Im Kreise ihrer großen Familie feierte Waltraud Mall ihren 100. Geburtstag. Pünktlich zu ihrem Ehrentag waren die Kontaktbeschränkungen gelockert worden. 	Fotos: hartl
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Im Kreise ihrer großen Familie feierte Waltraud Mall ihren 100. Geburtstag. Pünktlich zu ihrem Ehrentag waren die Kontaktbeschränkungen gelockert worden.

Feier

Egenhofens einzige 100-Jährige feiert Geburtstag

  • VonStephanie Hartl
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Ihr Leben würde locker ein ganzes Buch füllen, so viel hat sie schon erlebt. Das sagt Waltraud Mall aus Egenhofen sogar selbst. 100 Jahre ist sie jetzt alt geworden.

Egenhofen – Derzeit ist sie laut Bürgermeister Martin Obermeier die einzige in der Gesamtgemeinde, die solch ein stolzes Alter erreicht hat. Ihren Geburtstag feierte Waltraud Mall im Kreis der Familie. Ganz kurzfristig hat Sohn Manfred die Feier noch auf die Beine gestellt, als die Corona-Lockerungen bekannt gegeben wurden.

Aufgewachsen ist Waldtraud Mall in Schwerin an der Warthe im heutigen Polen, als letztes von sieben Kindern. „Ich war ein richtiger Nachzügler, meine älteste Schwester war schon 20, als ich geboren wurde“, erinnert sie sich. Der Vater war selbstständiger Mühlenbauer, kam viel herum, arbeitete auch oft in Holland. Als sein jüngstes Kind drei Jahre alt war, starb er.

Waldtraud Mall zog es später nach Berlin, mit der Mutter hatte sie bis zu deren Tod in der Heimat gelebt, danach wohnte sie bei der Schwester. Der Krieg begann, Waltraud Mall ging in der Hauptstadt zur Handelsschule, begann zu arbeiten und lernte einen jungen Soldaten aus Bayern kennen. Diese erste Begegnung mit ihrem Michael sollte nicht die letzte bleiben. 1944 gaben sich die beiden in Berlin-Mitte das Ja-Wort.

Waltraud Mall als junge Frau.

Doch das Glück wurde vom Zweiten Weltkrieg überschattet. Ein Jahr später sollten sie getrennt werden, als der Krieg gerade zu Ende ging. Michael Mall musste zuletzt noch an die Front, und seine Frau durfte ihre Dienststelle nicht verlassen. Sie arbeitete in einer Munitionsanstalt in der Buchhaltung. Ganz in der Nähe der Arbeit hatte das Ehepaar auch seine Wohnung, schwebte während der Bombardierung der Stadt ständig in höchster Lebensgefahr.

Als der Krieg aus war, machte sich Waldtraud Mall auf den Weg nach Egenhofen, der Heimat ihres Mannes. „Meine Schwiegermama hatte so oft geschrieben, ich solle endlich zu ihr kommen, wo ich sicher wäre“, erinnert sich die 100-Jährige. Aber die junge Frau hatte während des Krieges ihren Arbeitsplatz nicht verlassen dürfen. Das ging erst nach der Kapitulation.

Dort, im knapp 600 Kilometer entfernten Egenhofen, wollte sie sich mit ihrem Michael treffen. Denn was aus ihm geworden war, wusste sie lange Zeit nicht. Waltraud Mall machte sich zu Fuß auf den Weg Richtung Bayern, begleitet von zwei Bekannten war sie vier Wochen lang unterwegs, vorwiegend zu Fuß. „Alleine hätte ich ja auch gar nicht den Weg gewusst“, erzählt sie.

Die drei marschierten erst nach Thüringen, überquerten schließlich die Mulde, einen Nebenfluss der Elbe. „Wir mussten nachts durchschwimmen“, erinnert sie sich. Unterwegs waren sie auf die Mildtätigkeit der Bevölkerung angewiesen, mussten um Essen und einen Schlafplatz betteln.

Als sie endlich nach vier Wochen Fußmarsch in Egenhofen angekommen war, erfuhr sie, dass ihr Michael es ebenfalls nach Hause geschafft hatte. Doch kurz bevor sie ankam, musste er wegen einer Verletzung ins Krankenhaus. Als ihn seine junge Ehefrau endlich wiedersah, erkannte er sie zunächst gar nicht. „Ich war sehr schlank geworden, braun gebrannt und hatte von der Sonne strohblondes Haar bekommen. Ich hab ganz fremd ausgeschaut“, sagt sie. Doch dieser Zustand dauerte nicht lang. In Egenhofen kam das Paar zur Ruhe. Hier wurde ihr Sohn Manfred geboren.

Nach ein paar Jahren auf dem großen Bauernhof der Familie zogen die Malls berufsbedingt nach München. Dort verbrachten sie 55 glückliche Jahre, erst 2005 sollten sie wieder zurück nach Egenhofen kommen.

Auch Bürgermeister Martin Obermeier gratulierte. 

Doch viel Zeit blieb Michael Mall nicht mehr an dem Ort, an dem er einst aufgewachsen ist. 2007 musste sich Waldtraud Mall von ihrem Mann verabschieden, als er mit 92 Jahren starb. Eine Stütze in dieser schweren Zeit war die große Familie. Waldtraud Mall hat vier Enkelkinder und inzwischen auch ein Ururenkelchen. Und in Egenhofen leben noch viele Verwandte ganz in der Nähe.

Früher ist sie sehr gerne schwimmen gegangen im Naturbad im Ort, erzählt sie. Inzwischen geht das nicht mehr, Spaziergänge mit dem Rollator macht sie aber noch gerne. Ansonsten liest sie sehr viel, am liebsten historische Romane, die in England spielen. „Dafür hab ich ja mein kleines Buch“, lacht sie und hält ihren E-Book-Reader hoch, auf dem sie am liebsten liest.

Oft erinnert sich Waltraud Mall noch gerne an das Egenhofen von früher, als der Mall-Hof der zweitgrößte Hof im Ort war und jedes kleine Gehöft noch Milchkühe hatte. „Heute gibt es hier keine einzige Kuh mehr“, sagt sie.

Gereist ist sie auch viel, war in England, dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und sehr viel in Österreich unterwegs. „Mein Mann war ein richtiger Bergwanderer, jedes Wochenende waren wir früher in den Bergen“, sagt sie.

Richtig krank ist sie übrigens nie gewesen in ihrem langen Leben. Ihre lieb gewonnene Tradition, sonntags zum Essen zu gehen, musste coronabedingt jetzt lange ausfallen und per Abholservice zu Hause ersetzt werden. Aber passend zu ihrem großen Geburtstag durften die Wirtschaften wieder aufmachen, und es ging mit der Familie zum Feiern ins Schloss nach Odelzhausen (Kreis Dachau).

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