+
...und der Profi winkt auch noch. Bei 120 Sachen im Kreisel hat der gelernte Bob-Pilot Dennis Pihale trotz ungewohnter Position als Bremser noch Nerven wie Drahtseile, die ganz vorne Ex-Weltcup-Fahrer Christoph Geisreiter bedient. Dazwischen eingeklemmt wie Ölsardinen: Tagblatt-Reporter Peter Loder (2.v.l.) und Gäste-Mitfahrer Toni Lipf.

Tagblatt-Reporter fährt im Bob mit

Höllenritt: Mit Allings Teufelskerl durch den Eiskanal

  • schließen

Die Bobpiloten-Karriere von Dennis Pihale läuft. Zusammen mit dem Münchner Florian Bauer gehört der 23-Jährige aus Alling zu den großen deutschen Nachwuchshoffnungen. Auf der Olympia-Bahn in Innsbruck-Igls nahmen die beiden den Tagblatt-Reporter zum Selbstversuch mit auf den Höllenritt.

12 Uhr mittags am Olympia-Eiskanal von Innsbruck-Igls. Die Nerven liegen bereits blank. Dabei ist das High-Noon-Abenteuer noch viereinhalb Stunden entfernt. Steht jedenfalls so auf der im Zielraum ausgedruckten Starterliste neben der Videowand. Demnach wird das Team Gaisreiter, Lipf, Loder, Pihale um 16.30 Uhr auf den Höllenritt geschickt. Noch ist Zeit.

Gerade beschlagnahmen Nachwuchsrodler den Eiskanal. An den Trainingsanzügen mit gelben Sternen auf rotem Grund sind als Mitglieder der Junioren-Nationalmannschaft von China zu identifizieren. Gleich daneben machen sich Skeletonis aus Kanada mit ihrer britischen Trainerin warm. Ein paar Sekunden später stürzen sie sich kopfüber in die Eisrinne. Werd’ ich auch noch machen, denk ich mir und widme mich wieder der mentalen Vorbereitung auf die unmittelbar bevorstehende Mutprobe, während US-amerikanische Bobpiloten mit den Hufen scharren und die Kufen schleifen.

Mein erster (und einziger) Fallschirmsprung liegt bereits 25 Jahre zurück. Zeit, um mit 60plus noch mal eine neue Herausforderung zu wagen – bevor es zu spät ist und der ohnehin schon zwickende Bürohengst-Rücken endgültig nicht mehr mitspielt. Da kommt ein Jungspund wie Dennis Pihale wie gerufen. Der 23-jährige Allinger ist eine der ganz großen Nachwuchshoffnungen im ruhmreichen deutschen Bobfahrer-Lager. Was, wenn der lokale Sportmatador den lokalen Sportreporter mit auf die 1270 Meter lange Reise durch Kreisel, Labyrinth und Steilwand nimmt? Null Problemo, wird zurückgefunkt, „komm’ einfach nach Igls“. Die Höllenfahrt ohne Reiserücktrittsversicherung ist gebucht. Noch ist Zeit.

Im K14 – dem Bob-Restaurant auf Höhe der Kurve 14 – gibt’s Bockerl, Penne und Skiwasser (Backerbsensuppe, Nudeln, Himbeersaft) zum Sondermenü-Preis von 8.50 Euro). Letzteres schmeckt nach Gummibärli. Ist das die Henkersmahlzeit? Prost, Mahlzeit! Noch ist Zeit.

Unbarmherzig rückt der Zeiger der Digitalanzeige im Startraum auf 16.30 Uhr. Was sagen TV-Reporter immer: Er ist im Tunnel! Tatsächlich stecke ich im Helm fest. Sitzprobe: Hinten steigt Pihale ein, der eigentlich im Zweierbob die Strippen an den Lenkseilen zieht und von seinem Münchner Studetenkollegen Florian Bauer angeschoben wird. Pihale soll in ein paar Minuten ausnahmsweise als Bremser im Ziel den Bob zum Stehen bringen. Warum bloß gehen mir gerade jetzt die TV-Bilder von vor ein paar Tagen durch den Kopf, als beim Weltcup-Rennen just in Igls gleich mehrere Bobs kopfüber durchs Ziel geschlittert sind. Noch ist Zeit.

