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Paul Thiesswurde 95 Jahre alt. 

Nachruf

Als Bauhofmitarbeiter packte er überall mit an

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Es fehlte nicht viel, dann hätte sich Paul Thiess nicht in Emmering niedergelassen, sondern in England. Fast fünf Jahre lebte er dort – ein paar Monate mehr und er hätte einen britischen Pass beantragen können.

Emmering –  Als Kriegsgefangener war er auf die Insel gekommen – und auf einem Bauernhof wie ein Familienmitglied aufgenommen worden.

Schussverletzung in Russland

Im Krieg hatte der als zweitjüngstes von sechs Kindern 1923 geborene Paul Thiess Schreckliches durchgemacht. Mit 19 Jahren musste er einrücken und wurde zunächst nach Kroatien, dann nach Russland geschickt, wo er eine Schussverletzung erlitt. Zuvor hatte er miterleben müssen, wie einer seiner Brüder ins KZ nach Dachau kam. Er hatte sich vor der Zwangsverpflichtung zum Kriegsdienst versteckt, um weiterhin auf dem elterlichen Bauernhof arbeiten zu können. Ausgerechnet der Dorfpfarrer verriet ihn an die Gestapo. Paul Thiess hatte seit dieser Zeit ein gebrochenes Verhältnis zur Kirche.

Der Irrsinn des Krieges

Die freundliche Aufnahme im ehemals verfeindeten England brachte ihm den Irrsinn des Krieges vollends zu Bewusstsein. Nach Deutschland kehrte er nur seiner Liebsten wegen zurück. Maria und er kannten sich bereits aus der Heimat Siebenbürgen. Auch ihr hatte der Krieg übel mitgespielt.

Aus Erding nach Emmering

Sie wurde mit vielen anderen Frauen ihres Dorfes 1945 zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt. Von den Strapazen blieb sie zeitlebens gesundheitlich angeschlagen. Weil Maria sich lieber in Deutschland niederlassen wollte, gab Paul Thiess den Plan von einem Leben in England auf. 1951 wurde geheiratet. Das junge Paar zog zunächst nach Erding, dann nach Emmering. Hier bauten die beiden ihr Haus und bekamen drei Kinder.

Er war hilfsbereit, packte mit an

Paul Thiess arbeitete bei verschiedenen Baufirmen, bevor er 1975 eine Anstellung beim Emmeringer Bauhof bekam. Er galt als hilfsbereit, packte überall mit an, wo es nötig war. „Das wäre ihm einmal fast zum Verhängnis geworden“, erzählt Sohn Paul Thiess junior. Sein Vater habe Mais in einem Silo umschichten wollen und wurde von den Gasen bewusstlos. Der Sohn, selbst Rettungsdienstmitarbeiter, saß auf dem Notarztwagen, der zu dem Unglück gerufen wurde. „Wäre er eine Viertelstunde später gefunden worden, er wäre tot gewesen“, erzählt der Junior.

Liebe zur Blasmusik

In seiner Freizeit engagierte sich Thiess bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Obst- und Gartenbauverein und – als passives Mitglied – bei der Blasmusik. „Er hat kein Instrument gespielt, aber er mochte Blasmusik so gern“, erzählt der Sohn. Weil sein Vater ein heiterer, lebenslustiger Mensch war, spielte die Blaskapelle bei seiner Beerdigung auf Wunsch der Familie statt Trauermärschen zwei Polkas. Bis zu seinem 80. Lebensjahr arbeitete Paul Thiess als Feldgeschworener.

Tod der Frau reißt Lücke

Mit Begeisterung bestellte er seinen Schrebergarten, den er nur aufgab, um sich noch stärker seiner pflegebedürftigen Frau zu widmen. Selbst als sie ins Heim kam, fuhr er täglich zweimal mit dem Fahrrad zu ihr, um sie zu füttern. Marias Tod vor acht Jahren riss eine Lücke in das Leben von Paul Thiess. Der vierfache Großvater blieb jedoch selbstständig, kochte sich noch täglich allein sein Essen. In ein Heim wollte er nur im Notfall ziehen. „Er wollte unbedingt noch miterleben, wie ich in Rente gehe“, erzählt sein Sohn. Das hat er geschafft. Paul Thiess wurde 95 Jahre alt. 

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