Fremd bleiben, ankommen oder beides: Gespräch zur Integration

Was sind eigentlich „deutsche Werte“? Und welche davon sollte man als Migrant übernehmen, ohne deswegen die eigene Kultur aufzugeben? Fragen solcher Art versuchte unlängst die Puchheimer Volkshochschule bei einem Gesprächsabend zu klären.

Puchheim – Eingeladen waren zwei Zuwanderer und eine deutsche Entwicklungshelferin, die aus der umgekehrten Perspektive erzählen konnte. Die Moderation hatte die evangelische Pfarrerin Mirjam Pfeiffer übernommen.

Frederic Lwano, Diplom-Theologe und Migrationsforscher aus dem Kongo, gelang es vielleicht am besten, die zwiespältigen Gefühle zu beschreiben. Die Ordnung hierzulande sei faszinierend, auch der respektvolle Umgang mit Kindern fiel ihm auf.

Andererseits falle es schwer zu verstehen, „warum alles so ruhig ist“. Eine Ruhe, die sich im persönlichen Miteinander auch als Desinteresse ausdrücken könne. Noch nach acht Jahren kenne er den Namen eines Nachbarn nicht, berichtete der Gastdozent an der Jesuiten-Hochschule und Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks Refugio.

Als Mann aus Schwarzafrika macht er aber auch unangenehme Erfahrungen wie neulich in einem Ausländeramt. Der Sicherheitsdienst wollte ihn wegschicken, weil er bei der Fachkräfte-Vermittlung wartete und nicht bei den Asylbewerbern.

Solche Erlebnisse sind für eine Frau vielleicht seltener. Die irakische Kurdin Aveen Khorschied hat als Mitarbeiterin der Stadt Puchheim und des Quartiersmanagements für die Planie aber auch so etwas wie offizielle Funktionen. In ihren sieben Jahren in Deutschland hat sie nach ihren Worten „die meiste Zeit nette Leute getroffen“. Für befremdlich hält sie demnach nur noch, wenn ihr Mitarbeiter am Wertstoffhof zeigen wollen, wie sie den Abfall richtig zu entsorgen habe. Aber mehr als einmal sagte sie auch, dass Integration ein sehr langsamer Prozess sei.

Anette Eichhorn-Wiegand, für Gesundheitsprojekte des Deutschen Entwicklungsdienstes in Namibia und Kenia tätig, kennt den Kulturschock in der Gegenrichtung. Zwar genießt sie es, wieder Wasser aus dem Hahn trinken zu können und sich allein auf der Straße sicher zu fühlen. Aber über jemanden, der sich im Supermarkt aufregt, weil nicht seine, die elfte Käsesorte im Angebot ist, kann sie nach den Jahren in Afrika nur noch den Kopf schütteln.

Viel diskutiert wurde über den Spracherwerb als Türöffner. Deutsch zu können sei unablässlich, aber Kinder, die die Sprache ihrer Mutter aufgäben, hätten erfahrungsgemäß auch größere Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Lwano fragte aber auch, warum Amerikaner oder Franzosen problemlos hier leben könnten, ohne deutsch zu sprechen. Und auch keinem Portugiesen werde ein Integrationskurs abverlangt.

Er glaubt, dass es Aufgabe aller sei, das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zu lernen. Ähnlich sieht es wohl Khorschied: „Ich sage immer, wir wachsen zusammen.“    

op

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