Szenen des Leidensweges von Christi: Ursula Mosebach zeigt die Wandmalereien in der Georgskapelle in Roggenstein. 
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Szenen des Leidensweges von Christi: Ursula Mosebach zeigt die Wandmalereien in der Georgskapelle in Roggenstein. 

Georgskapelle in Roggenstein

Die Geschichte eines Kleinods der Gotik

In Zeiten des Lockdowns hat sich die Eichenauer Volkshochschule entschlossen, den Landkreisbürgern ihre kulturelle Heimat ins Wohnzimmer zu bringen. Auf dem YouTube-Kanal des Bayerischen Volkshochschulverbandes ist ein kurzer Rundgang durch die Georgskapelle in Roggenstein zu sehen. Die mittelalterliche Kapelle zählt zu den Highlights gotischer Kunst in Oberbayern.

Eichenau – Von außen schaut sie sehr bescheiden aus, die Roggensteiner Georgskapelle, die am Rand eines langgestreckten Höhenzuges steht. Nur das spitzbogige Rücksprungportal und das Nordfenster weisen auf die Zeit der Gotik hin. Geht man auf dem Plateau etwa 200 Meter gen Westen, kommt man an die Stelle, an der sich einst die mittelalterliche Burg Ruckenstain befand. Von ihr ist der Name Roggenstein abgeleitet. Heute jedoch ist nichts mehr von der ehemaligen, wohl eher bescheidenen Burganlage zu sehen, man kann lediglich im Gelände ihre ehemalige Lage bestimmen.

Wichtige Urkunde aus dem Jahr 1931

Philipp Apian hat die Burg Ruckenstain 1568 in seinen Bairischen Landtafeln kartiert. Zu dieser Zeit bestand die Burganlage aber schon fast 200 Jahre. In der älteren Forschung wurde angenommen, dass die Georgskapelle einst die Burgkapelle gewesen sei. Das allerdings kann man heute widerlegen.

Von großem Interesse für die Geschichte Roggensteins ist eine Urkunde aus dem Jahr 1371, in der es heißt, dass die Witwe des Heinrich Kuchenmeister von Lochhausen „Burgstall, das Gesäß und die Höfe von Ruckenstein mit allen Rechten“ für 100 Pfund Würzburger Pfennige an das Zisterzienserkloster Fürstenfeld verkaufte. Das Kloster liegt nicht weit entfernt von Roggenstein. Es wurde 1263 von Ludwig II., dem Strengen gegründet.

Ein Sakralraum für tägliche Gebete

Mit der Besitzübernahme richteten die Fürstenfelder Zisterzienser in Roggenstein ein landwirtschaftliches Gut ein. Für die dort arbeitenden Laienbrüder benötigte man einen Sakralraum, in dem diese ihre täglichen Gebete verrichten konnten. Es war jedoch nicht nötig, neu zu bauen, denn es gab bereits ein passendes jedoch profan genutztes Gebäude, das von den Ordensleuten sodann zu einem Sakralraum – der Kapelle St. Georg – umgestaltet wurde.

Dass die Kapelle in ihrem Ursprung ein Profanbau war, dafür spricht der schlichte Außenbau, der einfache saalartige Grundriss ohne Chor oder Apsis, und die – für einen Kirchenbau der Gotik – ungewöhnlichen Fensterformen der Ost- und Südseite. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass der Glockengiebel über der Ostwand um einige Jahrzehnte jünger ist als der Bau selbst.

Bis 1803 im Besitz des Klosters

Bis zur Säkularisation 1803 verblieb Roggenstein im Besitz des Klosters Fürstenfeld. Nach wechselvoller Geschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert ist Roggenstein heute in Staatsbesitz und gehört als landwirtschaftliches Versuchsgut zur Technischen Universität München. Auch die Kapelle ist in Staatsbesitz, alle Rechte und Pflichten an ihr sind dem „Verein zur Erhaltung der Kapelle St. Georg Roggenstein e.V.“ übertragen.

Kostbare Wandmalereien

   Tritt man in die Kapelle ein, zeigt sich der noch ganz dem Mittelalter verhaftete Raum mit seinen spätgotischen Wandmalereien aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts, der gleichzeitigen mit farbigen Ranken bemalten Fichtenholzdecke, sowie dem aus der Zeit um 1300 stammenden originalen Ziegelfußboden.

