Vorlauf benötigen.

Wie gesagt, es geht um einen Handlungsrahmen und nicht um kleinkarierte Vorgaben. Natürlich arbeiten die Ministerien und Bezirksregierungen unter Hochdruck. Aber die Tatsache, dass wir als umsetzende Behörde vor Ort die Informationen zuerst aus der Presse hören und keinerlei Vorlauf gegenüber der Öffentlichkeit haben, erleichtert die Beantwortung der aufkommenden Fragen von Lehrern und Eltern nicht und erweckt nicht gerade einen professionellen Eindruck.

Die Verantwortlichen brauchen mehr Zeit

Das Zeitfenster zwischen der geplanten offiziellen Bekanntgabe am morgigen Dienstag und des erweiterten Unterrichtsstartes am darauffolgenden Montag, 11. Mai, scheint aus den genannten Gründen erneut zu klein. Ob man der weiteren Öffnung der Schulen eher kritisch gegenüber steht oder nicht, man braucht vor allem eines: Zeit für eine möglichst gute Umsetzungsplanung.“

Thomas Dittmeyer

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