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Gründer der Roggenstein-Reihe: „Die Leute haben noch Angst vor Konzerten“

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Von: Ulrike Osman

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Mystische Kapelle St. Georg zu Roggenstein: Allein die Örtlichkeit verspricht ein besonderes Erlebnis – wenn nicht gerade Corona ist.
Mystische Kapelle St. Georg zu Roggenstein: Allein die Örtlichkeit verspricht ein besonderes Erlebnis – wenn nicht gerade Corona ist. © Privat

Sie gehört zu den musikalischen Höhepunkten in der Region: die jährliche Konzertreihe Alte Musik in und um St. Georg zu Roggenstein. Ein Interview.

Eichenau – Ohne Christian Brembeck, mittlerweile international bekannter Musiker, hätte es diese Veranstaltung niemals gegeben. Er sorgt für hochkarätige Besetzung. Doch seit Corona sieht es sehr düster aus.

Es ist bereits 22 Jahre her, dass Christian Brembeck die jährliche Roggenstein-Konzertreihe ins Leben gerufen hat. Damals war er noch Kirchenmusiker im Pfarrverband Eichenau-Alling. Der 62-Jährige holt inzwischen als international gefragter Musiker viele hochkarätige Kollegen nach Eichenau. Mittlerweile lebt er in Berlin, doch bei den Roggenstein-Konzerten wirkt er selbst mit, das lässt er sich nicht nehmen. Warum er so gern in die Region zurückkommt, wie es ihm in Berlin gefällt und was neben der Musik sein Leben erfüllt, verrät Brembeck im Tagblatt-Interview.

Wie sind die Konzerte nach der Pandemiepause wieder angelaufen?

Die Reihe hatte sich zu einem echten Magneten entwickelt, aber seit Corona hat sich ein schwarzes Loch aufgetan. Unser Publikum gehört eher der älteren Generation an. Ich glaube, die Leute haben noch Angst, auf Veranstaltungen zu gehen. Oder sie haben sich an die Einschränkungen gewöhnt. Ich hoffe, dass sich die Besucherzahlen wieder auf einem brauchbaren Niveau einpendeln, denn ich möchte die Konzertreihe gerne weiterführen. Ich erkläre dort die Hintergründe der Stücke, um dem Publikum über das Hörerlebnis hinaus die Schönheit und Tiefe dieser Musik zu vermitteln.

Sie werden als Musiker international gefeiert. Ist es Sentimentalität, die Sie noch nach Eichenau zieht?

Ich habe in München studiert. Ein Kommilitone kannte ein älteres Ehepaar in Eichenau, von dem wir ein Häuschen mieten konnten. Da durften wir Krach machen – sprich, unsere Instrumente üben. In Eichenau habe ich Familie gegründet und war 17 Jahre lang Kirchenmusiker. Der Ort ist meine Heimat geworden. Der Umzug 2017 nach Berlin kam nur dadurch zustande, dass meine Frau eine Professur an der dortigen Universität der Künste übernommen hat.

Wie hat sich Ihr Leben durch den Ortswechsel von Eichenau nach Berlin verändert?

Inzwischen fühle ich mich sehr wohl hier. Wenn man die Berliner Mentalität einmal begriffen hat, merkt man, dass die Leute in ihrer Schnoddrigkeit eigentlich sehr herzlich sind. Aber es ist wirklich schwierig, hier als Musiker freiberuflich tätig zu sein. Da lobe ich mir München als große Kunst-Stadt. In Berlin sind die Möglichkeiten lange nicht so umfangreich, weil es einfach am Geld fehlt. Insofern bin ich sehr viel auf Reisen, aber das war schon immer so.

Sie spielen Orgel, Klavier und Cembalo und sind Dirigent. Was macht am meisten Spaß?

