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Der Tote von Wenigmünchen

Nach dem Hass bleiben der Witwe nur die Tränen

Marek H. war nach Deutschland gegangen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Seine Frau Michaela war schwanger, das Geld in der slowakischen Heimat knapp. Ihr Mann fand in Bayern als Maurer Arbeit – und den Tod. Zum Prozess gegen seine Peiniger kam die Witwe nach Deutschland.

Egenhofen –  In einer Unterkunft für Arbeiter im Egenhofener Ortsteil Wenigmünchen haben ein slowakischer und ein ungarischer Arbeiter den Vater im Suff geprügelt. Später lag er tot auf der Straße. Witwe Michaele H. musste jetzt beim Prozess vor dem Münchner Landgericht aussagen.

Im Zeugenstand konnte die heute 37-jährige dreifache Mutter die Tränen nicht zurück halten. Sie weint immer wieder. „Das Schlimmste ist, dass sein kleiner Sohn seinen Vater niemals mehr kennen lernen wird“, sagt sie. Für die Mutter war es ganz wichtig, dabei zu sein, wenn den beiden mutmaßlichen Peinigern ihres Mannes der Prozess gemacht wird. „Ich will wissen, warum sie ihm das Leben genommen haben.“

Doch wäre es so gelaufen, wie zumeist, wenn Menschen aus armen Ländern in Deutschland den Tod finden, hätte sie bei der Gerichtsverhandlung nicht dabei sein können. „Die Fahrt und eine Pension hätte ich mir niemals leisten können“, sagt sie. Von gut 600 Euro im Monat muss die Witwe sich, ihren zehn Monate alten Sohn und die beiden älteren Kinder versorgen. Jede Packung Windeln sei „eine Herausforderung“.

Aber es gab hierzulande Menschen, die das Schicksal der Witwe bewegte – die ihr halfen. Der Weiße Ring zahlte ihr die Busfahrt und die Unterkunft, darüber hinaus organisierte die Opfer-Hilfsorganisation eine Übersetzerin. Auch bei den vielen bürokratischen Formalitäten halfen Klaus Frank und Manfred Hofmann vom Weißen Ring Fürstenfeldbruck. „Es hatte etwa große Probleme bei der Überstellung des Leichnams in die Slowakei gegeben“, sagt Michaela H..

Doch eine Beerdigung ihres Mannes in der Heimat war der Katholikin wichtig. Als ehemaliger Polizeichef von Germering weiß Klaus Frank gut, wie deutsche Behörden funktionieren. Der Aufkirchner hilft, wenn Hinterbliebene von Opfern wie Helmesová im Dschungel der Bürokratie nicht mehr weiterwissen.

Frank kritisiert: „Opfer von Verbrechen werden vom Staat in Deutschland noch immer viel zu oft im Stich gelassen.“ Wer Sprache und hier geltendes Recht nicht kenne, habe es besonders schwer. Er könne in solchen Situationen nicht anders, als zu helfen.

Michaela H. sagt, sie sei Frank und den anderen Helfern „so unendlich dankbar“. Tagelang verfolgte sie aufmerksam den Prozess. Als ein Sachverständiger den Prozessbeteiligten Fotos der Leiche ihres Mannes zeigt, geht sie vor ans Richterpult. Auch scheut die 37-Jährige den Blickkontakt zu den Angeklagten nicht. Doch sie sagt später in einer Verfahrenspause auch: „Ich empfinde auf die beiden Männer mittlerweile keinen Hass mehr.“

Jene Nacht, in der ihrem Mann von seinen Peinigern laut Staatsanwaltschaft sogar gegen den Kopf getreten wurde, habe „auch das Leben von deren Familien zerstört.“ Es sind versöhnliche Worte. Denn es waren wohl auch die Tristheit des Lebens in der Unterkunft, die Enge und vor allem der Alkohol, der in jener Nacht die Träume von Michaela H. zerstörten. Nun will sie stark sein – „für meine Kinder“, sagt sie.

Das Urteil

Im Fall des in einem Egenhofener Arbeiterwohnheim getöteten slowakischen Gastarbeiters müssen die beiden Angeklagten für jeweils vier Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht München verurteilte einen 43-Jährigen sowie einen 37-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Der Slowake und der Ungar lebten in derselben Unterkunft wie das Opfer und sollen den Familienvater dort im Mai 2017 nach einem Streit im Suff zu Tode geprügelt haben. Die Angeklagten hatten behauptet, Marek Helmes habe einen der Täter provoziert – doch nicht nur die Ehefrau des Opfers hatte den getöteten Maurer vor Gericht als friedliebenden Familienvater beschrieben. Die Staatsanwältin hatte sogar höhere Haftstrafen gefordert. Das Gericht ließ jedoch den Vorwurf des versuchten Totschlags durch Unterlassen gegen einen der beiden Schläger fallen - ihm war vorgeworfen worden, nicht den Notarzt gerufen zu haben. (Tobias Lill)

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