Ohne ihn kann sie kaum einen Schritt tun: Jörg Probst (77) kümmert sich um seine Frau Erika (82), obwohl er selbst gesundheitlich angeschlagen ist. foto: akk

Emmering

Ehepaar kämpft um Pflegestufe

Emmering – Wenn man sieht, dass ein altes Ehepaar zusammensteht und so trotz Krankheit weiter gemeinsam sein Leben meistern kann, ist das menschlich anrührend. Der Medizinische Dienst legt da allerdings andere Kriterien an. Er entscheidet nach nüchternen Fakten, ob jemandem Unterstützung zusteht – manchmal geht es um Minuten.

Erika und Jörg Probst sind seit 54 Jahren verheiratet. Beide sind gesundheitlich sehr angeschlagen. Jetzt hat Erika Probst eine Pflegestufe beantragt. Nach der Begutachtung durch eine Mitarbeiterin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) flatterte dem Ehepaar jedoch ein ablehnender Bescheid ins Haus: Demnach braucht Erika Probst täglich nur 26 Minuten Zeitaufwand für die Grundpflege – um in Pflegestufe 1 zu kommen, müssten es allerdings 46 Minuten sein.

Ihr Mann sieht das anders: „Ich muss den ganzen Tag nach ihr sehen, ihr bei allem helfen, damit sie nicht stürzt, sich nicht anschlägt – ich muss ihr sogar das Essen auf dem Teller klein schneiden, weil sie fast nichts sieht.“ Die Emmeringer Senioren wollen die MDK-Entscheidung nicht hinnehmen und alles versuchen, doch noch eine Pflegestufe zu erkämpfen.

Die 82-Jährige hat mehrere Leiden. Zum einen ist sie so gut wie blind: Sie hat einen Schwerbehindertenausweis der Klasse B und ist allein aufgrund ihrer Sehbehinderung zu 70 Prozent schwerbehindert. „Auf dem linken Auge sehe ich so gut wie gar nichts, rechts beträgt meine Sehkraft nur noch rund 25 Prozent“, sagt die 82-Jährige. Das sind die Werte, die vor über einem Jahr ermittelt wurden. „Nach einem Infarkt sehe ich mittlerweile noch schlechter.“ Laut Augenarzt leidet Erika Probst unter einer beidseitigen altersbedingten Makula-Degeneration. Zudem machen ihr drei versteifte Halswirbel zu schaffen, sie kann nicht aufrecht, nur gebeugt gehen. „Und seit dem Schlaganfall vor gut einem Jahr leidet meine Frau unter Drehschwindel“, sagt Jörg Probst. Der 77-Jährige greift ihr seit rund einem Jahr bei allem was sie tut unter die Arme, lässt keinen ihrer Schritte aus den Augen.

Das macht er gerne, obwohl es ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht immer leicht fällt. Die Hüftgelenke des ehemaligen Busfahrers sind kaputt: „Ich bräuchte eigentlich zwei neue Gelenke, trau mich aber nicht mich operieren zu lassen, weil meine Frau dann alleine und hilflos daheim wäre.“ Zudem ist Jörg Probst an Schwarzem Hautkrebs erkrankt, auch die Lungenfunktion des 77-Jährigen ist stark eingeschränkt.

Trotzdem meistert der Senior den Haushalt, kümmert sich um den Garten und stützt seine Frau bei jedem Schritt, weil sie nicht sieht, wohin sie tritt. „Mein Haus- und auch mein Augenarzt sagen, ich darf das Haus nicht alleine verlassen, ich sehe ja nicht einmal die Gehsteigkante, geschweige denn einen Radfahrer“, sagt Erika Probst. Dabei war sie früher so mobil und aktiv: Beim Turnverein Emmering war die zweifache Mutter und mittlerweile fünffache Omi Mitinitiatorin des Mutter- und Kindturnens, sie war lange Jahre Übungsleiterin in der Seniorengymnastik des TVE.

„Und ich habe mich so gerne mit Handarbeiten beschäftigt, aber all das geht längst nicht mehr.“ Hausarbeiten wie Bügeln oder Staubsaugen erledigen zwei Haushaltshilfen. Zudem muss das Senioren-Paar für Medikamente wegen der Sehschwäche rund 100 Euro monatlich aufbringen. „Wenn ich diese Tabletten nicht nehmen würde, wäre es um meine Sehkraft noch schlechter bestellt“, sagt Erika Probst.

Zieht er all dies in Betracht, kommt Jörg Probst auf eine andere Rechnung als der MDK: „Ich weiß nicht, wie ich in 26 Minuten meiner Frau den ganzen Tag zur Seite stehen soll – ich bin jeden Tag zehn Stunden für sie da.“ Und noch etwas will der 77-Jährige nicht unausgesprochen lassen: „So habe ich mir das mit dem Sozialstaat nicht vorgestellt – ich dachte wir wären im Alter etwas besser abgesichert.“ (akk)

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