Zenta Kink vor einem Denkmal auf dem Hof ihrer Familie. Das Bild entstand in der Nachkriegszeit.

Serie 

Kriegsende in Althegnenberg: Flugblätter kündigten den Einmarsch an

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
    schließen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich zum 75. Mal. In jedem Ort im Landkreis Fürstenfeldbruck ereigneten sich andere Szenen. In Althegnenberg wurde Feuerholz statt Brücken gesprengt. 

Fürstenfeldbruck – Ihre Bahnüberführung haben die Althegnenberger am Ende des Zweiten Weltkriegs vor einer Sprengung gerettet. Explosionen gab es stattdessen im nahem Haspelwald. Was geschah, berichtet Zenta Kink, die damals im Grenzgebiet der Landkreise Fürstenfeldbruck und Friedberg lebte.

Die Bruckerin, Frau des ehemaligen Kreisheimatpflegers Sepp Kink, war zehn Jahre alt, als die Amerikaner nach München vorrückten und dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs ein Ende bereiteten. Sie lebte auf dem elterlichen Hof in Hochdorf, damals ein 110-Seelen-Dorf im Landkreis Friedberg – und in der Nachbarschaft von Althegnenberg.

Mit den Tagen vor dem Einmarsch verbindet Zenta Kink ein Gefühl der Ungewissheit

Mit den Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner verbinden Zenta Kink und ihre Schwester Katharina Silbernagel vor allem ein Gefühl der Ungewissheit. „Auf unserem Hof in Hochdorf wurde ein Schwein geschlachtet, um genügend Vorrat für die Verpflegung zu haben“, berichtet die Bruckerin. Der Vater habe einen Wagen, Pferdegespann und Rossdecken hergerichtet. „Man wusste ja nicht, wie alles weitergehen würde.“

Feindliche Flugzeuge seien über das Dorf geflogen und hätten Flugblätter in deutscher Sprache abgeworfen, in denen für eine friedliche Übergabe geworben wurde. „Wir Kinder suchten, sammelten und lasen sie.“ Allerdings zum Missfallen von einer Frau, die Zenta Kink nur Fräulein T. nennt – eine alleinstehende ältere Dame, die wohl aufs Land geflüchtet war und sich gegen Kost und Logis beim Bauer in Hochdorf als Näherin verdingt hatte. Fräulein T. sammelte die Zettel sofort ein und warf sie ins Feuer des heimischen Kachelofens. „Sie sagte, wir dürften sie nicht lesen, sie seien vergiftet“, berichtet Zenta Kink. „Aber wir taten es doch.“

Kriegsende in Althegnenberg: Mal sollte man sich ergeben, dann wieder doch nicht

In der Stube war die ganze Zeit das Radio eingeschaltet. „Mal hieß es, die Amerikaner stehen vor München und wir sollten uns ergeben. Dann wieder: Ergebt euch nicht, kämpft bis zum Endsieg, und so weiter“, erinnert sich Zenta Kink. „Und wir beteten mit der Mutter, dass der Spuk zu Ende gehen möge.“

Vom Westen her hörte man Kanonen donnern. Schon Tage bevor die Amerikaner einmarschierten, retteten die benachbarten Althegnenberger ihre Bahnüberführung. „Eine kleine Gruppe deutscher Soldaten sollten die Überführung bewachen und letztendlich auch sprengen“, weiß Zenta Kink. Doch die Soldaten hatten sich Tage vor dem 28. April, „wohl im Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung und unter Todesgefahr“, so die Bruckerin, aus dem Staub gemacht. Den Sprengstoff hatten sie den Einheimischen überlassen, die diesen gleich nutzten. „Sie wandelten umgehend ein paar Fichten im Haspelwald zu Brennholz um.“

Ausgehungerte Soldaten baten um ein Nacht-Quartier

Auch auf dem Hof in Hochdorf waren die deutschen Bewacher am 28. April längst verschwunden. Stattdessen kam eine Gruppe ausgehungerter, deutscher Soldaten und fragte um ein Nacht-Quartier an. „Mein Vater erlaubte ihnen, im Stadel zu bleiben.“ Mit der nachdrücklichen Ermahnung, dort ja nicht zu rauchen. Vom Anführer der Gruppe bekam der Vater den Rat, weiße Laken herzurichten, um den Amerikanern ihre Aufgabe zu signalisieren. Und so kam es schließlich auch.

Zenta Kink heute. 

Am Sonntag, 29. April, war Zenta Kink mit ihrer Familie beim Gottesdienst, als jemand die Kirchentür aufriss und schrie: „Die Amerikaner kommen!“ Zenta Kinks Vater, ihre damals 19-jährige Schwester und Fräulein T. gingen den US-Soldaten mit weißen Fahnen entgegen und signalisierten, dass sie das Dorf kampflos übergeben würden. Die deutschen Soldaten auf dem Hof wurden entwaffnet und gefangen genommen. Die großen Fahrzeuge fuhren zurück Richtung Steinach, um über die B2 durch Althegnenberg weiter Richtung München zu ziehen.

Die Hochdorfer Kinder freuten sich, dass sie für jeden freundlichen Gruß von den Amerikanern ein Drops oder einen „chewing gum“ erhielten. Zenta Kink: „Der Krieg war zu Ende – und es war eine Erlösung von all der Angst und dem Schrecken der vorangegangenen Jahre.“

Lesen Sie auch: 

Kriegsende in Olching - wie Bürger den Volkssturm austricksten

Kriegsende in Mammendorf - Die Zerstörung kam mit der Stunde Null

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Olching: Testergebnisse aus Kindertagesstätte sind da
Nachdem eine Kinderpflegerin positiv auf Corona getestet wurde, wurde die Einrichtung komplett geschlossen. Nun liegen alle Testergebnisse der Kontaktpersonen vor.
Olching: Testergebnisse aus Kindertagesstätte sind da
Wegen Corona fehlen den Betrieben Azubis
In wenigen Wochen beginnt das neue Ausbildungsjahr. Und viele Betriebe sind immer noch auf der Suche nach Lehrlingen. Schuld daran ist auch die Corona-Pandemie.
Wegen Corona fehlen den Betrieben Azubis
Fürstenfeldbruck: Stadt bietet Online-Unterstützung für Ausflügler
Navigations-Apps auf Smartphones erfreuen sich bei Wanderern und Radfahrern immer größerer Beliebtheit. Jetzt setzt auch die Stadt Fürstenfeldbruck auf diesen Trend.
Fürstenfeldbruck: Stadt bietet Online-Unterstützung für Ausflügler
Gratis-Radl am Bahnhof: Viele demoliert, eines schon ganz verschwunden
Der kostenlose Rad-Verleih am Gröbenzeller Bahnhof kommt gut an. Allerdings gehen nicht alle mit den Drahteseln pfleglich um – einer ist sogar schon ganz verschwunden.
Gratis-Radl am Bahnhof: Viele demoliert, eines schon ganz verschwunden

Kommentare