An diesem Zaun steht der damals 14-Jährige, als die Amerikaner zum Hof seiner Familie kommen.

In Biburg

Serie zum Kriegsende: Als die Amerikaner in Biburg einmarschierten

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Das Kriegsende kam beim Kartoffel-Kochen: Georg Schmid aus Biburg kann sich noch genau an jenen Tag erinnern, an dem die Amerikaner in sein Dorf einmarschierten. Insgesamt kam der Ort glimpflich davon. Plünderungen hielten sich in Grenzen. Dafür gab es einen Klavierabend mit den Besatzern.

Biburg – Ob Krieg, Frieden oder irgendetwas dazwischen – die Schweine haben Hunger. Dass der NS-Staat um sie herum gerade zusammenbricht, kümmert die Borstenviecher auf dem Hof der Schmids nicht im Geringsten. Und auch der damals 14-jährige Georg Schmid sorgt sich mehr um das Wohlergehen seiner Tiere als um das des Dritten Reiches. Doch plötzlich ist er dann doch mitten drin in den Wirren der letzten Kriegstage.

Es ist der 30. April 1945. Schmid kocht im Silo die Kartoffeln für seine Schweine ein. Als er wieder herauskommt, traut er seinen Augen nicht. Keine zwei Meter vor ihm steht ein Soldat in Uniform. Doch es ist kein Deutscher. Die Amerikaner sind da. Zum Erstaunen des jungen Burschen spricht der Fremde fließend deutsch. „Sind hier Soldaten?“ will der Mann wissen.

Biburg wird in die Zange genommen

Biburg wird an diesem Tag quasi in die Zange genommen. Aus zwei Richtungen stoßen die Amerikaner auf das Dorf vor. Die einen kommen über Schöngeising und Holzhausen mit ihren Panzern angerollt. Ein weiterer Trupp nähert sich von Osten. Ob das so geplant war, ist nicht sicher. Vermutlich suchen die vorrückenden Truppen nur einen neuen Weg in Richtung München. Die Hauptstraße zwischen der Landeshauptstadt und Bruck – die heutige Bundesstraße 2 – wurde offenbar noch von den Nazis gesprengt. So schreibt es zumindest Ortspfarrer Stephan Steinbacher in seinen Aufzeichnungen zum Kriegsende.

Die Dokumente vermitteln auch einen interessanten Einblick in den Gemütszustand des Geistlichen zum Ende des Krieges. Vor allem die Sexualmoral der Jugend beschäftigt den Katholiken. „Burschen und Mädchen laufen meist sehr spärlich bekleidet herum. Verschiedene Mädchen – auch einige Frauen – haben sich mit gefangenen Franzosen eingelassen.“ Umgekehrt hätten die Burschen im Dorf den Kontakt zu sogenannten Ostarbeiterinnen gesucht – und nicht selten auch gefunden.

Zwei Ex-Soldaten sind auf dem Hof

Georg Schmid hat keine Wahl. Er muss dem deutsch sprechenden Amerikaner die Wahrheit sagen. Auf dem Hof leben zu diesem Zeitpunkt tatsächlich zwei Soldaten – Ex-Soldaten, muss man sagen. Ihrer Gewehre und Uniformen haben sich die beiden längst entledigt. Bei den Schmids haben die Deserteure Unterschlupf gefunden. Jetzt gehen sie in Kriegsgefangenschaft.

Die Besatzer benahmen sich gut, sagt Georg Schmid heute. Plünderungen gab es auf dem Hof nicht. Insgesamt passierte in dem kleinen Ort, der heute zur Gemeinde Alling gehört, nichts Dramatisches. Zu verdanken haben die Biburger das ihrem damaligen Bürgermeister Thomas Friedl – dem Onkel von Georg Schmid. Der Rathauschef lief den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegen und versicherte, dass sein Dorf keine Gegenwehr leisten wird.

Friedlicher Übergang

Ihren Teil zum relativ friedlichen Übergang leisten auch entlaufene Franzosen, schreibt Pfarrer Steinbacher. Sie begrüßen die Alliierten als erste und versichern, dass das Dorf nicht verteidigt wird und die „Leute keine Nazis sind“.

Auch in der Pfarrei geht es überwiegend gesittet zu. Nur ein Taschenmesser und ein graviertes Feuerzeug kommen abhanden, schreibt der Pfarrer. Vor allem mit den Katholiken unter den Besatzern ist das Eis schnell gebrochen. „Mit kindlicher Freude zeigten sie ihr Kreuz, dass sie an einem Kettchen um den Hals trugen. Einer spielte Klavier, dann wurde der Radio eingeschaltet“, heißt es in dem historischen Bericht. Es muss eine surreale Szene gewesen sein an diesem Abend im Pfarrhaus mitten in den letzten Kriegstagen.

Noch während die Amerikaner die beiden Deserteure vom Hof der Familie abführen, geht der 14-jährige Georg Schmid wieder zum Alltag über. Er schnappt sich seine Eimer mit den gekochten Kartoffeln und füttert die Schweine. Denn die haben noch immer Hunger. Auch wenn der Krieg jetzt sicher vorbei ist.

Die Serie und mehr

zum Ende des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht das Tagblatt eine Serie mit historischen Fakten und Augenzeugenberichten. Beim Münchner Merkur ist zudem die Broschüre „Besiegt und frei“ erschienen. Sie ist auch in der Geschäftsstelle des Tagblatts erhältlich: Fürstenfeldbruck, Stockmeierweg 1.

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