Serie zu den Straßennamen in der Großen Kreisstadt

Ein Brucker schuf Bayerns Wahrzeichen

Dem Sohn eines Brucker Uhrmachers gelang in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein technische Sensation. In der Werkstatt des Erzgießers Ferdinand von Miller entstand die über 87 Tonnen schwere Bavaria, die seit 1850 über der Theresienwiese thront.

Fürstenfeldbruck – In der Fürstenfeldbrucker Hauptstraße erinnert eine fast unscheinbare Skulptur an eine handwerkliche Leistung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine echte Sensation darstellte. Die Skulptur – zwei Glieder eines Fingers auf einer schlanken Metallstele – deutet, aus dem richtigen Winkel betrachtet, auf eine Bronzetafel an der Wand des Gebäudes mit der Hausnummer 15. „Anno Domini 1813 wurde in diesem Hause der Erzgießer Ferd. v. Miller geboren“, ist dort nachzulesen.

Auf der Stele steht: „Der kleine Finger der Bavaria.“ Jener Bavaria, die über der Münchner Theresienwiese thronend zum weithin bekannten Wahrzeichen der Landeshauptstadt und des Freistaates wurde. Schon der gut 30 Zentimeter große Abguss vom Ende des kleinen Fingers gibt eine Ahnung davon, welche technische Leistung vor über 150 Jahren Ferdinand von Miller mit der Umsetzung des Entwurfs des Baumeisters Leo von Klenze und des Bildhauers Ludwig Schwanthaler vollbrachte.

Einen noch plastischeren Eindruck vermittelt ein Nachguss der ganzen linken Hand in Originalgröße in der metallurgischen Abteilung des Deutschen Museums. Trotz der Wandstärke von weniger als einem Zentimeter bringt sie 420 Kilogramm auf die Waage. So richtig erfasst die Dimension des monumentalen Kunstwerks aber nur, wer über die Wendeltreppe im Inneren in den Kopf der über 18 Meter großen Statue steigt und von dort auf die Theresienwiese hinabblickt.

Mit Bronzeguss in großem Maßstab hatte sich der aus Fürstenfeldbruck stammende Bildhauer und Münzgraveur Johann Baptist Stiglmaier im Auftrag des Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I. in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rahmen von Auslandsstipendien intensiv beschäftigt. Im Jahr 1823, kurz bevor er im Auftrag Ludwigs mit dem Aufbau einer königlichen Erzgießerei begann, holte Stiglmaier seinen damals neunjährigen Neffen Ferdinand, den Sohn seiner Schwester Julie und des Uhrmachers Joseph Anton Miller, aus Fürstenfeldbruck zu sich nach München. Der Junge besuchte bis 1827 die Elementarschule und begann dann eine fünfjährige Lehre zum Goldschmied.

Nach der Ausbildung arbeitete Ferdinand in der Erzgießerei und zeigte schnell Talent. Parallel studierte er, wie zuvor schon sein Onkel, Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie. 1834 schickte Stiglmaier seinen Neffen für zwei Jahre nach Paris. Er sollte dort unter anderem die Technik der Feuervergoldung erforschen, heißt es in der von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Neuen Deutschen Biographie.

Bald schon musste Miller all sein Können unter Beweis stellen. 1839 begann Schwanthaler mit der Fertigung eines Gipsmodells der Bavaria in Originalgröße. Die Statue sollte zum 25, Thronjubiläum Ludwigs im Jahr 1850 fertig werden.

Als 1843 der Vertrag zum Guss unterzeichnet wurde, war Miller einer der wichtigsten Mitarbeiter der Erzgießerei. Er übernahm die Leitung des Betriebs, nachdem sein an Magenkrebs erkrankter Onkel 1844 starb. Noch im selben Jahr wurde der Kopf der Bavaria gegossen, aus eingeschmolzenen Kanonen, die 1827 mit der türkisch-ägyptischen Flotte vor Pylos gesunken waren. Der griechische König Otto I., Sohn Ludwig I, ließ sie Jahre später bergen und ein großer Teil gelangte nach Bayern.

In den folgenden Jahren wurden weitere Teile der Bavaria gegossen. Doch 1848 geriet das Projekt in Gefahr. Ludwig musste zugunsten seines Sohnes Maximilian abdanken. Der kürzte zwischenzeitlich das Budget massiv ein. Miller streckte die Gusskosten vor und geriet in ernste Geldnot. Erst als der abgedankte Ludwig Geld aus seinem Privatvermögen bereitstellte, war die Fortführung gesichert.

Im Juni 1850 begann schließlich der Aufbau, und am 9. Oktober wurde die Bavaria im Rahmen des Oktoberfestes enthüllt. Am 1. Januar 1851 wurde Miller in den bayerischen Adelsstand erhoben. Seine privaten Auslagen bekam Miller nie vollständig zurück.

Der Werbeeffekt seines fast 90 Tonnen schweren Meisterwerkes wog die Verluste aber auf. „Die Teilnahme an der Weltausstellung in London 1851 und die höchste Auszeichnung dort öffneten ihm den Markt in ganz Europa und in Übersee“, weiß die Neue Deutsche Biographie.

Auch in den Vereinigten Staaten war sein Können gefragt. Die beiden zusammen zehn Tonnen schweren Bronze-Türflügel am Haupteingang des Kapitols in Washington D.C. stammen aus seiner Werkstatt. 1873 konnte er die bis dahin staatliche Erzgießerei erwerben und privatwirtschaftlich weiterführen. Seine Söhne Fritz und Ferdinand und später seine Enkel erhielten den Betrieb bis 1931 aufrecht.

Insgesamt hatten Miller und seine Frau Anna 14 Kinder, unter ihnen auch Oskar, der als Ingenieur und Gründer des Deutschen Museums Berühmtheit erlangen und in Fürstenfeldbruck das erste Elektrizitätsnetz errichten sollte. Politisch engagierte sich Ferdinand von Miller ab 1856 zunächst im Münchner Gemeinderat, ab 1869 im bayerischen Landtag und ab 1874 im deutschen Reichstag für die Zentrumspartei. München und Fürstenfeldbruck ernannten ihm zum Ehrenbürger. Er starb 1887 und liegt auf dem Alten Südfriedhof in München begraben.

Die Serie

Viele Straßen in Fürstenfeldbruck sind nach verdienten Bürgern, nach Künstlern und nach Äbten benannt. In der Tagblatt- Serie werden diese Persönlichkeiten vorgestellt. Auch interessant: Karl Trautmann - Brucks armer Bildchronist.

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