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Die Hand mit der Schnittverletzung ist inzwischen verbunden. Arbeiten kann Miriam K. mit diesem Handicap zwei Wochen lang nicht.

“Muss man erst halbtot sein?“

Opfer klagt an: Blutige Finger zu harmlos für Sanitäter

Viele kennen die Situation: Es ist Abend, alle Arztpraxen haben längst geschlossen. Da verletzt sich jemand. Woher kann Hilfe kommen? Eine junge Frau aus Landsberied hatte jetzt nach einem tiefen Schnitt in die Hand das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Ein Einzelfall, der ganz grundsätzliche Fragen aufwirft.

Landsberied– Freitagabend, etwa 21 Uhr. Miriam K. geht mit einem Weinglas in der Hand daheim eine Treppe hinauf. Sie stolpert, das Glas fällt herunter und zerbricht. Die 30-Jährige fällt mit der Hand in die Splitter. Zwei Finger sind aufgeschnitten Die Wunde blutet stark.

Miriam K. und ihre Familie sind erschrocken und aufgewühlt. Hilfe muss her. Man ruft unter der Nummer 112 die Integrierte Leitstelle (ILS) an. Der Disponent am anderen Ende der Leitung lässt sich den Vorfall schildern und schickt einen Rettungswagen. Zehn Minuten später ist der vor Ort.

Für die Sanitäter lag kein Notfall vor

So weit so gut. Dann wird es kompliziert. Die Sanitäter kommen zu dem Schluss, dass es sich bei der Wunde um eine Bagatell-Verletzung handelt. Die 30-Jährige hat zudem keinerlei Probleme mit dem Kreislauf, sie wirkt stabil. Sprich: Für die Sanitäter liegt hier kein Notfall vor. Sie sind eigentlich nicht zuständig. Die Sanitäter bieten Miriam K. zwar an, sie ins Krankenhaus zu fahren. Allerdings erklären sie ihr auch, dass sie dafür 35 Euro berappen müsste. Denn ohne Notfall-Definition würde der Einsatz als Krankentransport definiert. Und den bezahlt die Kasse nicht.

Die 30-Jährige aber will gar nicht in die Klinik, es sind Kinder im Haus. Sie hatte einfach auf Versorgung gehofft. Außerdem kommt es im Laufe des Gesprächs offenbar zu einem Missverständnis: Bei den Sanitätern kommt die Botschaft an, die Schwester der Verletzen könne diese verbinden und selbst versorgen.

Die Stimmung sei völlig einvernehmlich gewesen, erklärt die Besatzung des Rettungswagens später hinterher. Daher seien sie in der Meinung, dass alles okay ist, wieder gefahren.

„Muss man erst halbtot sein, damit geholfen wird?“

Miriam K. fragt sich nach diesem Erlebnis: „Muss man erst halbtot sein, damit geholfen wird?“ Sie findet, die Sanitäter hätten ihr zumindest erste Hilfe leisten müssen. Ihre Schwester habe zudem nie behauptet, sie versorgen zu können. Geholfen habe am Ende ein Nachbar. Der arbeite bei der Berufsfeuerwehr und kenne sich mit Wundversorgung aus.

Am Montag geht die 30-Jährige zum Arzt. Der erklärt, dass der Schnitt hätte genäht werden müssen. Die Finger fühlen sich pelzig an. Miriam K. arbeitet als Verkäuferin und teils in der Gastronomie. Sie wird für zwei Wochen krankgeschrieben.

Zur Ausstattung des Rettungswagens gehört kein Wunddesinfektionsmittel

Ein Sprecher des Rettungsdienstes betont nach diesem Vorfall: Die Sanitäter haben alles richtig gemacht. „Leichte Schnittverletzungen und Hautabschürfungen rechtfertigen keinen Notfall-Einsatz.“ Und weiter: „Wir sind nicht für Hausbesuche oder häusliche Versorgung ausgelegt.“ Der Rettungsdienst sei da für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder schlimme Unfälle. Zudem sei ja angeboten worden, die Frau in die Klinik zu fahren. Das hätte aber wie die Fahrt zu jeder Praxis selbst bezahlt werden müssen.

Natürlich hätten die Kollegen der Landsberiederin ein Pflaster verpassen können, sagt der Sprecher des Rettungsdienstes. Zur Ausstattung des Rettungswagens gehöre aber kein Wunddesinfektionsmittel. Und ein solches sei schon angezeigt gewesen, wobei die meisten Leute solche Mittel zu Hause hätten. Der Sprecher bedauert, die Misstöne. Bei 27 000 Einsätzen im Jahr komme es vielleicht 20 Mal zu Einsätzen mit kleineren Verletzungen – darauf sei man einfach nicht ausgelegt.

Die sechs wichtigsten Anlaufstellen im Notfall

Im medizinischen Rettungswesen sind die Aufgaben genau verteilt. Für Laien ist das nicht immer auf Anhieb zu durchschauen. Mike Zimmermann, stellvertretender Leiter der Integrierten Leitstelle (ILS) Fürstenfeldbruck gibt Tipps, wann man wo welche Hilfe bekommt.

1. Die Nummer 112 der ILS sollte man wählen bei akuten Beschwerden, die lebensbedrohlich sein könnten. Ein plötzlicher Schmerz in der Brust etwa könnte auf Herzinfarkt hinweisen. Auch bei Wunden mit großem Blutverlust schickt die ILS den Rettungsdienst los.

2. Die Nummer 116 117 ist die richtige, wenn es außerhalb der Praxiszeiten um medizinischen Probleme geht, mit denen man sich sonst an der Hausarzt wenden würde, etwa Erkältungen oder ältere Wunden.

3. Unter beiden Nummern melden sich Profis, die den jeweiligen Fall bewerten und die gegebenenfalls an die andere Nummer verweisen.

4. Zur Notaufnahme in die Brucker Kreisklinik kann man mit akuten Verletzungen, etwa frischen Wunden, die genäht werden müssen, oder kleineren Brüchen. Den Transport muss man privat organisieren.

5. In der Kreisklinik gibt es für leichtere Fälle die ärztliche Bereitschaftspraxis (Öffnungszeiten täglich auf Seite 2 im Tagblatt).

6. Ein Video von der Kassenärztlichen Vereinigung erklärt, wann welche Nummer die richtige ist. Es steht im Internet auf Youtube (Suche: 112 116117)

von Thomas Steinhardt

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