Biburg

Mit Bulldog-Oldies über die Alpen

Weil sie dort bereits seit 25 Jahren unterwegs sind, wird mancher Alpenbewohner sie schon mal gesehen haben: die Männer vom Kurbel-Club Biburg und vor allem ihre alten Traktoren, die durchs Gebirge knattern und über 2000-Meter-Pässe ächzen. Jetzt ist wieder eine Alpenüberquerung gelungen.

BiburgAusgerechnet der mit 27 Jahren jüngste Verein aus Biburg ist es, der sich dem Erhalt und der Nutzung von solch altem Gerät verschrieben hat. Im Sommer war der Kurbel-Club Biburg (KCB) wieder auf einer seiner gemächlichen Expeditionen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Weg nach Südtirol und zurück lag bei 16 Stundenkilometern.

1990, zu einer Zeit, in der allerorten eine Art Bulldog-Oldtimer-Szene entstand, fanden sich auch in dem Allinger Ortsteil einige Enthusiasten zusammen. Sie teilten „die Liebe für das Alte, Solide“, wie es Gründungsmitglied und Reise-Organisator Michael Beischl ausdrückt. Objekte der Liebe fanden sich in einem landwirtschaftlich geprägten Dorf genügend, auch „weil die Bauern ja nichts wegwerfen“. Rund 50 Mitglieder, keineswegs alle aus Biburg, zählt der Verein heute. Die wenigsten sind Landwirte. Auch nicht der Kfz-Meister und örtliche Feuerwehr-Kommandant, Michael Beischl.

Seinen Lanz aus dem Jahr 1939, den heute mutmaßlich ältesten Schlepper in Biburg, fand Automechaniker Beischl allerdings in der Nähe von Düsseldorf. Zwei Mal flog er nach NRW, zwei Mal fuhr er dort Probe, ehe er eine nicht ganz geringe Investition verantworten konnte. Denn das Preisniveau für solche Schmuckstücke ist nach oben offen. Wobei die eisenbereiften Ackerschlepper, die es auf acht Stundenkilometer bringen können, wiederum in einer anderen Klasse spielen als die früher zum Transport eingesetzten Eilbulldogs auf modernen Luftpneus, die mit bis zu 18 Sachen durch die Gegend rasten.

In Biburg steht noch ein ähnlich ehrwürdiges Gefährt mit unbekanntem Baujahr, dafür aber noch quasi aus erster Hand. Vom Uropa angefangen wurde es auf demselben Hof immer weitervererbt. Beischls Vorkriegsmodell wird inzwischen geschont und ist nicht mehr zugelassen – anders als fast alle Traktoren beim Kurbel-Club.

Abends schätzen dieAbenteurer Dusche und Halbpension

Der TÜV macht angeblich nie Probleme, die Abnutzung ist ja auch gering. Was die Technik-Kontrolleure nicht interessiert, kann dagegen zum Problem werden. „Manchmal hört man was, was man nicht hören will“, umschreibt der Kfz-Meister ungewöhnliche Antriebsgeräusche. Erst kürzlich hatte er einen Motorschaden, ein gebrauchter Zylinderkopf als Ersatzteil fand sich schließlich – verglichen mit Düsseldorf – fast ganz in der Nähe: in Marktoberdorf.

Was fasziniert einen Sammler und Bastler an der Technik aus der Frühgeschichte der Motorisierung in der Landwirtschaft? Sicher auch der Sound eines Ein-Zylinders. „Der tuckert so schee auf der Geraden“, beschreibt Beischl, der viele Wochenenden auf dem Traktor unterwegs ist, das Klangerlebnis. Aber er schätzt auch die Entschleunigung, die langsame Fortbewegung, bei der man die Gedanken schweifen lassen kann. Kommunikativer sind dagegen die gut organisierten Expeditionen nach Italien. Zuletzt waren Beischl und Sohn Simon, der Biburger Kollege Michael Heimrath und ein Spezi vom Tegernsee samt Enkel auf großer Fahrt.

Dann werden immer Etappen geplant und Unterkünfte reserviert, ein 60 Jahre alter Unimog dient als Gepäckwagen, Bier- und Werkzeuglager und als Küche. Immer mittags wird Pause gemacht und gekocht, abends zieht es die Abenteurer dagegen zu einem Bett mit Dusche und Halbpension.

Anders als das Begleitfahrzeug sind Fahrer und Beifahrer auf den Schleppern Wind und Wetter ausgesetzt. Zuletzt, beim Traumwetter im August, reichten aber ein Hemd und leichtes Schuhwerk zur Lederhose. Die erste Etappe, heuer 226 Kilometer in 13 Stunden Lenkzeit nach Sterzing, führt in der Regel bis über den Alpen-Hauptkamm. Danach aber wird abends auch öfter mal gefeiert und nicht mehr so früh aufgestanden. Die Reise soll ja auch Urlaub sein.

Er wolle nicht behaupten, dass der Schnecken-Konvoi nie zum Verkehrshindernis werde, sagt Beischl. „Irgendeiner regt sich immer auf“, die meisten in der Schlange dahinter seien aber ähnlich gelassen wie die vom Kurbel-Club.

Solche Staus entstehen aber nur, wenn es nicht anders geht. Normalerweise sind die Biburger auf Nebenstraßen und Wirtschaftswegen unterwegs. Auch mit der Polizei gab es deshalb fast nie Schwierigkeiten. Nur einmal, kurz hinter dem Reschenpass wurden sie von italienischen Beamten rausgewunken – aber wohl eher aus Neugier.

Wenn Carabinieri neugierig sind und beim Einfädeln helfen

Die Carabinieri erwiesen sich dann nach kurzer Befragung der Biburger Traktor-Fans auch als echte Freunde und Helfer und hielten den Verkehr an, um die Schlepper wieder einfädeln zu lassen. Talabwärts sind die ja auch schneller als in der Gegenrichtung. (Olf Paschen)

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