+
Ein neues Terrain: Friseurin Gabi Hartl verkauft Spargel – um sich finanziell über Wasser zu halten. 

Corona-Krise

Spargelstand statt Friseursalon

In der Corona-Krise ist Flexibilität gefragt. Das beweisen auch zwei Friseurinnen aus Egenhofen. Da ihr Laden derzeit geschlossen ist, arbeiten sie als Spargelverkäuferinnen. Denn Trübsal blasen ist nicht ihr Ding.

EgenhofenIm Friseurladen „Magic Style Salon“ in Egenhofen widmen sich Gabi Hartl (34) und Susanne Bittner (49) tagein tagaus den Haaren ihrer Kunden. Doch dann kam der Lockdown. Jetzt verkaufen die Friseurinnen Lohner Spargel. Bittner in Obermenzing und Hartl im Stand gegenüber vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR in Oberpfaffenhofen (Landkreis Starnberg). Dort verbreitet sie dreimal wöchentlich gute Laune.

„Heute haben wir 1,5 Kilo für 9 Euro 90 im Angebot“, verkündet die 34-Jährige gerade einer Kundin und verweist auf die „hervorragend schmeckenden Erdbeeren“. Vor dem unerwünschten Virus schützt sie eine Plastikscheibe. Das Geld nimmt sie in einem Kartonbehälter entgegen – und bleibt selbst dann noch freundlich, als ein missgestimmter Kunde sich ärgert, dass die Spargelspitzen ausverkauft sind. Darauf angesprochen zuckt die Interimsverkäuferin mit den Schultern. Jeder habe schließlich mal einen schlechten Tag, sagt sie.

Der tägliche Umgang mit den Menschen liegt ihr offensichtlich im Blut und motivierte sie einst, ihren Beruf zu ergreifen, erzählt Hartl, die mit ihrem Lebensgefährten in Schondorf (Landkreis Landsberg am Lech) lebt.

Alle Termine abgesagt

Bereits seit 16 Jahren arbeitet sie in dem Friseursalon in Egenhofen. Die Nachricht über die Schließung erreichte sie in Form einer WhatsApp-Nachricht. „Wir nahmen das Telefon in die Hand und sagten alle Termine ab“, erinnert sie sich an die erste Reaktion. Es folgten unangenehme Gespräche mit der Bank und der Vermieterin – und dann erfassten sie und ihre Kollegin Existenzängste. „Wir hatten ja keine Ahnung, wie lange unser Geschäft geschlossen bleibt.“

Aber Trübsal blasen gehört nicht zu den Charaktereigenschaften von Hartl und Bittner. Das hatten die Beiden bereits 2013 bewiesen, als sie nach einem Wasserschaden in ihrem Salon die Kundschaft kurzerhand in einem Lkw frisierten. Auch jetzt musste eine Lösung her, denn Geld verdienen mussten sie. Schließlich laufen Kosten wie Versicherungen und Raummiete auch während des Lockdowns weiter.

Und die Förderung sei lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, so Hartl. Also auf zum Spargelstand.

„Dort haben sie uns mit offenen Armen empfangen“, erzählt die 34-Jährige. Normalerweise stehen nämlich Ältere im Stand, und die gehören zur Risikogruppe.

Das Geschäft brummt

Das Geschäft brummt an diesem Tag. Immer wieder reihen sich Kunden in angemessenem Abstand in der Schlange ein. Der letzte Karton mit dem Angebotsspargel geht über den Ladentisch. Hartl schleppt die Tafel mit der entsprechenden Ankündigung hinters Häuschen. Morgens ist sie immer schon eine Stunde vor Verkaufsbeginn da und räumt Spargeln und Erdbeeren in die dafür vorgesehenen Behälter.

Die Arbeit mache ihr Spaß, sagt sie – und doch „vermisse ich meinen Beruf“. Mit ein Grund dafür, dass sie in den ersten Tagen nach der Arbeit regelmäßig in Tränen ausbrach. „Mir fehlt der intensive Austausch mit meinen Kunden“, sagt sie. Zudem habe die Ungewissheit an ihren Nerven gezerrt. Immer wieder erreichten sie Nachrichten, wann sie wieder öffnen. „Wir hatten auch Anfragen, ob wir Haare nicht bei den Kunden zu Hause schneiden könnten“, sagt sie. „Das machen wir aber nicht, weil das den anderen Friseuren gegenüber nicht fair wäre.“

Die Zeit am Spargelstand ist bald vorbei. Am 4. Mai können Hartl und Bittner ihren Laden unter strengen Auflagen wieder öffnen. „Das werden lange Tage“, sagt Hartl. Denn bei vielen sei der Haarschnitt oder die Färbung längst überfällig. (VON MICHÈLE KIRNER)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Corona-Lage in Bayern spitzt sich zu: Immer mehr Schüler in Quarantäne - ganze Klassen vom Unterricht ausgeschlossen
Corona-Lage in Bayern spitzt sich zu: Immer mehr Schüler in Quarantäne - ganze Klassen vom Unterricht ausgeschlossen
Coronavirus in FFB: 16 neue Infektionen - wieder Reise-Rückkehrer betroffen
Coronavirus in FFB: 16 neue Infektionen - wieder Reise-Rückkehrer betroffen

Kommentare