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Helfende Hand: Trien Di Tran kümmert sich um Rosemarie Oßner. Der 27-Jährige kam vor vier Jahren nach Eichenau. Mittlerweile ist er stellvertretender Leiter der Station 2. 

Seniorenzentrum Eichenau

Pflege-Hilfe aus Asien

Die Innere Mission geht neue Wege: Sie führen nach Asien. Inzwischen stammt ein wachsender Teil der Pflegekräfte, die in den Heimen der Tochtergesellschaft „Hilfe im Alter“ arbeiten, von dort. Doch wie funktioniert das Ganze im Alltag? Erstaunlich gut, findet man im Evangelischen Pflegezentrum Eichenau.

EichenauNeben Rosemarie Oßners Sessel steht ein Rollator. Dreimal ist sie in letzter Zeit gestürzt. Es ist immer der Schwindel, der sie das Gleichgewicht verlieren lässt. Trien Di Tran hockt sich neben sie und nimmt die Hand der alten Frau. „Frau Oßner, wie geht es Ihnen heute?“, fragt er die 88-Jährige und lächelt breit. Dann führt er sie zum Sofa. Wenn er da ist, braucht Rosemarie Oßner keinen Rollator. Ihre Hand lässt der vietnamesische Pfleger die ganze Zeit nicht los.

Souverän und herzlich kümmert sich der 27-Jährige um Rosemarie Oßner und die anderen Bewohner von Station 2. Als stellvertretender Stationsleiter, der er seit Januar ist, braucht Trien beide Eigenschaften. Immerhin ist er noch sehr jung, viel jünger als viele Kollegen. Kompetenzzweifel kommen da schon mal auf – auf beiden Seiten. „Aber es wird besser, ich gewöhne mich an die Rolle.“ Am Migrationshintergrund liege es jedenfalls nie, nur am geringen Alter.

Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede führen zu kuriosen Situationen

Dirk Spohd hört aufmerksam zu. Für den Heimleiter und Prokuristen der „Hilfe im Alter“ (HiA) ist das alles „eine spannende Angelegenheit“. Nur zu gut kann er sich an den Tag vor vier Jahren erinnern, als er stellvertretend für alle teilnehmenden Häuser 25 neue Mitarbeiter aus Vietnam begrüßte und zum Essen einlud. „Aber niemand hat zu essen begonnen. Ich wusste gar nicht, was los war. Bis mir die Dolmetscherin erklärte, dass niemand anfangen würde, bevor ich nicht irgendwo hineingebissen hätte.“

Mit rudimentären Deutschkenntnissen, einem vierjährigen Krankenpflege-Studium und großer Neugier ausgestattet war Trien Di Tran aus der Millionenstadt Ho Chi Minh ins beschauliche Eichenau gekommen. Mit im Gepäck: eine Portion Heimweh, das erst nach und nach schwächer wurde.

Nach intensiven, pflegespezifischen Deutschkursen und einer auf zwei Jahre verkürzten Ausbildung zum Altenpfleger wurde er dann als Pflegefachkraft eingestellt. Vorher liefen er und seine drei vietnamesischen Kolleginnen als Pflegeschüler im Stellenplan mit. Ende 2016 dann das Angebot, stellvertretender Wohnbereichsleiter zu werden. Fortbildung, Abschlussprüfung, Führungskraft. „Ich habe mich schon gefragt, wie er das hinkriegt“, räumt Dirk Spohd ein.

Vietnamesen und Chinesen sind sehr belastbar, wissbegierig und fleißig

Doch mit angeborener Höflichkeit und Respekt entwaffnet Trien seine Kritiker. Und die Deutschen im Team wissen: Ähnlich gute und vor allem fleißige Kollegen sind auf dem leergefegten Arbeitsmarkt kaum zu kriegen.

Pflegeleiterin Susanne Brenner bestätigt das: „Die vietnamesischen und chinesischen jungen Leute sind sehr belastbar, wissbegierig und fleißig. Sie jammern nicht und sind fast nie krank.“ Da müsse man schon gut darauf achten, dass ihr großes Engagement nicht ausgenutzt werde.

Zhigang Qiu ist 23 und erst Anfang Juni nach Eichenau gekommen. Der Chinese ist eine Frohnatur und spielt mit der deutschen Sprache. „Ja, natüüüürlich. Unbediiiingt!“, antwortet er gern, bevor er hochkonzentriert eine ausführlichere Antwort formuliert. Die chinesische Intonation und Aussprache erschweren das Verständnis zwar. Aber eins wird klar: Zhigang liebt Deutschland, Heimweh kennt er nicht, und die Altenpflege ist sein Ding.

Insgesamt 18 chinesische Kräfte haben Anfang Juni in verschiedenen Heimen der HiA begonnen. Dieses Projekt läuft anders als das mit den Vietnamesen ohne Unterstützung aus Berlin. „Wir haben ja bereits interkulturelle Kompetenzen erworben“, sagt Spohd. Und doch sind die Chinesen ganz anders als die Vietnamesen: „Sie haben zum Beispiel gar kein Problem, jemanden in den Arm zu nehmen – egal, ob das ein Bewohner ist oder eine Vorgesetzte.“

In China gibt es eine der deutschen ähnliche Ausbildung zum Altenpfleger

Zhigang darf seit kurzem die Grundpflege bei gesunden Bewohnern allein machen. „Ab wann die ‚Neuen‘ als Fachkräfte eingesetzt werden können, entscheidet die Einrichtung“, erklärt Susanne Brenner. Zwar gibt es in China im Gegensatz zu allen anderen Ländern eine der deutschen ähnliche Ausbildung zum Altenpfleger. Doch während in Deutschland etwa die Mobilität der Menschen bis zuletzt erhalten werden soll, wird in China sehr viel im Bett gepflegt, gibt Spohd zu bedenken. Vielleicht sollten also auch die Chinesen – so wie die Vietnamesen – erst die deutsche Ausbildung zum Altenpfleger absolvieren, überlegt deshalb der Heimleiter.