Das kann ich gar nicht sagen. Die Orgel ist mein Ur-Instrument, Orgel und Klavier habe ich studiert. Das Cembalo als Spezialinstrument für Barockmusik liegt mir ebenso am Herzen. Bis heute besitze ich ein Cembalo, das ich als Student selbst gebaut habe. Dafür hat man mir schon viel Geld geboten, aber das gebe ich nicht her. Es wäre, als würde ich ein Stück meiner Seele verkaufen. Als Dirigent habe ich seit Corona nicht wahnsinnig viel zu tun. Es gab Dutzende von Absagen, und auch für den kommenden Herbst haben wir noch keine wirkliche Planungssicherheit. Wir Kulturschaffenden werden von der Politik nicht gut behandelt.

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Üben Sie täglich jedes Ihrer Instrumente?

Nein, ich spiele jedes Instrument eher periodisch. Aber ich übe immer mein Repertoire, mindestens zwei bis vier Stunden am Tag. Es muss nicht nur in die Finger, es muss auch in den Kopf. Ich leide an einer unheilbaren Augenkrankheit und habe allmählich Probleme beim Notenlesen. Deshalb möchte ich alles mehr oder weniger auswendig können.

Seit wann wussten Sie selbst eigentlich, dass Sie einmal Musiker werden wollten?

Ich bin das älteste von fünf Kindern eines niederbayerischen Dorfschullehrers. Wir hatten zu Hause kein Klavier, aber mit zehn, elf Jahren stand ich mit offenem Mund daneben, wenn die Organistin in unserer Kirche geübt hat. Irgendwann drückte sie mir den Kirchenschlüssel in die Hand und ließ mich alleine an der Orgel herumprobieren. So habe ich mir vieles selber beigebracht, bis ich in der 7. Klasse an ein musisches Gymnasium kam. Da musste ich eine ganze Menge nachholen, habe aber später das bayernweit beste Musikabitur meines Jahrgangs gemacht.

Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit Musik beschäftigen?

Ich kümmere mich um meinen süßen kleinen Sohn aus zweiter Ehe. Er ist knapp vier Jahre alt. Das ist wie eine Ehrenrunde – ich habe ja schon vier Kinder aus erster Ehe. Heute bin ich als Vater entspannter und genieße das sehr. Außerdem lese und koche ich gerne, höre Musik und pflege Kontakte. Und ich bin jetzt in einem Alter, wo ich ab und zu auf mein Leben zurückschaue. Mein Bruder ist mit 52 an einem Herzinfarkt gestorben, da macht man sich schon Gedanken.

Kirche statt Kapelle: Wegen Corona ist der eigentliche Spielort weiter tabu

Eigentlich gehörte zu den Besonderheiten der Konzertreihe der Spielort: die mittelalterliche Roggenstein-Kapelle zwischen Eichenau und Emmering. Aber wegen der Pandemie werden die Auftritte weiterhin in größeren Räumlichkeiten stattfinden. Das nächste Konzert ist an diesem Sonntag, 3. Juli, 19.30 Uhr, in der Eichenauer Schutzengelkirche.

Christian Brembeck wird mit seinem einstigen Studienkollegen Franz Schnieringer (Straubing) Werke für zwei Cembali von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Johann Ludwig Krebs spielen.

Die beiden Interpreten haben vom Minuet von Bachs 1. Brandenburgischen Konzert sowie vom berühmten zweiten Concerto für doppelchöriges Orchester („Concerto a due cori“) aus der Feder Georg Friedrich Händels jeweils Bearbeitungen für zwei Tasteninstrumente angefertigt. Diese werden ebenfalls erklingen. Die verwendeten Instrumente sind zwei sehr klangvolle Nachbauten italienischer Vorbilder aus dem 17. Jahrhundert. Der Eintritt zu diesem Konzert beträgt 20 Euro, für Schüler und Studenten gibt es Ermäßigungen. Vorbestellungen sind unter der E-Mail-Adresse christian@brembeck.net möglich, Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Wer sich die Kapelle anschauen will, kann dies ebenfalls an diesem Sonntag tun. Diese ist von 15 bis 17 Uhr zur Besichtigung geöffnet. gar

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