Innovativ: Die Module der Photovoltaik-Anlage lassen sich hochklappen. Dadurch kann ein Traktor auf der Fläche fahren, Ackerbau ist möglich. 
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Innovativ: Die Module der Photovoltaik-Anlage lassen sich hochklappen. Dadurch kann ein Traktor auf der Fläche fahren, Ackerbau ist möglich. 

Althegnenberg

Agro-Fotovoltaik: Strom und Feldfrüchte von einem Acker

  • vonStephanie Hartl
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Am Ortsrand vom Althegnenberg ist fast gänzlich unbemerkt auf einer Ackerfläche etwas entstanden, das in der Region seinesgleichen sucht: eine Agro-Photovoltaik-Anlage. Anders als bei herkömmlichen Solarparks kann die Ackerfläche weiterhin genutzt werden – ein großer Vorteil für den Landwirt.

Althegnenberg – Erst im Vorjahr hatte der Gemeinderat die Weichen für die innovative Anlage gestellt und dem Bebauungsplan zugestimmt. Im Frühjahr ging sie dann ans Netz. Von den 2,2 Hektar ist die Hälfte bis jetzt bebaut worden.

Der Clou an dieser Photovoltaik-Anlage: Die Fläche, auf der sie steht, geht nicht verloren, sondern dort kann weiterhin Ackerbau betrieben werden. Möglich wird das durch schwenkbare Module. Diese werden senkrecht gestellt – der Abstand zwischen ihnen beträgt dann 14 Meter. So ist es möglich, dass man mit dem Traktor dort durchfahren kann. Zudem kann auch Regenwasser bis zum Boden gelangen.

Ein Merchinger entwickelt die Idee

Entwickelt hat das Ganze Thomas Rebitzer aus Merching (Kreis Aichach-Friedberg). Der studierte Maschinenbauer unterrichtet an der Friedberger Fachoberschule und hat das Projekt mit seinen Seminar-Schülern vor zwei Jahren ins Rollen gebracht. „Wir haben uns Gedanken gemacht, wie beide Seiten, sprich der Landwirt und die Stromerzeugung, nebeneinander den meisten Nutzen haben könnten“, erzählt Rebitzer, der 2017 den Umweltpreis des Landkreises Aichach-Friedberg bekommen hat. Denn gewöhnlich verhindern ja Freiflächen-Solaranlagen den Ackerbau.

Nicht so bei dieser Anlage. Will der Landwirt auf dem Feld arbeiten, muss er lediglich einen Schalter betätigen, die Module fahren in die Vertikale, und es kann losgehen. Ein Reststreifen, an den der Landwirt nicht mit dem Gefährt rankommt, bleibt naturgemäß bestehen. „Da kann man noch experimentieren, etwa mit Bienenwiese oder Sträuchern“, so Rebitzer. Zudem folgen die Module per Solar-Tracking dem Lauf der Sonne, womit überdurchschnittlich hohe Stromerträge erzielt werden.

Nachdem das Projekt im Seminar langsam Form angenommen hatte, machte sich Rebitzer auf die Suche nach einer geeigneten Fläche. Die Voraussetzung war eine Nähe zur Autobahn oder zur Bahnlinie. Einige Landwirte, die er ansprach, waren nicht begeistert. „Es gab viele Zweifel, ob das funktionieren wird“, erinnert er sich.

Relativ schnell überzeugt

Gut neun Monate suchte er, bis er etwas fand. Und zwar bei Martin Gastl, Bio-Landwirt in Steinach (Kreis Aichach-Friedberg), dem nächsten Ort nach Althegnenberg Richtung Augsburg. Gastl hat eine Fläche in Althegnenberg gepachtet – von Ludwig Neuner.

„Wir waren relativ schnell davon überzeugt“, sagt Neuner. Er hatte mit privaten Solaranlagen bereits Erfahrung gesammelt. Und dann ging alles auf einmal sehr schnell. Man einigte sich darauf, dass man das Projekt gemeinsam finanziert, jede Partei sollte ein Drittel der Kosten tragen. Der Plan ging ans Landratsamt Fürstenfeldbruck, die Genehmigung ließ nicht lange auf sich warten. Und ein Installateur war auch schnell gefunden: ÖKO Haus, ein Fachbetrieb für Photovoltaik-Anlagen und Speicherkonzepte mit 20 Jahren Erfahrung, errichtete die Anlage und brachte sie ans Netz.

Die erste Bilanz fällt vielversprechend aus. „Wir können Erträge von 850 Euro pro Kilowatt/Peak (kWp) erzielen“, berichtet Rebitzer. Herkömmliche Anlagen erwirtschaften eine Summe von 600 Euro pro kWp. Neben den höheren Erträgen soll auch ein besseres Wachstum der Pflanzen erzielt werden.

„Man muss mit viel Idealismus an so etwas herangehen“

Eigentlich hatte man die Anlage im Oktober bei einem Tag der offenen Tür präsentieren wollen und dazu neben Vertretern aus Politik und Landwirtschaft auch interessierte Bürger einladen wollen. Denn die Fläche ist noch ausbaufähig, erst die Hälfte ist mit Solar-Modulen bebaut. Doch die Pandemie machte den Besitzern der Agro-Photovoltaik-Anlage einen Strich durch die Rechnung. Rebitzer hofft auf eine Einweihungsfeier im kommenden Jahr. „Ich bin überzeugt, das hat große Zukunft.“Heuer hatte Bio-Landwirt Martin Gastl Mais angebaut, da die Bauphase der Anlage erst im April abgeschlossen war. Aber der Mais, das wusste man schon vorher, wird nicht die Erträge erzielen wie sonst beim herkömmlichen Ackerbau. „Der Mais braucht viel Wärme und Sonne“, so Gastl. Er hatte daher etwa 50 Prozent Einbußen.

Derzeit wird Dinkel ausgesät, wovon sich der 42-Jährige mehr verspricht. „Das wird besser.“ Wie viel besser, wird die Ernte im Juli/August nächsten Jahres zeigen.

Gastl, dessen Hof in Steinach ist, war von dem Projekt von Anfang an begeistert, sagt aber auch: „Man muss schon wissbegierig sein und mit viel Idealismus an so etwas herangehen.“ Und das Durchfahren zwischen den Modulen brauche enormes Fingerspitzengefühl und Draufgängertum. Denn der Abstand zwischen Anlage und Traktor beträgt nur wenige Zentimeter.

Kaputt gegangen ist aber bislang noch nichts. Gastl: „Es ist immer spannend, aber man gewöhnt sich dran.“ gog

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