Kostbarster Besitz der Georgskapelle sind zweifellos die Wandmalereien. Vermutlich im Zuge einer barocken Modernisierung des Innenraumes waren sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts weiß überstrichen worden. 1911 entdeckte man bei Ausbesserungsarbeiten an den Innenwänden Farbreste, die unter der weißen Tünche hervorschauten. Kurze Zeit später legte man die Wandmalereien frei.

Hauptthema der Malereien sind Darstellungen aus der Passion Christi. An der Kapellennord- und -ostwand wird in fünf Bildern das Leiden Christi von dem Gebet am Ölberg bis zur Auferstehung gezeigt. Neben und zwischen den Passionsbildern finden sich Darstellungen von verschiedenen im Mittelalter hochverehrten Heiligengestalten. Den unteren Abschluss der Bilder bildet eine erst 1969 vollständig freigelegte rote Behangmalerei. Mit ornamentalen Ranken sind die Fensterlaibungen und der steinerne Altarblock verziert.

Die Wandmalereien sind in Stil und Technik nicht einheitlich, sie wurden von zwei verschiedenen, zeitlich jedoch nur wenige Jahre voneinander abweichenden, Künstlern geschaffen. Künstlernamen sind keine überliefert. Stilistische Vergleiche lassen jedoch auf eine im 15. Jahrhundert im Münchner Raum tätige Werkstatt schließen.

Die Geschichte vom Heiligen Christopherus

   Das nördlichste der Wandbilder, zeigt den St. Christopherus. Mit über drei Metern Höhe (die Darstellung ist im unteren Bereich zerstört) nimmt Christopherus den Platz neben der Eingangstüre ein. Er war seiner Legende nach von riesiger Statur und auf der Suche nach dem mächtigsten Mann der Welt. Nur diesem wollte er mit seinen übermenschlichen Kräften dienen.

Szenen aus der Passion

Als er eines Tages auf einen Einsiedler traf, gab dieser ihm den Rat, er solle Reisende, die einen gefährlichen Fluss überqueren müssen, von einer Uferseite auf die andere tragen. Eines Nachts ruft ein Kind nach ihm und bittet darum, dass er ihm hilft, über den Fluss zu kommen. Christophorus nimmt das Kind auf seine Schultern und steigt in den Fluss. Doch während er durch das Wasser watet, scheint es ihm, als ob die leichte Last auf seinen Schultern immer schwerer würde. Immer mehr drückt ihn das Gewicht nieder und schließlich kommt er nur mit letzter Kraft ans andere Ufer.

„Mir ist, als hätte ich die ganze Welt getragen“, stöhnt Christophorus. Darauf antwortet ihm das Kind: „Mehr als die Welt hast du getragen, nämlich Christus, der die Last der Welt ausgehalten hat.“

   Neben der Figur des Christopherus beginnen die Bilder mit Szenen aus der Passionsgeschichte. Die Folge wird eröffnet mit der Ölbergszene. Der rechte Bildteil ist durch eine spätere Fensteröffnung verloren, das Wandbild selbst ist im unteren Drittel teilweise zerstört.

Christus, von dem nur noch der gebeugte Rücken erkennbar ist, kniet betend im Garten Gethsemane, während seine Jünger Petrus, Johannes und Jakobus vom Schlaf übermannt werden. Im Bildhintergrund wird die Gefangennahme durch die nahenden Kriegsknechte vorbereitet. Als Anführer der Gruppe deutet der Verräter Judas mit der Rechten auf Christus, in der Linken hält er den Beutel mit den dreißig Silberlingen, die er von den Pharisäern für den Verrat erhalten hat.

St. Georg tötet den Drachen

Als nächste Szene folgt die Kreuztragung. Sie zeigt Christus, der von den Schergen zur Richtstätte geführt wird, dabei trägt er selbst sein Kreuz. Wie bei der vorherigen Szene ist ein Teil der Darstellung durch die spätere Fensteröffnung zerstört. Das folgende Kreuzigungsbild ist auf den verstorbenen Christus am Kreuz zwischen seiner Mutter Maria und dem Lieblingsjünger Johannes beschränkt. Christus ist mit drei Nägeln an das Kreuz geschlagen, der Kopf sinkt auf die rechte Schulter, die Augen sind geschlossen.

