Nach Anschlag am Airport

Fliegen Sie jetzt noch nach Istanbul?

Landkreis – Nach dem blutigen Anschlag auf den Flughafen Istanbul mit Dutzenden Toten und vielen Verletzten ist die Betroffenheit auch im Kreis Bruck groß.

Viele sind selbst schon an dem internationalen Airport der türkischen Metropole gewesen. Andere haben in der Stadt Verwandte und Bekannte. Einer, der schon unzählige Male an dem Flughafen angekommen oder abgeflogen ist, ist Mehmet-Akif Nemutlu. Jedesmal musste er zwei Sicherheitskontrollen überwinden.

„Zweimal werden die Passagiere durchleuchtet“, sagt der türkisch stänmmige Fürstenfeldbrucker. „Einmal am Eingang zum Flughafen und das zweite Mal nach der Passkontrolle“. Oft, so sagt er, habe er über diesen Aufwand geschimpft – jetzt nicht mehr. Nach dem Anschlag in Istanbul ist der 59-Jährige Rentner tief betroffen. Gott sei Dank seien seine Freunde und Familie zur Tatzeit nicht am Flughafen der türkischen Hauptstadt gewesen. Nemutlu fliegt zwei- bis dreimal im Jahr in sein Heimatland.

„Natürlich habe ich ein mulmiges Gefühl“, sagt er. Doch das habe er überall, auch in München. Die Absichten der Terroristen stünden diesen schließlich nicht auf die Stirn geschrieben, so der ehemalige Chef des Brucker BTVA (Beistandsverein Türkischer Arbeitnehmer). Abschrecken lässt sich Nemutlu aber nicht.

Die Präsenz von Polizei und Sicherheitsleuten in der Türkei sei schon seit längerem erhöht. „Und wenn doch etwas passiert, ist es Schicksal.“ Mahmud Sahin vermutet, dass der Anschlag politisch motiviert ist. Schließlich hatte sich die Türkei am Tag des Anschlags nach sechs Jahren Eiszeit wieder mit Israel versöhnt. „Das hat dem IS mit Sicherheit nicht gefallen“, sagt der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Germering. Er hat beim abendlichen Fastenbrechen in der Moschee vom Attentat erfahren.

Mindestens einmal im Jahr fliegt Sahin nach Samsun, seiner Heimatstadt am schwarzen Meer. Einschränken oder einschüchtern lässt sich der 60-jährige Busfahrer von Terror aber nicht. Angst zu haben nütze nichts. „Ich glaube an Schicksal, wir müssen alle irgendwann sterben.“ Auch Uwe Decker denkt, dass der Termin für den Anschlag bewusst gewählt wurde. Wenige Tage vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan wären viele Menschen auf dem Weg zu ihren Familien, erklärt er.

Erst wenige Wochen zuvor war der Germeringer selbst am Istanbuler Flughafen. Wenn der Mittfünfziger daran denkt, ist er bestürzt. Decker arbeitet und lebt seit mehr als vier Jahren in Istanbul. Genauer gesagt in Kadiköy, der asiatischen Seite der Bosporus-Metropole. „Kadiköy wird durch seine offene und multiulturelle Lebensgemeinschaft geprägt“, sagt Decker. Die Menschen dort beschreibt er als toleranter als in anderen Provinzen. Mittlerweile aber gehörten erhöhte Sicherheitskontrollen, bewaffnete Wachmänner und gepanzerte Fahrzeuge zum Alltag.

Angst haben müsse man zwar nicht, „aber aufmerksam sollte man sein“, sagt Decker. Er rät dazu, Orte mit militärischem, wirtschaftlichem oder religiösem Hintergrund zu meiden. Denn dort hätten Attentate oft die größte Wirkung – die Touristen, Gäste und Besucher der Vergnügungsviertel blieben aus, Investoren würden sich zurückziehen. Und natürlich hat der Terror Auswirkungen auf den Tourismus.

Beim Türkenfelder Reisebüro Weltenbummler sagten alle Kunden, die gestern mit Turkish Airlines hätten fliegen sollen, ab. Das berichtete Inhaberin Margit Thalmayr. „2016 wurden in Deutschland ohnehin 60 Prozent weniger Türkeireisen gebucht.“ Nur Badeurlaube seien noch beliebt. Die günstigen Preise an Ägäis und Riviera würden Kunden locken.

von Regina Mittermeier

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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