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Im hinteren Ötztal erklärt Ludwig Braun bei einer Exkursion den Rückzug der Gletscher. Im Hintergrund ist der Vernagtferner zu sehen, der sich bereits weit zurückgezogen hat.

Gletscherforscher sucht Mitstreiter

Gebete gegen den Klimawandel

Ludwig Braun aus Eichenau arbeitete jahrelang als Gletscherforscher. Er ist sich sicher: Gegen die Klimakatastrophe hilft nur noch ein Wunder.

Eichenau – Zu dem Gottesdienst der Puchheimer Baptisten waren an jenem Sonntag im November auch Besucher erschienen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Kirchgängern gehören. Denn angesagt war der Predigt-Vortrag eines (katholischen) Wissenschaftlers, der über die „Botschaft der Gletscher“ sprechen wollte. Und die ist für Ludwig Braun, den predigenden Glaziologen, eindeutig: Die Klimaerwärmung ist nicht mehr zu stoppen, helfen kann nur noch ein Wunder. Und um dafür den lieben Gott zu bitten, sucht der 67-Jährige noch Mitstreiter.

Der inzwischen pensionierte Gletscherforscher aus Eichenau, der lange Jahre die Kommission für Glaziologie bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften leitete, war von Berufs wegen eigentlich den Daten und Fakten verpflichtet. Aber gerade die zeigten für ihn, dass die Menschheit in eine Katastrophe steuert. Der Vernagtferner im Tiroler Ötztal, der jahrzehntelang untersuchte und beobachtete „Labor-Gletscher“ der Akademie, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Pro Jahr nimmt seine Dicke um 80 Zentimeter ab.

Und dabei ist die Eisschmelze für Braun nur die „Spitze des Eisbergs“. Wenn die subpolaren Permafrostböden auftauen, werden Unmengen von Methan frei, die das Treibhaus Erdatmosphäre weiter aufheizen. Ganz zu schweigen von Entwicklungen, die nicht direkt mit dem Temperaturanstieg, der „Selbstverbrennung“ der Menschheit, zu tun haben: „Wenn unsere Bienen aussterben, kommt es zu einer Kette von unsäglichen Reaktionen.“

Aber schon einen ökologischen Umbau der heimischen Agrarwirtschaft zu fordern wie bei der Freikirche in Puchheim, stößt auf entschiedenen Widerstand. Ein Landwirt kam nach der Predigt mit Power-Point-Präsentation zu Braun und forderte im Gegenteil eine Steigerung der Produktion, ansonsten sei eine Hungersnot programmiert. So jemand sei halt auf seine Meinung gepolt, findet der Referent: „Da ist Hopfen und Malz verloren.“

Und die Erderwärmung zu stoppen sei ein noch schwierigeres Unterfangen, denn die globale Wirtschaft werde sicher noch lange von fossilen Brennstoffen geschmiert und gerade die Dritte Welt sei abhängig von billiger Energie. Zu schnelle Eingriffe gefährdeten die Ökonomie und den Wohlstand, nicht zu reden von der Durchsetzbarkeit. Den Methan produzierenden Reisanbau in Asien verbieten, den Flugverkehr einschränken? Selbst eine Weltregierung, eine globale Ökodiktatur, würde daran scheitern. Dass es schon einmal gelungen ist, alle Staaten auf ein Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zu verpflichten und so die Ozonschicht vielleicht zu retten, lässt Braun nicht gelten. Es war damals ein kleiner Eingriff zum Nachteil weniger, nicht zu vergleichen mit den heutigen Herausforderungen.

Als Wissenschaftler kennt der Glaziologe die Ideen von Planeteningenieuren, die dem Temperaturanstieg mit High-Tech-Utopien begegnen wollen. Die Sonnenlicht reflektierenden, gigantischen Spiegel im Weltraum hält er selbst für Science-Fiction, theoretisch machbarer scheint ihm die Verschleierung der Erde durch in einigen Kilometern Höhe ausgebrachte Aerosole, also Gaspartikelchen. Die würden das Sonnenlicht ein wenig verdunkeln, so wie es die bodennahe Luftverschmutzung in den 60ern und 70ern vermocht habe, als die Gletscher vorübergehend tatsächlich wieder wuchsen. Aber so ein Projekt müsste man „300 Jahre durchhalten“. Denn erst dann würden auch das letzte Kohlekraftwerk und die letzte Ölheizung abgeschaltet sein.

Aber die Sonneneinstrahlung zu reduzieren wäre tatsächlich das Mittel der Wahl, findet Braun, bloß werde das dem Menschen kaum gelingen. Und hier kommt für den Vorsitzenden des Eichenauer Pfarrgemeinderates der Herrgott ins Spiel. Als Schöpfer aller Naturkonstanten könnte der natürlich auch an der „Solarkonstante“ schrauben, der über Hunderttausende von Jahren ziemlich gleich gebliebenen Kraft, mit der die Sonne uns wärmt – und Leben erst ermöglicht hat. Durch eine kleine Drehung könnte die Menschheit zumindest Zeit gewinnen.

Für dieses Wunder, diese „Notlösung“, braucht es nach Brauns Meinung aber mehr als ein stilles, persönliches Gebet, wenngleich auch das natürlich gehört werde. Ähnlich wie zehn Gerechte genügt hätten, um Sodom zu verschonen, so will Braun an verschiedenen Orten, auch in verschiedenen Konfessionen einige Menschen – es dürfen mehr als zehn sein – für eine gemeinsame Fürbitte finden. Ob die dann zur selben Zeit und öffentlich stattfinden soll, steht noch nicht fest.

Beten für eine neue Eiszeit? „Peinlich“ fand seine 22-jährige Tochter, jüngstes von fünf Kindern des gebürtigen Schweizers, diesen in einer Zeitung verbreiteten Aufruf. Aber angesprochen fühlen soll sich ja nicht nur der Herrgott. Angesichts der traurigen Tatsachen sei es auch wichtig, den Mut nicht sinken zu lassen, findet Braun. Der Mensch brauche auch Grund zur Hoffnung.  

Olf Paschen

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