Die Grablegung Christi

Die Hüfte ist mit einem enganliegenden, die Körperform nachzeichnenden Lendentuch umschlungen, ein Blutstrahl fließt aus der rechten Seitenwunde bis auf den Oberschenkel herab. Die schlanke, zierliche Gestalt des Gekreuzigten scheint sich in einem Bogen, bis in das letzte Körperglied angespannt, vom Kreuzesstamm wegzudrücken.

An der Ostwand unterbricht das Bild mit der Tötung des Drachens durch den heiligen Georg die Passionsfolge. Der Moment wird gezeigt, in dem der Ritter Georg in Rüstung auf seinem weißen Ross den am Boden liegenden, sich aufbäumenden Drachen mit der Lanze durchbohrt. Im Hintergrund steht, die Hände vor der Brust ringend, die Königstochter Margarethe, die dem Drachen geopfert werden sollte.

Erst nach diesem Bild wird mit der Grablegung der Passionszyklus fortgeführt. Christus wird in den Sarg gelegt, Joseph von Arimathia hält den Leichnam an den Schultern und Nikodemus stützt die Beine. Hinter dem Sarg stehen Johannes, die Mutter Maria, Maria Magdalena, sowie Maria Kleophas und Maria Salome. Die Auferstehung aus dem Grab schließt die Passionsgeschichte in der Georgskapelle ab.

Heilige als Halbfiguren

   Neben den szenischen Darstellungen finden sich kleinere Bilder mit Halbfiguren von Heiligen über den Ost- und zwischen den Südfenstern. Über den linken Ostfenstern sind vor dunkelrotem Hintergrund (ehemals war dieser mit goldenen Sternen verziert) zwei männliche Heilige in Mönchstracht dargestellt. Während die linke Figur durch ihr individuelles Attribut, eine Kette mit Halsring und Schloss, eindeutig als der heilige Leonhard zu identifizieren ist, bereitet die Benennung der rechten Heiligengestalt Schwierigkeiten. Man könnte – mit Bezug auf den Zisterzienserorden – Bernhard von Clairvaux vermuten.

Über dem rechten Fenster wenden sich die Heiligen Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes und Oswald einander zu. Der heilige Oswald mit einer Königskrone auf dem Haupt hält in seiner rechten Hand den Reichsapfel auf welchem ein Rabe sitzt. Dieser trägt einen goldenen Ring im Schnabel. Der Vogel als Attribut des königlichen Oswald weist auf eine legendäre Begebenheit in seinem Leben, wonach ein Rabe Oswalds Braut den Hochzeitsring überbringt.

Zwischen den Fenstern der Südwand sind sechs männliche Halbfiguren zu sehen. Nicht alle können identifiziert werden. Die Reihe beginnt links mit dem heiligen Martin, dargestellt in bischöflicher Kleidung mit Mitra, Bischofsstab und Buch, als individuelles Attribut sitzt eine Gans neben ihm. Martin zugewandt ist eine zweite Bischofsfigur, die jedoch außer ihren Bischofsinsignien kein kennzeichnendes Attribut besitzt. Auch die Halbfigur neben dem unbekannten Bischof ist nicht zu identifizieren. Weiter reihen sich drei Apostelfiguren an, die auf Grund ihrer Attribute zu erkennen sind. Als erster Jakobus der Ältere (Muschel in der rechten Hand), dann Judas Thaddäus (Keule über der rechten Schulter) und Matthias (Beil in der linken Hand).

Dass man die Wandmalerein in ihrer ganzen Pracht bewundern kann, ist dem Förderverein für die Erhaltung der St. Georgskapelle zu verdanken. Umfangreiche Restaurierungen und Erhaltungsmaßnahmen wurden in den vergangenen fünfzig Jahren von dem Verein initiiert und umgesetzt. So strahlt heute die Roggensteiner Georgskapelle wieder in ihrem mittelalterlichen Glanz und reiht sich mit ihren bedeutenden Bildern in die wenigen noch erhaltenen Wandmalereizyklen des 15. Jahrhunderts ein.

Die virtuelle Führung

findet man auf der Internetseite www.roggenstein.eu (rund zehn Minuten). Die Kapelle hat von Mai bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

VON URSULA MOSEBACH

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