Die Uhr tickt. Vor mir zwängt sich ein Mordskerl mit Helmkamera in den Bob. Die Höllenfahrt wird also für die Nachwelt dokumentiert – beruhigend. Ganz vorne sitzt Christoph Gaisreiter, der Sohn des legendären Stefan Gaisreiter, der in den 1970er-Jahren zusammen mit Peter Utzschneider und Wolfgang Zimmerer die internationale Bobszene aufgemischt hat. Damals habe ich die beiden am gerade erfundenen Farbfernseher bewundert. Und jetzt sitze ich fast direkt hinter dem, der Tempo-Gen familienbedingt im Blut hat. Tochter Michaela managt den Bobsport-Verein im heimatlichen Ohlstadt. Was für eine Ehre! Die in Ohlstadt aufgebaute Anschubrampe hab’ ich sogar noch in Erinnerung. Weil sie gleich neben dem Fußballplatz steht, wo ich in glorreicheren Fußballzeiten des FC Emmering und SV Ohlstadt aus der Bezirksliga berichtet habe. Derartige Gedanken sind aber ein reines Ablenkungsmanöver. Jetzt stehe ich auf der Startrampe von Igls. Noch ist Zeit.

Schleierhaft ist mir, wie es die Profis schaffen, beim Anschieben im Affentempo in den Bob zu springen. Alexander Mann, der einst die Weltcup- und Olympia-Bobs von Christoph Gaisreiter, Matthias Höpfer, Manuel Machata oder Karl Angerer angeschoben hatte, erzählte dem Tagblatt-Reporter mal bei einer seiner Trainingseinheiten in der Brucker Sportschule von Lenz Westner, wie das funktioniert. Mann stammt wie Pihale und viele andere internationale Anschieber aus der Leichtathletik-Szene. Der Allinger sprintete als Jugendlicher für die in Puchheim und Gilching vertretene LG Würm Athletik. Bei einem Rennen wurde er von einem Bob-Scout entdeckt und weiterempfohlen.

Die Anschieb- und Einstieg-Erläuterungen von Mann klangen damals in der grauen Theorie ganz einfach. Und auch in der Praxis war’s jetzt in Igls zunächst ganz locker. Denn wenn’s bei uns gleich losgeht, sitzen wir schon bequem im Bob und lassen uns Anschieben (den Job übernimmt Pihales Bruder Florian). Wobei: Bequem ist relativ. Vorne sind meine langen Beine vom Steuermann eingezwängt, die bereits bei der Sitzprobe tauben Finger an den Haltehaken werden von den Oberschenkeln des mächtigen Vordermanns ins Blech gedrückt. So muss sich eine Ölsardine in der Blechdose fühlen – nur ohne Öl.

Sie wollen in den Weltcup: Dennis Pihale (schon im Outfit der deutschen Bob-Elite) und sein Anschieber Florian Bauer.

Später erfahre ich, dass die sündteuren Hightech-Bobs heutzutage noch zwei Zentimeter kleiner sind als der, in dem wir gerade sitzen. Das Sportgerät kommt aus Gaisreiters Werkstatt, hat schon tausende Fahrten auf dem Buckel und ist trotzdem noch 5000 Euro wert. Der Vergleich mit einem Pkw verbietet sich. Hinter mir klopft der neue Spezl aus Alling auf meine Schultern: Wird schon, soll das wohl in Pihales Körpersprache heißen. Noch ist Zeit. Aber sie läuft unbarmherzig davon.

Unten im Zielhaus sitzt der Regisseur. Auf zig Kameras verfolgt er das Geschehen auf der Bahn. Alles ist minutiös geregelt. Die Sicherheit gibt den Takt an. Oben am Start springt die Ampel von Rot auf Grün. Aus den Lautsprechern entlang der gesamten Strecke tönt es: „Start frei Bob Gaisreiter.“ Die Zeit ist abgelaufen, das Video läuft. 

