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Zwei alte Dachstühle für ein neues Heim

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Leben unter alten Balken: Josef Kraus’ Tochter Johanna wohnt mit ihrem Mann Giovanni und den drei Töchtern dort.
Leben unter alten Balken: Josef Kraus’ Tochter Johanna wohnt mit ihrem Mann Giovanni und den drei Töchtern dort. © Weber

Recycling beim Hausbau: So könnte man das nennen, was Josef Kraus in Hörbach betrieben hat. Als er an der Sandbrunnenstraße ein neues Gebäude errichtete, integrierte er an prominenter Stelle altes Material: Aus zwei historischen Dachstühlen wurde ein neuer.

Hörbach Das Gebäude an der Sandbrunnenstraße wird auch das „Rote Haus“ genannt, wegen der markanten, ochsenblutroten Farbe. Ockergelb eingerahmte Fenster, neben denen sich Wein emporrankt, alte Haustüren, ein Garten mit Obstbäumen und eine kleine Straße vor dem Grundstück, die von Nuss- und Zwetschgenbäumen gesäumt ist – das Grundstück der Familie Kraus macht einen friedvollen und gemütlichen Eindruck.

Josef Kraus hat das Rote Haus Anfang der 1990er-Jahre erbaut. Auf der alten Hofstelle seiner Eltern war damals das Wohngebäude abgebrannt. Kraus baute neu – aber gleichzeitig auch mit historischem Flair. Das sieht man, wenn man in das Dachgeschoss hinaufsteigt. Der Dachstuhl liegt frei und umrahmt den Wohnbereich von Tochter Johanna Kraus und ihrer Familie, die dort in einem großen Raum Küche und Wohnzimmer untergebracht hat.

„Rotes Haus“: So wird im Althegnenberger Ortsteil Hörbach das Gebäude an der Sandbrunnenstraße genannt.
„Rotes Haus“: So wird im Althegnenberger Ortsteil Hörbach das Gebäude an der Sandbrunnenstraße genannt. © Weber

Das Besondere an den Balken kann man schon mit dem bloßen Auge erkennen: Die meisten sind dunkel, gefurcht, nur einige wenige sind heller. Denn Josef Kraus hat sich keinen neuen Dachstuhl zimmern lassen. Er hat selbst in den umliegenden Dörfern nach historischem Baumaterial gesucht und das dann verwertet. „Es ist aus zwei Dachstühlen einer geworden“, erklärt Kraus. Einen hat er in Hausen bei Hofhegnenberg gefunden. „Das habe ich gesehen, dass der schön ist“. Den anderen hat er in Luttenwang entdeckt. Kraus vermutet, dass beide Dachstühle aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammen. Die Besitzer haben sie ihm überlassen. „Die waren froh, dass sie sie losgebracht haben“, erzählt Kraus. „Ich habe ja auch beide abgebaut.“ Das Fichtenholz wurde nach Hörbach transportiert, und Kraus baute seinen eigenen Dachstuhl daraus. Ein wenig Neues ist auch dabei, einige Sparren und ein Dachbinder sind aus frischem Holz gezimmert.

Die Treppengeländer hat der Hausherr gemacht.
Die Treppengeländer hat der Hausherr gemacht. © Weber

Hilfe bekam Kraus von seinem Neffen, der damals praktischerweise gerade in der Schreiner-Lehre war. Und noch jemand half: Ein junger Tscheche, den Kraus als Tramper aus München mitnahm, war an dem Bauprojekt so interessiert, dass er „immer wieder gekommen“ ist, erzählt Kraus.

Der Dachstuhl ist aber nicht das einzige Ungewöhnliche, das der heute 80-Jährige an dem Haus gestaltet hat. Man muss nur von oben nach unten gehen: Dort ist der Keller in Form einer eingedrückten Ellipse gemauert, eine Form, die wie die alten Brauerei-Keller anmutet. Das Untergeschoss wurde schon für Ausstellungen des Projekts Hofmark-Art genutzt.

Die Haustüren hat Kraus ebenfalls gesammelt, auch sie sind historischen Ursprungs. Die Treppengeländer sind das geschnitzte Eigenwerk des ehemaligen Volksbank-Angestellten.

Josef Kraus hat Freude an Recycling.
Josef Kraus hat Freude an Recycling. © Weber

So schön der Dachstuhl anzuschauen ist – „staubig wird es schnell, und der ein oder andere Holzwurm ist da“, sagt Johanna Kraus, die mit ihrem Mann Giovanni Longo und den drei Töchtern dort lebt. Weil die Dachschräge keine Schränke zulässt, muss alles in Regalen untergebracht werden. „Mit Kindern ist es dann chaotisch“, sagt Johanna Kraus und lacht. Dennoch hat das Leben unter dem historischen Dachstuhl natürlich eine gewisse Qualität, sagt sie: „Gemütlich ist es schon.“

Fabian Dilger

Häusergeschichten: In loser Folge wurden in der Serie „Häusergeschichten“ besondere Gebäude und ihre Bewohner vorgestellt. Mit dem „Roten Haus“ in Hörbach endet die zehnteilige Serie.

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