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Bub hat Asperger-Syndrom: Kampf mit dem Jugendamt

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Schulbesuch mit Begleiter: Für viele Kinder, die das Asperger-Syndrom haben, ist der Unterricht nur so zu bewältigen. Doch diese Unterstützung ist sehr teuer.beispielfoto: dpa
Schulbesuch mit Begleiter: Für viele Kinder, die das Asperger-Syndrom haben, ist der Unterricht nur so zu bewältigen. Doch diese Unterstützung ist sehr teuer.beispielfoto: dpa

Fürstenfeldbruck - Wenn Clemens’ Lieblingsplatz in seinem Stammcafé besetzt ist, geht er wieder. Der 14-Jährige braucht Routine, ohne die kommt er nicht klar:

Denn Clemens hat das Asperger-Syndrom. Um seinen Alltag zu meistern, braucht er Hilfe. Um die jedoch muss er nun bangen.

Im Klassenzimmer ist es für Clemens, als würde er mitten auf einer Tanzfläche sitzen. Als würden alle Mitschüler um seinen Tisch herumspringen. Alle sprechen durcheinander, in voller Lautstärke. Lichtfetzen, Schattenspiele, Geräuschkulissen - alle Sinneswahrnehmungen prasseln auf ihn ein. Clemens kann nichts herausfiltern, keine unwichtigen Eindrücke abstellen. „Mein Sohn lernt und arbeitet jeden Tag mitten in einer Disco“, erklärt seine Mutter. „So kann man sich seinen Alltag vorstellen.“

Das Asperger-Syndrom ist eine abgeschwächte Form des Autismus. Damit die Schule für Clemens ein bisschen weniger Disco und ein bisschen mehr Normalität ist, braucht er Hilfe. Seit einem knappen Jahr hat er einen Schulbegleiter, der ihm vom Jugendamt des Landratsamtes gestellt wird: Der 20-jährige Philip ist vom Bundesfreiwilligendienst (Bufdi). Er geht jeden Tag mit Clemens zum Unterricht, hilft ihm, sein Leben zu organisieren. Bis März hat er das 40 Stunden in der Woche getan.

Jede Stunde kostet knapp zwölf Euro. Nun hat das Landratsamt die Förderung auf 30 Stunden gekürzt - weil Clemens kleine Fortschritte gemacht hat. Aus Sicht der Behörde eine durchaus logische Entscheidung. Clemens’ Mutter jedoch kann sie überhaupt nicht verstehen. „Mein Sohn braucht den Schulbegleiter“, sagt sie. Er braucht Routine und Struktur. „Sonst läuft alles an ihm vorbei.“

Seit vergangenem Jahr weiß sie, warum ihr Sohn so ist wie er ist: Da wurde die Diagnose Asperger gestellt. Clemens kann in Gesichtern anderer Menschen nicht lesen, er kann keine Zwischentöne erkennen, Gut und Schlecht nicht unterscheiden. „Wenn ich zu ihm sage ,Bring bitte mal den Computer in Gang’, nimmt er mich wörtlich“, erklärt seine Mutter. Dann trägt der 14-Jährige den PC einfach in den Hausflur.

Früher galten Mädchen und Buben wie Clemens häufig als sozial unfähig oder wurden als ADHS-Kind eingestuft. „Heute kommt das Asperger-Syndrom immer häufiger vor“, erzählt seine Mutter. Das hängt unter anderem mit der verbesserten Diagnostik zusammen, wie Dietmar König vom Kreisjugendamt erklärt: „Die ist qualifizierter als vor fünf oder zehn Jahren.“

Für Clemens ist Asperger normal, er kennt nichts anderes. Die Kinder in der Schule schon: Sie sehen in dem 14-Jährigen jemanden, der nicht so ist wie sie selbst. „Er wurde in der Vergangenheit gemobbt“, sagt seine Mutter. Das hat sich auf den Buben ausgewirkt. Er wurde krank, seine Noten schlecht. „Clemens ist eigentlich hochbegabt, so wie viele Menschen mit Asperger-Syndrom.“

Besser geworden ist alles erst, seit der Bub den 20-jährigen Philip hat. „Die beiden verstehen sich blind“, erzählt seine Mutter. Deswegen hat Clemens in den vergangenen Monaten auch ein paar kleine Fortschritte gemacht: Er geht jetzt in die Mensa, setzt sich mit den anderen Kindern an einen Tisch, isst die Mahlzeiten, die dort angeboten werden. „Das war früher undenkbar“, sagt seine Mutter.

Dass die Förderung genau jetzt reduziert wird, empört sie deshalb. „Es läuft nur ein kleines bisschen besser“, sagt sie. Zwei bis drei Jahre brauche ihr Sohn sicher noch, bis sich Routine einpendelt. „Wenn Philips Stunden reduziert werden, wird es wieder schlimmer.“ Und eine weitere Angst bleibt: Dass aus den 30 Stunden 20 werden, dann irgendwann zehn - und der Bufdi am Ende komplett gestrichen. Genau das sei allerdings auch das Ziel der Jugendhilfe. „Irgendwann sollte diese nicht mehr erforderlich sein“, erklärt Dietmar König von der Behörde.

Clemens’ Mutter hat sich nun einen Anwalt genommen. „Ich kämpfe für meinen Sohn“, sagt sie. „Denn er kann nicht für sich selbst kämpfen.“

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