Auf Tuchfühlung mit Giraffen: Sonja Piontek bei der Reise durch eines ihrer Lieblingsländer, Namibia.
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Auf Tuchfühlung mit Giraffen: Sonja Piontek bei der Reise durch eines ihrer Lieblingsländer, Namibia.

Eichenau

Afrika half ihr aus einer Lebenskrise

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Eigentlich stand die Eichenauerin Sonja Piontek immer auf der Sonnenseite des Lebens. Doch dann kam das Jahr 2020. Ihr Geschäft brach wegen Corona ein, sie verlor ihr ungeborenes Kind und ihre große Liebe. Sie wollte nur noch weg. In Afrika fand sie ihre Kraft wieder.

Eichenau – Einer ihrer Vorgesetzten hat Sonja Piontek mal mit einem Kampfjet verglichen. Nicht etwa, weil sie aggressiv gewesen wäre. Aber beruflich war die 45-Jährige immer mit der Power eines Düsenflugzeugs unterwegs, gab 150 Prozent, wenn 60 ausgereicht hätten. Deshalb war das Lob des Chefs auch nicht ganz ungetrübt. Sie solle etwas langsamer machen, bat er. Sonst bringe sie zu viel Druck ins Team. Das war der Moment, in dem Piontek sich entschloss, dem internationalen Unternehmen den Rücken zu kehren und sich selbstständig zu machen.

„Es war ein schwieriger Schritt“, sagt sie. Vom Traumjob Marketingdirektorin in ihrer Traumregion Südostasien ging es ohne Abfindung ins Ungewisse – auch privat. Eine Beziehung zerbrach nach 14 Jahren. Wie nun weitermachen? Piontek blieb in Singapur und gründete ihre Reiseagentur „Sonnenkind“.

Glückliche Jugend in Eichenau

Die Ferne hatte sie immer schon gereizt. Nach einer glücklichen Jugendzeit in Eichenau mit legendären Partys im Pfarrheim studierte sie in Passau Diplom-Kulturwirtschaft, ging für ein Semester nach Indonesien und für zwei Jahre nach Neuseeland.

Der erste Job nach dem Studium führte sie nach Peking – wo Piontek es höchst befremdlich fand, wie sehr viele ihrer Landsleute dort für sich blieben. Man drückte ihr Visitenkarten vom deutschen Metzger in die Hand und lud sie zum Kaffeekränzchen ein. „Ich geh’ doch nicht nach China, um mit anderen Deutschen Schwarzwälder Kirschtorte zu essen.“

Das scheint gut zu schmecken: Sonja Piontek wanderte sogar mit einem Zebra durch die Berge. 

Darüber schüttelt die lebhafte Frau mit den langen dunklen Haaren noch heute den Kopf. Wer in einem anderen Land lebt, müsse sich der dortigen Kultur und den Menschen öffnen und gefälligst auch die Landessprache lernen, selbst wenn sie „so eine Bitch“ ist wie Chinesisch. Offenheit ist etwas, was Piontek früh – und nicht ganz freiwillig – gelernt hat.

Nach der Trennung ihrer Eltern bekannte sich die Mutter zu ihrer Homosexualität und lebte fortan mit einer Frau zusammen. Dass nun beim Elternabend in der Schule händchenhaltend zwei Mütter auftauchten, war Piontek als 13-Jähriger höchst peinlich. Doch es hat sie gelehrt, dass von unterschiedlichen Lebensentwürfen keiner besser oder schlechter ist.

Die Pandemie

Dieses Prinzip wendet sie auch an, wenn sie für gut betuchte Firmenkunden ihre „Sonnenkind“-Reisen organisiert. Da wird mit Millionären in verlassenen Goldgräber-Städtchen übernachtet, mit Nomaden in der Mongolei eine Jurte zusammengebaut, mit Ureinwohnern Namibias Maisbrei gekocht und am Boden sitzend gegessen. „Das sind einmalige, unvergessliche Erlebnisse“, sagt Piontek. Sie will Begegnungen und Glücksmomente ermöglichen, die lange nachhallen.

Corona legte ihr Reise-Business vorübergehend lahm, und auch ihre Tätigkeit als international gefragte Motivationsrednerin kam zum Erliegen. Noch schlimmer aber waren die Fehlgeburt, die Piontek Anfang 2020 erlitt, und die Trennung von ihrem damaligen Partner. Sie fiel in ein tiefes Loch.

Und so offen sie sich immer durch die Welt bewegt hatte – sich ihrer eigenen Verletzlichkeit zu öffnen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, lernte sie erst jetzt. Um das Jahr „emotional wenigstens mit einer schwarzen Null abzuschließen“, entschloss sich Piontek zu einer Reise in eines ihrer Lieblingsländer – nach Namibia. Gemeinsam mit der Berliner Fotografin Carolyn Strover tauchte sie ein in die unberührte Weite Südwestafrikas, marschierte mit Medizinmännern durch den Busch, wanderte mit einem halb-zahmen Zebra durch die Berge, schaute abends am Lagerfeuer in den Sternschnuppenregen.

Um die Reisekosten wieder einzuspielen, wollten Piontek und Strover ein paar Artikel und Fotos an die Zeitschrift National Geographic verkaufen – doch es wurde gleich ein ganzes Buch daraus. „Sonnengeflüster“ heißt es und erscheint am 4. Oktober im NG Buchverlag. Für Piontek geht es seit dieser Reise wieder bergauf – geschäftlich und vor allem emotional. „Mein Spirit ist langsam wieder da.“  

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