Ausrede für rechts überholen: Der andere fuhr langsamer als erlaubt

Kottgeisering/Starnberg – Im dichten Verkehr auf den Durchgangsstraßen schlagen oft die Emotionen hoch. Ein Vorfall auf der Lindauer Autobahn beschäftigte nun das Starnberger Amtsgericht – obwohl kein Crash passiert ist.

Auf der Anklagebank saß ein 75-Jähriger aus Kottgeisering. Auf Höhe Wörthsee hat der 75-jährigen Ingenieur im April 2016 mit seinem Toyota einen österreichischen Opelfahrer bedrängt und einen BMW-Fahrer beleidigt. Der Mann im Opel war in Richtung Landsberg unterwegs und hielt sich ständig auf der linken Spur, obwohl er relativ langsam fuhr.

Das brachte den Kottgeiseringer in Rage. Er fuhr dicht auf den Opel auf, überholte schließlich rechts und scherte vor dem Österreicher gefährlich nahe wieder ein. Einen BMW-Lenker zwang er durch das riskante und verbotene Manöver ebenfalls zu einer scharfen Bremsung. Als er bei Wörthsee von der Autobahn herunter fuhr, zeigte er dem BMW-Fahrer noch einen Vogel und den gereckten Mittelfinger.

So lautete zumindest die Anklage. Der sehr vornehm wirkende Beschuldigte bestritt vor Gericht die beleidigenden Gesten, ließ seinen Anwalt aber vortragen, dass „der Österreicher“ schon ab Germering die linke Autobahn-Spur für sich gepachtet hatte – also über 17 Kilometer. „Der fuhr nur 80 statt der erlaubten 100 beziehungsweise später 120, da haben alle rechts überholt“, erläuterte der 75-Jährige sein Verhalten.

Dass andere auch gegen die Verkehrsordnung verstoßen hätten, mache die Sache nicht besser, kommentierte die Richterin. Als der Ingenieur dann auch noch Berechnungen vortrug, wonach der vermeintlich beleidigte BMW-Fahrer Vogel und Stinkefinger nur bei hohem Tempo und viel zu wenig Abstand gesehen haben könne, bat die Vorsitzende den Toyota-Fahrer noch vor Anhörung von Opel- und BMW-Lenker zu einem Rechtsgespräch, um ihre Einschätzung des Falles zu signalisieren.

Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wurde danach auf die Einvernahme der Zeugen verzichtet und folgendes beschlossen: Der Angeklagte beschränkte seinen Einspruch gegen den ursprünglichen Strafbefehl wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und Beleidigung auf die Höhe des Strafmaßes. So wurde er vom Amtsgericht zu 3500 Euro Straße und einem Monat Fahrverbot verurteilt.  (ty)

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