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Martin Obermeier hat in alten Dokumenten gestöbert.

Schlägereien als Kulturphänomen

Geschichte des Raufens: Früher flogen die Fäuste

Wenigmünchen – Der Wenigmünchner Martin Obermeier ist wahrlich kein Raufbold. Dennoch hat er sich intensiv mit der Geschichte des Raufens im Brucker Land beschäftigt – mit erstaunlichen Resultaten.

„Michael Näßl von Egenhofen, aus der Hofmark, hat Hans Loderpanckh von Unterschwainbach in der fürstenfeldischen Tafern zu Mittelstetten auf einer Hochzeit mit einem Glas am Kopf blutrünstig geschlagen.“ So ist eine Auseinandersetzung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in einem Gerichtsprotokoll des Jahres 1636 vermerkt. Und so kann man es in der aktuellen Ausgabe des Heimathefts „Geschichte(n) aus der Gemeinde Egenhofen“ nachlesen.

Der Bericht des Wenigmünchner Gemeinderats Martin Obermeier zur Historie des Raufens ist gleichermaßen informativ und unterhaltsam. Nicht nur, weil man darin Namen entdeckt, die ziemlich vertraut klingen. Obermeier muss schmunzeln, als er erklärt: „Das war nicht mein Motiv, mich mit dem Thema zu beschäftigen.“ Ihn interessieren vielmehr Schlägereien als Kulturphänomen. „Wenn man mit der älteren Generation redet, scheinen Schlägereien früher an der Tagesordnung gewesen zu sein“, berichtet der 58-Jährige.

Er selber wäre nie in derlei Händel verwickelt gewesen, beteuert er: „Ich kann mich nicht mal an eine Schlägerei erinnern, bei der ich Zeuge gewesen wäre.“ Umso überraschter war Obermeier, als er bei seinen Nachforschungen auf einen Gesundheitsbericht für das Landgericht Bruck aus den 1850er-Jahren stieß, in dem es heißt, dass eine „Mutter ihre Freude nicht unterdrücken konnte, wenn ihr Sohn den ersten Raufhandel mit Ehren bestanden hatte“. Oder dass „Raufen und Wildern durchaus nicht für entehrende Handlungen gelten“. Interessanterweise aber nur für Junggesellen, hingegen „ist es für den verheiratheten Mann unschicklich, sich an einem Raufhandel zu beteiligen“, wie der unbekannte Chronist vor rund 160 Jahren festhielt.

In jener Zeit kam es hierzulande zu Szenen, die man eher im Wilden Westen ansiedeln würde als im beschaulichen Oberbayern. So heißt es in einem Bericht über einen Vorfall im Frühjahr 1877: „In Wenigmünchen haben am vergangenen Sonntag rohe Burschen im dortigen Wirtshause ihre Revolver abgeschossen und sich derart aufgeführt, daß sämmtliche Gäste sich flüchten mussten. Mehrere Verwundungen sind vorgekommen und wurden 8 der Excedenten (Übeltäter – Anm. d. Red.) gerichtlich eingezogen (verhaftet)“.

Oft kam es im Umfeld von religiösen Feiern oder Tanzveranstaltungen zu ausgiebigen Raufereien und zu Massenschlägereien. Der Wenigmünchner hat einen Bericht im Amperboten vom 7. November 1877 gefunden, bei dem man unwillkürlich an heutige Fußball-Hooligans denken muss, die sich oft zu regelrechten Schlachten verabreden: „Es ist bekannt, wie die Bauernburschen unserer Gegend zusammenhalten (…) und wie sie kleine Kriegszüge in optima forma ausführen. So waren es diesmal die Burschen von Wenigmünchen bei Bruck, denen die Burschen von Osterholzen, Oberweikertshofen, Rottbach und Dirlesried Urfehde geschworen hatten.“ Der damalige Reporter zählt Namen wie Steber, Hörl, Kistler, Kappelmaier, Obermaier oder Haberl auf, die bei den Wenigmünchner Kontrahenten aktiv waren. Der Journalist urteilt amüsiert: „Wenn man die Angeklagten so hört, so sind sie unschuldiger als die Lamperln und gehörten eigentlich die Burschen von Wenigmünchen auf die Anklagebank.“

Obermeier berichtet mit Vergnügen von seinen Recherchen und den manchmal verwirrenden Ergebnissen. So heißt es zum Beispiel in einer Gerichtsnotiz aus dem Jahre 1655: „Hanns Haitmayr von Waltenhoven und Hans Ramb von Wenigmünchen, Lauterbacher Hofmark, haben zu Waltenhofen mit trockenen Fäusten gerauft.“ Was mögen wohl „trockene Fäuste“ sein? Obermeier vermutet, „dass bei dieser Schlägerei kein Blut geflossen ist“. Die Formulierung „trockenes Raufen“ habe er des Öfteren in den historischen Quellen gefunden.

Welches Fazit hat der Heimathistoriker aus seinen Forschungen gezogen? Er überlegt kurz: „Mit der ,guten alten Zeit‘, von der so gerne die Rede ist, scheint es mir nicht allzu weit her zu sein. Früher ging es wohl deutlich gewalttätiger zu als heutzutage.“

Horst Kramer

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