Roswitha Gebhardt hat Jahrzehnte lang Menschen mit Handicap geholfen. Heute braucht so oft selbst Hilfe von ihrem Ehemann Vitus.

Ehrenamtspreis: Mensch der Tat 

Mit ihr erlebten Behinderte Unvergessliches

  • Eva Strauß
    vonEva Strauß
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Ausflüge, Kegelabende, Familien-Freizeiten: Das alles haben Roswitha Gebhardt und ihr Mann Vitus aus Emmering organisiert – und dadurch das Leben vieler Menschen mit Handicap abwechslungsreicher gemacht. Dafür wurde sie von der Brucker Bürgerstiftung als „Mensch der Tat“ ausgezeichnet.

Emmering – Viel sagt Roswitha Gebhardt nicht. Die 74-Jährige überlässt lieber ihrem Mann Vitus (86) das Reden. „Ich habe keine Kraft mehr. Und ich weiß auch nicht mehr alles.“ Roswitha Gebhardt leidet an Krebs und beginnender Demenz. Wenn sie aber etwas sagt, dann schwingt die Tatkraft früherer Tage noch mit. Die war groß – schließlich hat Roswitha Gebhardt fast vier Jahrzehnte lang den Brucker Kreis Eltern behinderter Kinder (EbK) geleitet. Unterstützt wurde sie dabei stets von ihrem Mann.

„Es war eine schöne Zeit“, sagen die beiden. Und die Angebote seien auch angenommen worden. Zu den besten Zeiten des EbK haben sich 30 bis 40 Menschen mit und ohne Handicap im Emmeringer Bürgerhaus monatlich zum Kegeln getroffen. 480 Familien aus dem Landkreis waren im Brief-Verteiler der Gebhardts gelistet und erfuhren so von den Aktivitäten.

Mit der Geburt der Tochter fing alles an 

Aus dem Erinnerungsalbum: Roswitha Gebhardt mit Tochter Birgit auf einer Draisine bei einem Ausflug mit Eltern mit ihren behinderten Kindern.

Angefangen hat alles mit der Geburt ihrer Tochter Birgit im Jahr 1971. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass das Mädchen geistig und körperlich behindert ist. Die Gebhardts suchten Kontakt zu anderen Eltern von Kindern mit Handicap. Fündig wurden sie bei der Gemeindemission St. Bernhard in Fürstenfeldbruck. 1976, Tochter Birgit war fünf Jahre alt, wurde dann der EbK gegründet – als Selbsthilfegruppe. Ende vergangenen Jahres musste sich der EbK auflösen. Es fanden sich keine Nachfolger für die Gebhardts. „Es ist schon schwergefallen, aufzuhören“, sagt Vitus Gebhardt.

In den Anfangszeiten waren es sieben Familien aus Bruck und der näheren Umgebung, die regelmäßig zusammengekommen sind, erinnert sich der 86-Jährige. „Erst haben sich nur die Eltern getroffen.“ Doch Roswitha Gebhardt regte an, Aktivitäten zu organisieren. „Damit auch die Kinder etwas davon haben“, so die 74-Jährige. „Denn für Behinderte gab es damals nichts.“

Christmette war der Höhepunkt des Jahres 

Zum festen Jahresprogramm des EbK gehörten ein Spaziergang mit Eiersuche am Ostermontag, ein Sommerausflug, ein Hausfrauen- und Hausmännertag, an dem etwas ohne die Kinder unternommen wurde, dazu der Faschingsball der lachenden Herzen, die Nikolausfeier und die Christmette in der Klosterkirche. Dabei führten die behinderten Kinder ein Krippenspiel auf. „Das war immer der Höhepunkt des Jahres“, erinnert sich Roswitha Gebhardt. „Es gab Maria und Josef, die durften am Altar mithelfen. Und die Hirten, die hatten einen Hut auf. Für die Kinder war das ganz toll.“ Die Mette war auch bei Menschen ohne Behinderung sehr beliebt. Teilweise seien die Besucher sogar aus München gekommen, so Vitus Gebhardt.

Wenn es die Kasse erlaubte – der EbK finanzierte sich über Spenden sowie Zuschüsse der Stadt Fürstenfeldbruck und der Gemeinde Emmering –, wurde gemeinsam in den Urlaub gefahren. Eltern, Kinder und Betreuer. So war man mehrmals im Kolpinghaus in Meran oder im Berchtesgadener Land.

All das haben Roswitha und Vitus Gebhardt organisiert. Die ersten Jahre alleine, dann bekamen sie nach und nach Unterstützung. Bei der Organisation der Aktivitäten half viele Jahre lang die Brucker Kolpingfamilie mit. Den Faschingsball richteten die Faschingsfreunde aus.

Eltern und Kinder wurden alt - Kreis muss sich auflösen 

Natürlich gab es Momente, in denen die Gebhardts alles hinschmeißen wollten, nicht mehr konnten. Aber irgendwie ging es dann doch weiter. „Man kann sich schon überwinden, wenn man sieht, wie gut es den Kindern tut, welche Freude sie haben und wie stolz sie sind“, sagt Roswitha Gebhardt.

Über die Jahre hinweg ist der EbK gealtert. Die Kinder von damals sind erwachsen, die Eltern über 70 Jahre und älter. Zwar gebe es im Landkreis genug junge Familien mit behinderten Kindern, doch die wollen sich nicht mehr engagieren, meint Vitus Gebhardt. Und so blieb den Gebhardts und den verbliebenen Eltern letztlich nichts anderes mehr übrig, als den Elternkreis aufzulösen. Mit Freude und auch etwas Wehmut blicken die Gebhardts auf die 38 Jahre zurück, denn die Selbsthilfegruppe hat nicht nur ihr Leben, sondern das vieler Familien mit Nachwuchs mit Handicap bunter gemacht.

Mensch der Tat: So können Sie mitmachen

Bei der Aktion „Mensch der Tat“ kann jeder mitmachen, der sich ehrenamtlich engagiert oder jemanden kennt, der ehrenamtlich arbeitet. Bewerbungen sind möglich über www.ehrenamtsboerse-lkr-ffb.de. 

Wenn jemand eine andere Person vorschlägt, muss der Vorgeschlagene die Bewerbung unterschreiben, bevor er zurückgesendet wird. 

Dies geschieht entweder per E-Mail an ehrenamt@buergerstiftung-lkrffb.de oder via Post an Ehrenamtsbörse, Münchner Straße 5/ 3. OG, 82256 Fürstenfeldbruck. Eine Jury – bestehend aus Vertretern der Bürgerstiftung, der VR-Bank und und des Landratsamts kürt die Gewinner.

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