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Baumrettung mit gigantischem Aufwand: 100 Jahre alte Eiche wird für Tiefgarage umgepflanzt

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Von: Katrin Woitsch

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Ein Baukran hebt die Eiche an und schwenkt sie zu ihrem neuen Platz
Ein Baum schwebt an einen neuen Standort: In Fürstenfeldbruck wurde gestern eine 100 Jahre alte Eiche umgesetzt. Sie muss einer Tiefgarage weichen. © Peter Weber

In Fürstenfeldbruck hat eine Eiche einen neuen Platz bekommen. Dort, wo sie die vergangenen 100 Jahre gestanden hatte, soll eine Tiefgarage gebaut werden.

Fürstenfeldbruck - Ein bisschen Ehrfurcht ist immer dabei, wenn Tom Braam seinen Job macht. „Routine gibt es nicht, wenn man Bäume umsetzt“, sagt er. Schon gar nicht bei 100 Jahre alten Eichen. Das ist auch für Braam und sein Team von der Firma Opitz nicht alltäglich. „So alte Bäume versetzen wir höchstens zehnmal im Jahr.“ In Fürstenfeldbruck passiert das gerade. Braam steht vor einem gigantischen Kran. Unter die alte Eiche ist schon vor Tagen eine Steinplatte geschoben worden. Der Baum hat eine Art Blumentopf bekommen, in dem die Wurzeln verpackt sind. An dicken Stahlseilen wird die Eiche Zentimeter um Zentimeter von dem Kran in die Höhe gezogen.

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In Fürstenfeldbruck: 100-jährige Eiche muss Tiefgarage weichen

Am Bauzaun des Grundstücks stehen viele Anwohner. Einige staunen, andere filmen, manche tun beides. Auch Anita Meister steht dabei. Sie und ihr Mann sind Bauträger. Auf dem Grundstück sollen zwei Mehrfamilienhäuser entstehen, inklusive Tiefgarage. Und die ist genau dort geplant, wo die Eiche seit 100 Jahren ihren Platz hatte. In Fürstenfeldbruck gibt es keine Baumschutzverordnung. Die Eiche hätte einfach gefällt werden können. Doch das wollte die Meister Wohnbau GmbH nicht. Deshalb hat sie die Firma Opitz damit beauftragt, den alten Baum zu versetzen. Das kostet sehr viel Geld. Wie viel Geld, möchte Anita Meister nicht sagen. „Bäume sind immer erhaltenswert“, betont sie.

Doch der Aufwand für diesen wenige Meter weiten Umzug ans andere Ende des Grundstücks ist gigantisch. Auch für Tom Braam und seine beiden Kollegen ist dieser Einsatz etwas besonderes. Die Firma Opitz hat europaweit mehr als eine Million Bäume verpflanzt. Damit die Eiche umziehen kann, musste auf dem Grundstück auch eine Kastanie umgesetzt werden. Das war in ein paar Stunden passiert – mit einem Rundspatenbagger wurde der Baum ausgegraben und in ein vorgeschaufeltes Loch gesetzt. Für die rund 106 Tonnen schwere Eiche haben die Vorbereitungsarbeiten bereits vor knapp einem Jahr begonnen.

Aus ökologischer Sicht sind Eichen sehr wichtige Bäume. Rund zehn Tierarten nutzen sie als Brut- und Nistplatz.

Lutz Popp vom Landes-Gartenbau-Verband

Erst musste ein Wurzelgutachten erstellt werden, erklärt Braam. Das Ergebnis war gut, die Wurzeln ragten nicht zu tief in die Erde. Dann wurde ein Wurzelvorhang gelegt. Weil die Wurzeln an den Rändern abgetrennt wurden, musste die Eiche sechs Monate lang gewässert werden – mit 8000 Litern pro Woche. Finanziert haben das die Stadtwerke. Und sie werden es auch mindestens zwei weitere Jahre tun, sagt Sprecherin Monika Lidmila. „Das ist ein Stück Umwelt, das wir damit erhalten können.“

Baum-Experte Braam glaubt, die Chancen, dass die Eiche überlebt, sind gut

Das sehen auch Bund Naturschutz und der Landesverband für Gartenbau so. „Aus ökologischer Sicht ist die Eiche ein sehr wichtiger Baum“, sagt Gartenbau-Experte Lutz Popp. Rund zehn Tierarten nutzen sie als Brut- und Nistplatz. Das können sie nun 300 bis 400 weitere Jahre tun. Denn Eichen werden sehr alt – wenn sie dürfen.

Langsam schwebt der Baum an den Stahlseilen quer über das Grundstück. Kranfahrer Robert Halsner lässt sie vorsichtig über der ausgehobenen Grube in die Tiefe sinken. Jetzt ist auch ein bisschen Muskelkraft gefragt. Braam und seine Kollegen lenken das eingepackte Wurzelwerk in die richtige Position. Rund eine halbe Stunde später hat die Eiche ihr Abenteuer hinter sich. „Die nächsten Tage gibt es noch einiges zu tun“, erklärt Braam. Erst wird die Steinplatte entfernt, dann das Gitter um die Wurzeln, die Grube wird aufgeschüttet. Und dann geht die intensive Baumpflege weiter. Mindestens zwei Jahre lang. Die Chancen, dass die Eiche sich wieder fest verwurzelt, sind gut.

Vom Gartenzaun aus kommt Applaus der Anwohner, als der Baum steht und die Seile gelockert werden. Bernd Borowsky kommt erst am Grundstück an, als die Eiche schon stabil an ihrem neuen Standort steht. Er hätte den Umzug gerne gesehen. „Mein Chef hat mir extra kurz freigegeben“, sagt er. Dass es mit heutiger Technik möglich ist, Bäume zu versetzen und damit zu retten, findet er toll. „Die Eiche ist schließlich ein Lebewesen – und ein Stück Natur, vor dem wir Respekt haben sollten.“ Er will in ein paar Monaten wiederkommen – in der Hoffnung, dann eine blühende Eiche an einem neuen Standort zu sehen.

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