Ob die ausländischen Mitarbeitenden am Ende tatsächlich als Fachkräfte eingesetzt werden können, kann er freilich nicht vorhersagen. „Nicht alle sind der Verantwortung gewachsen, selbst wenn sie die Prüfung bestanden und ein gutes Sprachniveau erreicht haben.“ Dies sei aber eine Frage der Persönlichkeit, nicht der Herkunft.

Wie es langfristig weitergeht? Zhigang Qiu und Trien Di Tran können sich vorstellen, irgendwann zurückzugehen, um ihr Fachwissen aus Deutschland in der Heimat anzuwenden. „Wie lange wir jemanden halten können, weiß man vorher nie“, erklärt Susanne Brenner pragmatisch. Wichtig sei, für die nächsten Jahre die Fachkraftquote zu sichern.

„Ich akzeptiere alle Menschen, ganz gleich, woher sie kommen.“

Und wie geht es den betagten Bewohnern damit, dass sie Menschen pflegen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist, die fremd aussehen und aus einem ganz anderen Kulturkreis stammen? Dirk Spohd sagt: „Erstaunlich gut! Es kann zwar schon einmal Ressentiments geben. Dann suchen wir das Gespräch. Und in der Regel lässt sich das Problem schnell lösen.“

Für Rosemarie Oßner sind die Pflegekräfte aus Asien jedenfalls ein Glücksfall. Hinter ihrem Sessel im Regal steht der „Große Atlas der Welt“. Ihr Leben lang ist die Passauerin gereist: Europa. Afrika. Asien hat sie nicht mehr geschafft. Heute, ganz am Ende ihres Lebens, ist der fremde Kontinent zu ihr ins Zimmer gekommen.

„Ich akzeptiere alle Menschen, ganz gleich, woher sie kommen“, sagt Rosemarie Oßner. „Aber Trien bewundere ich. Er kommt aus einem geschundenen Land. Von so weit weg. Und ist doch immer freundlich und beflissen.“ Etwas, was die 88-Jährige bei jungen Leuten aus dem eigenen Land hin und wieder vermisst.

Ein Versuch, dem Fachkräftemangel zu begegnen

Dirk Spohd ist Leiter des Evangelischen Pflegezentrums und Prokurist der „Hilfe im Alter“.

Insgesamt sieben Einrichtungen der Inneren Mission beteiligten sich 2013 an dem Projekt „Ausbildung von Arbeitskräften aus Vietnam zu Pflegefachkräften“, das die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums aufgelegt hatte. „Damals hat es einen eigenen ‚kultur-kompetenten Mitarbeiter‘ gegeben, den wir immer mal wieder zu Rate gezogen haben“, erinnert sich Dirk Spohd, Heimleiter in Eichenau.

Die angespannte Fachkräftesituation versucht die „Hilfe im Alter“ (HiA) seit Jahren zu entschärfen: So bildet sie jedes Jahr in ihrer eigenen Fachschule 30 Pflegekräfte aus. Migrationshintergrund bei den Schülern dort: ebenfalls steigend. Die Integration von Mitarbeitenden, die bereits im Ausland eine Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger absolviert haben, ist ein zweiter Weg. Ein äußerst vielversprechender, wie ein Blick auf die Statistik zeigt: 2016 kamen von den 873 bei der HiA beschäftigten Altenpflegekräften 58 aus Bosnien; nach Deutschen und Kroaten die drittgrößte Gruppe, gefolgt von den Vietnamesen mit 29 Mitarbeitenden. Viele wurden über das Internet gewonnen – teilweise per Skype.

In Bosnien werden die Alten noch zuhause von der Familie gepflegt

Ganz anders war der Weg, der Neira Lekovic und Aida Tadic 2014 nach Eichenau geführt hat. Beide stammen aus dem kleinen bosnischen Ort Zivinice. So wie auch Schwester Zuhra Ilykic, die seit vielen Jahren für die HiA arbeitet. Über Mund-zu-Mund-Propaganda hat sie inzwischen fast 60 Frauen nachgeholt, die zuvor meist als Krankenschwestern tätig waren und nun in der Altenpflege arbeiten. Mit viel medizinischem Fachwissen, aber vor allem mit Gefühl und Temperament.

„Wir sind warmherzig“, sagt Aida Tadic. „Das mögen die alten Leute.“ In Bosnien werden die Alten zuhause gepflegt. „Niemand kann besser pflegen als die eigene Tochter“, erklärt Neira Lekovic. Da aber Deutschland jetzt ihre neue Heimat ist, die ihnen mehr Freiheit und den Kindern eine bessere Zukunft bietet, bringen die beiden Bosnierinnen dieselbe Hinwendung auf für die „Omas und Opas“ in Eichenau, die sie sich für ihre eigenen Eltern wünschen.

von Susanne Böllert 

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