Da fliegen die Späne: Charlotte Kleemann (r.) mit ihrer Berufsschulkollegin Selina Möbius.
+
Da fliegen die Späne: Charlotte Kleemann (r.) mit ihrer Berufsschulkollegin Selina Möbius.

Lehre als Zimmerin

Sie steht als Frau auf der Baustelle ihren Mann

Charlotte Kleemann (19) macht in Emmering eine Zimmerer-Lehre. Für einige junge Frauen klingt es spannend, Zimmerin zu werden. Doch oftmals hören sie viele Vorurteile über den Beruf.

Emmering – Im Interview erzählt Charlotte Kleemann, wie es ihr als Frau auf der Baustelle geht und warum es sich lohnt, vor dem Studium eine Lehre zu machen. Denn nach dem Abitur wollte die 19-Jährige eigentlich gleich Architektur studieren. Doch dann begann sie die Ausbildung in der Zimmerei von Max Kiener. Mittlerweile ist sie im dritten Lehrjahr und bereut ihre Entscheidung nicht – im Gegenteil.

Frau Kleemann, warum haben Sie sich für eine Lehre entschieden?

Nach dem Abi wollte ich nicht länger in der Theorie bleiben. Damals hat mir eine Architektin empfohlen, ein paar Wochen auf der Baustelle mitzuarbeiten. Dann habe ich ein Praktikum in meinem heutigen Ausbildungsbetrieb gemacht und gleich gemerkt, dass mir die Arbeit an der frischen Luft mit den Kollegen und die körperliche Arbeit richtig viel Spaß macht.

Was haben Sie in der Ausbildung gelernt, was im Studium helfen könnte?

In der Lehre bekommt man nicht nur Selbstbewusstsein, weil man selbstständig arbeitet, sondern auch praxisnahes Denken und einen großen Wissensschatz: In der Berufsschule lernen wir zum Beispiel die Schichten einer Wand, den Dachaufbau und Holzkonstruktionen. Im Betrieb habe ich die Praxis dazu: Wie gehe ich die Sache an, wie kann ich ein Detail ausbilden?

Deshalb empfehlen Sie angehenden Architekten, einen Handwerksberuf zu lernen?

Auf jeden Fall. Denn man kann vieles theoretisch planen, was in der Praxis nicht funktioniert – wer als Zimmerer gearbeitet hat, hat dafür einen besseren Blick. Am Anfang der Lehre habe ich bei Holzverbindungen zu kompliziert gedacht, bis mir meine Kollegen eine einfache Lösung des Problems gezeigt haben.

Im Sommer beenden Sie Ihre Lehre. Folgt dann das Architekturstudium?

Ich weiß noch nicht, weil mir die Arbeit als Zimmerin so viel Spaß macht. Ich könnte mir auch vorstellen, den Meister oder ein Holzbau- oder Bauingenieur-Studium zu machen.

Und wie geht es als Frau auf der Baustelle?

Wenn ich von Mitarbeitern anderer Gewerke komisch angeschaut werde, spreche ich sie einfach darauf an. Entscheidend ist: Wenn man auf der Baustelle nur rumsteht, wird man sicher komisch angeschaut. Aber wenn ich mitanpacke, gibt’s kein Problem und das trifft auf alle Lehrlinge zu. Zudem fühle ich mich von meinen Kollegen akzeptiert, das stärkt mir den Rücken.

Wie ist die körperliche Anstrengung in diesem Beruf zu bewältigen?

Am Anfang hatte ich Respekt vor den schweren Arbeiten. Aber mit der Zeit kommt die Kraft und Technik von allein, und man kann auch seine Kollegen um Hilfe bitten.

Was macht als Zimmerin am meisten Spaß?

Dass ich in einem tollen Team arbeite. Und es macht mich immer stolz, dass ich nach einem Arbeitstag sehe, was wir geschafft haben.

Das sagt der Chef

Zimmermeister Max Kiener hatte nie Zweifel, dass sich Azubi Charlotte Kleemann als Frau auf der Baustelle durchsetzen kann: „Handwerklich gesehen gibt es nichts, was Charlotte nicht kann.“ Dass er das so deutlich sagt, hat auch mit der Geschichte des Betriebs zu tun. „Diese Firma ist 40 Jahre unter einer Frau groß geworden“, berichtet er. Seine Mutter Gabriele Kiener führte jahrzehntelang die Zimmerei. Sie erzählt: „Mein Vater hatte drei Töchter. Dann habe ich einfach Zimmerin gelernt von 1968 bis 1970. Da gab’s noch gar keine Mädchen auf dem Bau.“ Auch später als Chefin der Zimmerei musste sie sich behaupten: „Arbeiter aus anderen Gewerken haben zu meinen Mitarbeitern oft gesagt: ,Du wirst dir doch von einer Frau nichts sagen lassen oder?’ Aber meine Mitarbeiter haben mich gerne verteidigt.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare