An dieser Stelle gab es am Valentinstag einen Wildunfall. Jagdaufseher Ernst Ludwig (r.) erklärt Jagdpächter Michael Gerling die Situation.
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An dieser Stelle gab es am Valentinstag einen Wildunfall. Jagdaufseher Ernst Ludwig (r.) erklärt Jagdpächter Michael Gerling die Situation.

„Rehe verhungern mit vollem Magen“

Corona-Ausflügler bringen Waldtiere in Gefahr: Jäger schlagen Alarm - „Müssen uns Natur teilen“

  • Lisa Fischer
    vonLisa Fischer
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Das Wild hat es nicht leicht im Landkreis Fürstenfeldbruck. In der Corona-Pandemie schrecken Querfeldein-Ausflügler die Tiere immer wieder auf. Jäger schlagen Alarm und wollen die Tiere schützen – wenn sie denn dürfen.

Alling – Es kann schnell passieren. In der Dämmerung springt plötzlich ein Reh vor das Auto und verschwindet wieder genauso schnell im Dickicht. Doch nicht immer geht die Begegnung so glimpflich aus – manchmal endet sie für das Wildtier tödlich. „So einen Unfall kann man nicht verhindern, aber man kann die Zahl reduzieren“, sagt Jagdaufseher Ernst Ludwig aus Biburg. Zusammen mit Jagdpächter Michael Gerling fordert er, mehr warnende Straßenschilder im Landkreis aufzustellen, und appelliert an die Bürger, aufmerksamer zu sein.

Jäger alarmiert: Zahl der Wildunfälle verdoppelt - Appell an Bürger

Die beiden Jäger sind alarmiert: In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Zahl der Wildunfälle verdoppelt. Allein im Revier Biburg, für das Gerling und Ludwig zuständig sind, sind in den ersten sechs Wochen des Jahres vier Rehe mit Fahrzeugen zusammengestoßen und verendet. Im Nachbar-Revier Alling sogar schon fünf.

Der jüngste Unfall ereignete sich in Wagelsried, in der 30er-Zone. Passanten entdeckten das schwer verletzte, noch lebende Reh im Straßengraben. Zufällig klingelten sie bei Jagdaufseher Ernst Ludwig. Der 69-Jährige konnte das Tier nur noch erlösen. „Das trächtige Reh wurde frontal erfasst, beide Schultern waren gebrochen“, erzählt Ludwig. Der Autofahrer, dessen Fahrzeug eine große Delle haben müsste, sei einfach weiter gefahren.

Ein Schild weist auf die Naturschutz-Bemühungen von Jägern und Landwirten hin.

An dicht bewaldeten Stellen wie in Wagelsried, aber auch an großen Straßen wie der B 2 fordert Jagdpächter Michael Gerling warnende Verkehrsschilder. Zusammen mit einem benachbarten Revierpächter mahnte er, bei den zuständigen Behörden tätig zu werden. Für Biburg leider erfolglos.

„Das Revier ist ein Landschaftsschutzgebiet, hier müssen nicht zwingend Schilder aufgestellt werden“, vermutet Gerling. Einfach selbst solche Verkehrszeichen aufstellen darf der 74-jährige Biburger nicht. „Das darf nur der Staat“, sagt er. Sein Reviernachbar im Schöngeisinger Zellhof hatte Glück. Die Bezeichnung „Naturschutzgebiet“ veranlasste die Behörden, dort die bekannten roten Warndreiecke mit einem schwarzen Reh in der Mitte aufzustellen.

Ausflügler im Corona-Lockdown: Tiere werden aufgescheucht - „Rehe verhungern mit vollem Magen“

Da Schilder in Biburg also erst einmal ausbleiben, appellieren Gerling und Ludwig an die Bevölkerung. Nicht nur Autofahrer sollen ihre Fahrweise an Umgebung, Dämmerung und Geschwindigkeitsbegrenzung anpassen. Auch Radfahrer und Spaziergänger halten sie an, auf den Wegen zu bleiben.

Besorgniserregend sei vor allem die Entwicklung seit Ausbruch der Corona-Pandemie. „Unsere Rehe verhungern mit vollem Magen“, sagt Ernst Ludwig. Denn nachdem die Tiere gefressen haben, müssen die Wiederkäuer mindestens zwölf Stunden ruhen. „Das können sie nicht, wenn sie aufgescheucht werden und von einem Eck ins andere flüchten.“

Besucheransturm in den Wäldern: Hund verjagen Wild - und hetzen es schlimmstenfalls zu Tode

Teilweise seien es unangeleinte Hunde, die im Wald und auf Feldern das Wild aufstöbern und verjagen – oder im schlimmsten Fall zu Tode hetzen. Aber auch Radler, die querfeldein fahren, stellen eine Gefahr dar. Einige Mountainbiker benutzen den sogenannten Wildwechsel als Abenteuer-Pfad.

Unter Wildwechsel verstehen die Jäger eine Spur der Wildtiere, die sie immer wieder benutzen, um aus dem Unterholz heraus ins freie Feld zu laufen. Viele dieser platt getrampelten, schmalen Wege sind mittlerweile breit ausgefahrene Mountainbike-Strecken. Sie führen zwischen Bäumen, herabgefallenen Ästen, Laub und Gestrüpp kreuz und quer durch den Wald.

Jagdaufseher Ernst Ludwig weiß, dass einige Strecken sogar in Mountainbike-Apps ausgewiesen sind. „Das ist illegal“, empört sich der 69-Jährige. „Es ist kein offizieller Weg.“ Und gefährlich sei es obendrein. Mit selbst gebastelten Schildern wollen Ludwig und Gerling auf das Verbot aufmerksam machen – doch die wurden teils innerhalb von 24 Stunden geklaut.

Jäger appelliert: „Müssen uns Natur mit den Tieren teilen und dabei vernünftig sein“

„Wir haben Verständnis, dass die Leute raus wollen, vor allem, wenn man keinen Garten hat“, sagt der Wagelsrieder Ernst Ludwig. Und Kollege Michael Gerling ergänzt: „Wir müssen uns die Natur mit den Tieren teilen und dabei vernünftig sein.“

Seit Montag bestehen neue Corona-Lockerungen ab einem Inzidenzwert unter 50. Doch im Landkreis Fürstenfeldbruck steigt der Inzidenz-Wert und entfernt sich von der 50er-Marke. Das Beibehalten strenger Corona-Regeln und massive Erhöhung des Impftempos: Das wäre für Landrat Thomas Karmasin der richtige Weg aus der Corona-Krise. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen FFB-Newsletter.

(Von Lisa Fischer)

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