Mensch, das ist ja easy. Nach den ersten Metern verfliegen zunächst alle Ängste. Das ist ja ähnlich wie auf der kindgerechten Schweizer Bobbahn im Europapark. Zeit, um dem in der ersten Kurve lauernden Fotografen einen freundlichen Blick zuzuwerfen. Der hinter mir sitzende Pihale winkt dem Kameramann sogar noch zu (was ich freilich erst hinterher auf dem Bild sehe). Alles ein Kinderspiel. Doch die Zeit ist noch lange nicht abgelaufen.

Ein paar Kurven später weiß ich, warum ich keine Pudelmütze aufhabe. Der behelmte Kopf schlägt wie wild hin und her. Mit Beschleunigungskräften wie bei einem Raketenstart drückt es mich in die Kurve. Ich fühle, wie sich die Gesichtsmuskeln verzerren. Gut, dass die Fotografen weiter oben stehen. Würd’ sich nicht gut machen. Der Wahnsinn ist aber noch lange nicht zu Ende. Die Zeit will einfach kein Ende nehmen.

Dabei sind es nur schlappe 58 Sekunden, die der Sturzflug durch die Eisrinne dauert. Ein Wimpernschlag meines Lebens. Und gerade diese Bruchteile – hoppla, wieder so ein Wortspiel – werden über Wohl und Wehe der Bobfahrer-Karriere von Dennis Pihale entscheiden. Der Allinger ist auf einem guten Weg, sagt Gaisreiter junior. „Vielleicht kann er schon nächstes Jahr Geld verdienen.“ Heißt: Prämien einsacken im Weltcup. Denn der Sport ist nicht billig. Papa Christian, der in Igls auch in den Bob gestiegen ist (wohl um zu schauen, womit sich der Sprössling in seiner Freizeit so beschäftigt) und ein paar Sponsoren wie eine in Alling gegründete Baby-Beibett-Firma, schustern das nötige Geld bei. Hotelkosten und Verpflegung werden für Kader-Athleten vom Verband finanziert. Immerhin: Die gelbe Trainingsjacke mit Bundesadler, die Deutschlands Bob-Elite optisch kennzeichnet, hat er schon mal bekommen. Wenn auch nur ein Auslaufmodell, auf dem noch das Logo eines mittlerweile ausgestiegenen Sportartikel-Sponsors aufgenäht ist. Während der Saison, die Ende Oktober begonnen hat und Mitte März endet, war Pihale nur drei Wochen daheim. Ansonsten hat er bis auf die Bahnen in Übersee alle Eiskanäle von Winterberg über Altenberg und Königssee befahren. Die Zeit läuft für ihn.

Meine Zeit als Bob-Insasse endet abrupt. Hinter mir fährt Pihale die Krallen aus, drückt die Bremshaken fest ins Eis. Es staubt gewaltig – wird mir jedenfalls hinterher erzählt. Denn ich selbst registriere rings herum rein gar nix mehr. Der Höllenritt hat alles durcheinander gewirbelt. Gaisreiter klatscht mich ab. Ob ich noch mal mitfahren will? Was für eine Frage! Die Zeit läuft wieder für mich.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Jesus-Figur zerbrochen: War es der Sturm?
Bei Langwied in Moorenweis ist eine Jesus-Figur von einem Kreuz gefallen und zerbrochen. Die Polizei ermittelt.
Jesus-Figur zerbrochen: War es der Sturm?
Riesiger Bovist
Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Jörg Lohfink aus Wenigmünchen, welchen Fund er da beim Gassigehen mit seinem Hund gemacht hatte:
Riesiger Bovist
Schnelles Internet für Allings Ortsteile
Schnelles Internet bekommen nun auch die Allinger Ortsteile Biburg, Holzhausen und Wagelsried.
Schnelles Internet für Allings Ortsteile
Dorfweiher vom  Schlamm befreit
 Ganz schön trüb war zuletzt der Löschweiher im Allinger Ortsteil Holzhausen. Sogar die Wasserversorgung aus dem Teich war nicht mehr gewährleistet. 
Dorfweiher vom  Schlamm befreit

Kommentare