Sie koordinieren die Ehrenamtlichen: Bereitschaftsleiterin Michaela Selzer und ihr Stellvertreter Sebastian Kistler. 

Althegnenberg

Sie werden zusätzlich zum Rettungsdienst alarmiert: Das sind die Helfer vor Ort

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Oft sind es Minuten oder nur Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Wenn dann der Rettungswagen etliche Kilometer aufs Land fahren muss, wird das Warten auf Hilfe zur unerträglichen Zerreißprobe. Und manchmal kommt die Hilfe zu spät. Schneller sind oft die Helfer vor Ort (HvO).

Althegnenberg – Seit 24 Jahren gibt es in Althegnenberg die HvO. Am 1. März 1995 startete das Pilotprojekt in der Gemeinde. Damals gab es vier ehrenamtliche Rotkreuzhelferinnen sowie einen Arzt aus dem Gemeindebereich, die sich die Bereitschaftsdienste teilten.

Das Team heute besteht aus etwa einem Dutzend ausgebildeter Sanitäter, die zusätzlich zum Rettungsdienst alarmiert werden. Und meistens ist der Ersthelfer der HvO auch schneller am Einsatzort – gerade im ländlichen Bereich, weit weg vom nächsten Krankenhaus. 

Helfer vor Ort hatten 360 Einsätze

Bei zeitkritischen Einsätzen mit Herzstillstand sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent pro Minute, die man warten muss, erläutert Michaela Selzer, seit zwei Jahren HvO-Bereitschaftsleiterin in Althegnenberg. Im vorigen Jahr waren von den knapp 360 Einsätzen sechs Reanimationen mit Defibrillator. „Es geht nicht immer gut aus, aber wir haben auch Erfolg“, sagt die 43-Jährige.

Helfer treffen sich im Kinderhaus

Einen festen Standort haben die Helfer vor Ort nicht. Die Treffen finden in den Räumen des Althegnenberger Kinderhauses statt, das Einsatz-Auto steht immer beim jeweiligen Diensthabenden zuhause. Der bekommt einen Piepser mit und wird gleichzeitig mit dem Rettungswagen alarmiert. „Das ist ein enormer Zeitvorteil. Wir überbrücken die Zeit, bis der Rettungswagen da ist.“ Zudem seien die Kollegen immer froh, wenn zwei weitere Hände mit anpacken können. Und man habe den Vorteil, dass das Team ortskundig ist.

Resonanz sehr positiv

Die Resonanz aus der Bevölkerung ist sehr positiv. Selzer: „Die meisten sind einfach nur froh, dass jemand kommt, der sich auskennt.“ Der psychologische Faktor sei enorm wichtig. Auch hinterher, wenn beispielsweise der Patient mit dem Rettungswagen in die Klinik gefahren wird und ein Angehöriger oft ratlos zurückbleibt. Gerade ältere Leute wüssten dann nicht, was zu tun ist. „Da helfen wir mit Rat weiter“, berichtet Selzer. Sabine Gregor, seit 2012 als Helferin im Einsatz, fügt hinzu: „Die sind plötzlich alleine mit der Situation, und es ist für sie total beruhigend, wenn von uns noch jemand dableibt.“ Manchmal müsse man, gerade bei einem Todesfall, einfach da sein und zuhören.

Nachwuchs gesucht

Am Wochenende haben die HvO eine 24-Stunden-Bereitschaft, sonst geht die Schicht von 18 bis 6 Uhr. Michaela Selzer kann inzwischen auf einen Pool aus 13 aktiven Fahrern zugreifen. Aber: „Es wird immer schwieriger, Leute zu finden, die sich ehrenamtlich engagieren.“ Nachwuchs wird dringend gesucht. Wer HvO-Fahrer werden möchte, muss eine Ausbildung und ein Praktikum im Rettungswagen absolvieren, zudem eine Blaulicht-Belehrung machen, und zwar jedes Jahr aufs Neue.

Die Bandbreite der Einsätze ist groß. Es gibt schlimme Fälle wie Herzstillstand und Atemnot, weil sich ein Geburtstagsgast an einem Kuchenstück verschluckt hatte, aber auch Hausgeburten (siehe Kasten). Selbst eine Alarmierung wegen einem eingewachsenen Nagel gab es schon mal. Aber wegen solchen Lappalien werden die Helfer vor Ort Gott sei Dank selten alarmiert.

Neues Auto

Heuer, ein Jahr vor dem 25-jährigen Bestehen, war ein neues Auto nötig. Das wurde vom BRK gestellt, die zusätzliche Ausstattung kam nach und nach dazu. Heckblitzlichter, ein Regalsystem fürs Material und eine zweite Batterie fürs Auto waren nötig. Zuschüsse dafür kamen aus dem ganzen Einsatzgebiet, also von den Gemeinden Althegnenberg, Mittelstetten, Oberschweinbach, Mammendorf, Hattenhofen, Adelshofen und Moorenweis. „Jede Kommune hat uns unterstützt“, sagt Michaela Selzer.

An die Grenzen gekommen

Seit 2012 ist Sabine Gregor eine Helferin vor Ort, auch ihr Mann Germar ist ehrenamtlich als First Responder tätig. Sabine Gregor hat schon viel erlebt bei Einsätzen, aber in jener Dezember-Nacht 2018 kam sie an ihre Grenzen. Alarmiert wurde sie, weil eine Frau in den Wehen lag. Der Alarm ging um 22.07 Uhr bei ihr ein, und als sie drei Minuten später dort ankam, wusste sie gleich: Jetzt geht es schnell. Die Geburt war nicht mehr aufzuhalten. Gregor, selbst dreifache Mutter und Leiterin des Kinderhauses, musste eine komplette Niederkunft betreuen – und das ohne die entsprechende Ausbildung. „Als ich kam, herrschte totale Panik bei den werdenden Eltern“, berichtet sie. 

Dann war das Baby da

Der Ehemann hatte seine Frau in die Klinik nach Augsburg fahren wollen, aber die meinte nur noch: „Ich glaube, das schaffen wir nicht mehr.“ Sabine Gregor selbst wurde ganz ruhig, diese Ruhe übertrug sich auf die werdende Mutter – und dann ging alles wie von selbst. „Ich kann in Stress-Situationen sehr gut fokussieren“, sagt die 53-Jährige. Sie schickte den Ehemann hinter die Gebärende und erinnerte sich an alles, was sie über Geburten wusste. „Man konnte den Kopf schon sehen, es waren nur noch drei Presswehen – und das Baby war da.“ Sie legte das Neugeborene der Mama auf den Bauch und deckte es zu. Und dann kam die Frage der Eltern: „Was ist es denn?“ 

Ein gesunder Bub war es, dem Sabine Gregor auf die Welt geholfen hatte. Das dritte Kind des Ehepaars übrigens. „Das war definitiv der schönste Einsatz, absolut einmalig“, kann Sabine Gregor jetzt erzählen. „Und ich kann sagen, ich bin total happy, dass ich da war.“ Zudem alle Kollegen hinterher betonten, dass sie heilfroh waren, an diesem Tag nicht im Dienst gewesen zu sein, sagt sie und lacht. Kurze Zeit später traf damals der Rettungsdienst ein, ebenso die Hebamme und ein Baby-Notarzt. Mutter und Kind kamen in die Klinik. Alles gut gegangen. Und der kleine Bub kommt, wenn er alt genug ist, einmal zu Sabine Gregor ins Kinderhaus Althegnenberg.

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