Das Rechenspiel: Anhand von Karten zeigt Lehrkraft Marina Lenz, den richtigen Umgang mit Zahlen.

Pilotprojekt der berufsschule fürstenfeldbruck

Das ABC öffnet ihnen eine neue Welt

Wer nicht lesen und schreiben kann, wird in unserer modernen Welt immer am Rande stehen. Nun sind aber viele Asylbewerber Analphabethen. Um ihnen eine Chance zu geben, gibt es in der Brucker Berufsschule eine ganz besondere Klasse – viele die dort unterrichtet werden, haben vorher noch nie einen Fuß in eine Schule gesetzt.

LandkreisPünktlich zum Schulgong um 10 Uhr sind die Schützlinge von Marina Lenz im Klassenzimmer. Sie ist keine gewöhnliche Lehrerin und unterrichtet auch keine gewöhnliche Klasse. Lenz hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ studiert und arbeitet nun für den Internationalen Bund, dem Kooperationspartner der Berufsschule Fürstenfeldbruck für die Alpha-Klasse. Alpha-Klasse heißt der Alphabetisierungskurs. Er ist ein Experiment. Im Herbst fiel der Startschuss. Untergebracht ist die Klasse in der Containeranlage im Olchinger Gymnasium. Dort sollen die Schüler in drei Jahren die Grundlagen der deutschen Sprache lernen.

Bei dem Kurs handelt es sich sich um ein Pilotprojekt für Sprachintensivierung, das in Abstimmung mit der Regierung von Oberbayern entstanden ist. Ziel ist es, den jungen Geflüchteten das Schreiben und Lesen der deutschen Sprache beizubringen. „Wir müssen hier ganz von vorne anfangen“, berichtet Marina Lenz über ihre Arbeit mit den zehn Schülern im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Mit diesen üben sie und ihre Kollegin Leyla Degler täglich zwischen vier und sechs Stunden Mathe und Deutsch, wobei auf Letzterem ganz klar der Schwerpunkt liegt. Lediglich zwei Stundenpro Woche kommt ein Lehrer der Berufsschule, der sich um Formalitäten wie etwa Absenzen kümmert.

Frontalunterricht, der für das Lernen neuer Vokabeln nötig ist, steht heute nicht auf dem Plan. Stattdessen haben die Schüler die Möglichkeit, die bereits gelernten Wörter in einem Vokabelspiel in der Gruppe zu vertiefen, individuell Sudoku zu lösen – oder zu malen. „Dadurch soll die Feinmotorik geschult werden“, erklärt Marina Lenz. Damit die Schüler auch Spaß am Lernen haben, geschehe vieles spielerisch. Das Spielen miteinander soll zudem die sozialen Fähigkeiten stärken.

„Bei uns läuft der Unterricht nicht nach Schema F ab. Wir wollen für unsere Schüler, die oft auch Ängste mitbringen, einen sicheren Raum schaffen“, so Leyla Degler. „Mir macht das Vokabelspiel in der Gruppe großen Spaß“, sagt der 20-jährige Said Waid. Er kam vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland, eine Schule hat er nur als Siebenjähriger kurz besucht. Sein Ziel: „Ich will lernen, gut Deutsch zu sprechen.“ Daher sei ihm die Schule und eine Ausbildung sehr wichtig. „Ich möchte Automechaniker werden.“

Etwas ruhiger hingegen mag es Jamshid. Er hat die Option Zeichnen gewählt. In seiner Freizeit spielt der 18-Jährige Theater. Er mimte einen großen Vogel im Stück „Wuide Hetz“ in Fürstenfeldbruck. Seine Klassenkameraden haben es sich natürlich angesehen. Auch musikalische Talente werden in der Alpha-Klasse gefördert. Mohammed (21) gibt auf der Blockflöte Lieder aus seiner afghanischen Heimat zum Besten.

Das Erlernen der deutschen Sprache ist für die Schüler der Alpha-Klasse ein langer Prozess, weiß auch die Leiterin der Berufsschule, Andrea Reuß. „Dass die Teilnehmer nach zwei Jahren berufsbereit sind, schaffen wir hier nicht.“ Deswegen müsse man auch den Lehrkräften die Angst nehmen, dass sie diese Schüler auf Biegen und Brechen umgehend ausbildungsfähig machen müssten. Externes und eigens geschultes Personal sei deshalb in diesem Bereich besonders wichtig, weil die normalen Berufsschullehrer in der Regel keinerlei Erfahrung mit Analphabetismus haben. Andrea Reuß glaubt an den Erfolg des Pilotprojekts: „Es sind alle sehr motiviert und kommen gerne hier her, um etwas zu lernen.“

Was genau ist eine Alpha-Klasse?

Die Alphabetisierungsklasse der Fürstenfeldbrucker Berufsschule unterscheidet sich grundlegend von den dort ebenfalls angebotenen Berufsintegrationsklassen für junge Flüchtlinge. Während es in der Alphabetisierungsklasse um das Erlernen der Grundkenntnisse der deutschen Sprache geht, können die Schüler der Berufsintegrationsklassen bereits lesen und schreiben. „In zwei Jahren sollen sie ausbildungsfähig gemacht werden“, so Anja Wöldering, Flüchtlingskoordinatorin der Berufsschule. Die Berufsschule Fürstenfeldbruck hat drei Außenstellen: am Fliegerhorst, in Olching und in Germering. „Aktuell gibt es vier Berufsintegrationsklassen und vier Vorklassen“, erklärt Koordinatorin Wöldering. Einen strikten Lehrplan gibt es in der Alphabetisierungsklasse nicht, in den Berufsintegrationsklassen hingegen schon. Deshalb unterrichten dort auch vermehrt klassische Berufsschullehrer.

von Sebastian Öl

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