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Gelernt ist gelernt: Johann Handelshauser zeigt, wie früher Essig für die Kunden frisch abgefüllt wurde. Mit ihren eigenen Flaschen kamen sie in den Laden.

Ausstellung im Pfefferminzmuseum

Als der Kramerladen der Supermarkt war

Mit Milchkanne, Essigflasche und eine Zeit lang auch mit Lebensmittelmarken: So ging man früher zum Einkaufen – und zwar in den Kramerladen. Daran erinnert eine Ausstellung im Eichenauer Pfefferminzmuseum.

Die Gründerin: Katharina Weber rief den „Handelshauser“ ins Leben.

Eichenau – Ein wenig schmunzelt Johann Handelshauser, wenn er von fünf Eichenauer Supermärkten im Brucker Tagblatt liest. Dann zählt er auf: „Drogeriewaren, Feinkost, Kurzwaren, Lebensmittel und Parfümerie – das hat es bei uns auch schon gegeben.“ Mit „bei uns“ meint er seinen Kramerladen, der von den 1920er- Jahren bis 1978 die Eichenauer mit vielen Dingen des täglichen Bedarfs versorgte. Im Ort hieß das Geschäft nur „der Handelshauser“. Seine Großmutter Katharina Weber hatte den Laden in der Niblerstraße gegründet, seit 1938 war er in einem Haus an der Hauptstraße untergebracht. Angeschlossen war eine Milchstube, in der es Molkereiprodukte gab.

„Das Bedienen hat damals schon länger gedauert“, erzählt der heute 67-jährige Handelshauser, der in dem Laden gelernt und gearbeitet hat. Aber man habe auch noch mehr Zeit zum Ratschen gehabt. So hörte man Neuigkeiten aus dem Ort oder tauschte Haushaltstipps aus, während die Milchkanne oder die Essigflasche gefüllt wurde. „Und man hat gewusst, was man bekommt“, betont Handelshauser. Listen mit Inhalts- oder Zusatzstoffen waren unnötig.

Beim „Handelshauser“ gab es sogar auch Medikamente

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Milch von Katharina Weber mit dem Pferdefuhrwerk ausgefahren.

So nebenbei tat man mit Milchkannen und wiederbefüllbaren Flaschen auch etwas für den Umweltschutz. „Obwohl das Wort damals so keiner gebraucht hat“, sagt Handelshauser und lacht. Man habe es eben nicht anders gekannt – und man habe auch sparen müssen.

Dabei bot der „Handelshauser“ auch einen Service, den heute niemand vermuten würde. Das Geschäft an der Hauptstraße war, solange es in Eichenau keine Apotheke gab, auch Rezepte-Annahmestelle für die Johannes-Apotheke in Gröbenzell. Hatte man seine Bestellung bis 12.30 Uhr abgegeben, bekam man das Medikament bis 16 Uhr. „Schneller geht’s heute oft auch nicht“, sagt Handelshauser mit einem gewissen Stolz auf die logistische Leistung. In Rechnung gestellt wurde dafür nichts.

Ausgestellt sind auch Exponate aus Notzeiten

Und Sonntags-Öffnungszeiten beim Bäcker seien ebenfalls keine neue Erfindung. „Wir hatten Sonntagvormittag auf, wegen der Frischmilch für die Kinder.“ Dabei hatten die Menschen in Eichenau kaum einen längeren Fußweg zurückzulegen. Neben dem „Handelshauser“ gab es über den Ort verteilt viele kleine Läden.

Dass es Leute wie Johann Handelshauser gibt, ist für Hans Kugler, den Vorsitzenden des Fördervereins Pfefferminzmuseum, ein Glücksfall. „Man muss Interesse an alten Dingen und Platz zum Aufheben haben.“ Sonst würden solche Dokumente aus früherer Zeit verloren gehen. „Und sonst wären auch Vergleiche zwischen gestern und heute unmöglich“, sagt Kugler in Hinblick auf die aktuelle Supermarkt-Diskussion in der Starzelbachgemeinde.

Manche würden durch solche Erinnerungen die Errungenschaften und Annehmlichkeiten der heutigen Zeit besser zu schätzen wissen, ist Kugler überzeugt. Daher sind in der Sonderausstellung auch Exponate aus Notzeiten zu sehen, wie zum Beispiel Lebens- und Futtermittelmarken. In den den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bekam man viele Dinge nur gegen Marken und begrenzt.

Kleine Läden haben dafür gesorgt, dass der Ort lebendig bleibt

Trotz aller Widrigkeiten blieben Geschäfte wie der „Handelshauser“ lange auf der Höhe der Zeit. Weil sie sich nach dem Zeitgeist und der Nachfrage richteten. Schulartikel gehörten ebenso selbstverständlich zum Angebot wie Kerzen zu Lichtmess. „Da hat dann der Pfarrer bestimmt, welche er haben wollte“, erinnert sich Handelshauser.

Selbst als Anfang der 1970er-Jahre die ersten Supermärkte in Eichenau auftauchten, versuchten die kleinen Geschäfte noch ihren Betrieb aufrecht zu erhalten. Wenn etwa die Kühlung ausfiel, sprang eine Brauerei ein. „Dann durfte man halt nur deren Bier verkaufen“, erzählt Handelshauser Erst 1978 habe man sich entschlossen, das Geschäft aufzugeben. „Es war dann an der Zeit“, so der 67-jährige.

„Alle diese kleinen Läden haben dazu beigetragen, dass der Ort lebendig geblieben ist“, sagt Kugler. Davon profitiere auch das heutige Gewerbe. Dazu zählen die Bäckerei Fritz und die Metzgerei Köhler, die auf einer Liste der Betriebe von 1950 aufgeführt werden – und die sich als einzige bis heute gehalten haben.

Shopping anno 1950

Die Sonderausstellung „Shopping anno 1950 – Zeitreise zum Kramerladen“ zeigt, wie, was und wo früher in Eichenau eingekauft wurde. Viele Original-Artikel werden präsentiert, aber auch Werbetafeln, Liefermaschinen, Geräte sowie Behälter für Milch, Essig, Sauerkraut Kaffee und Tee.

Sie beginnt am Sonntag, 12. März, und ist dann jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr im Pfefferminzmuseum, Parkstraße 43 (neben der Starzelbachschule), zu sehen. Die Ausstellung läuft zunächst auf unbestimmte Zeit.

von Hans Kürzl

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