+
Was anderswo industriell abgefüllt wird, ist in Fürstenfeldbruck Handarbeit.

Desinfektionsmittel quasi in Handarbeit

  • schließen

Für Desinfektionsmittel werden derzeit im Internet horrende Summen bezahlt. Das will ein Brucker Unternehmen nicht hinnehmen - und produziert die Mittel jetzt in Handarbeit. 

Fürstenfeldbruck – Verwaiste Laborräume. Maschinen und Monitore ausgeschaltet. Im Erdgeschoss der Brucker Firma Sykam/Jaqu-Invent sieht es aus wie in einer Geisterstadt. Hingegen herrscht im ersten Stock geschäftiges Treiben. Dort füllen promovierte Chemiker und Biologen, die sonst im Parterre an Untersuchungsgeräten für die Pharmaindustrie arbeiten, in Akkordarbeit Fläschchen und Kanister mit Desinfektionsmitteln ab. Die neun Mitarbeiter inklusive der beiden Chefs versorgen gerade nahezu den ganzen Landkreis damit.

300 Fläschchen in nullkommanix ausverkauft 

„Wir haben mit der Desinfektionsmittelproduktion eigentlich aus Eigenbedarf angefangen“, sagt Dirk Thomas Quak, Geschäftsführer bei Jaqu-Invent. Der niedergelassene Homöopath mit Praxis in Bruck hat mit dem Chemiker Karl-Heinz Jansen die Firma gegründet. Normalerweise wird dort homöopathische und naturmedizinische Forschung betrieben. Während Jansens Firma Sykam unter anderem pharmakologische Geräte herstellt. „Für beide Bereiche brauchen wir die Desinfektionsmittel – aber es gab keine mehr wegen der Corona-Krise“, erklärt Jansen.

Rohstoffe zum Produzieren eigener Mittel waren vorrätig. Und nachdem Apotheken mit der Eigenproduktion anfingen, bemühten wir uns ebenfalls um eine Genehmigung, so Quak. „Nicht mal drei Stunden nach unserer Anfrage an das Landesamt für Chemikaliensicherheit hatten wir die Zulassung.“ Von vornherein war klar, wir wollen auch Desinfektionsmittel an Apotheken, Seniorenheime und andere Einrichtungen und gefährdete Menschen abgeben, erzählt der Homöopath. Schnell wurden die ersten 300 Fläschchen abgefüllt und verteilt. „In nullkommanix waren alle ausverkauft.“

„Wir produzieren solange wir noch Rohstoffe bekommen.“

Inzwischen kommen die Geschäftsführer nicht mehr unter zwölf Stunden pro Tag aus der Firma raus. „Wir produzieren solange wir noch Rohstoffe bekommen“, sagt Jansen. Die Versorgung damit gestaltet sich jedoch schwierig. Der Hauptbestandteil der Desinfektionsmittel ist Ethanol (also 96-prozentiger Alkohol). Die Hersteller kommen aber mit der Produktion dieses Stoffes kaum noch hinterher. „Die Preise für Ethanol sind rapide angestiegen“, sagt Jansen, der auch im Brucker Umweltbeirat sitzt.

Ein weiteres Problem sind die Bestellmengen. „Wir bekommen in der Regel nur etwa 300 Liter Ethanol, würden aber gerne gleich tausende Liter abnehmen“, sagt Quak. Dafür bräuchte es aber besondere Vorkehrungsmaßnahmen. „Bei dieser Menge müsste bei der Lieferung die Feuerwehr zum Schutz vor der Tür stehen“, erklärt der Brucker Homöopath. So wird sich die Firma in den nächsten Wochen mit den kleineren Gebinden über Wasser halten. „Wir hoffen, dass sich die Lage in zwei bis drei Wochen wieder normalisiert.“ Er geht davon aus, dass große Firmen wie BASF dann genug Desinfektionsmittel für den deutschlandweiten Bedarf produzieren können.

Zehn Euro fürs Fläschchen

Ihre 100 Milliliter Fläschchen verkauft die Firma Jaqu-Invent hauptsächlich an die Brucker Stadtapotheke. Dort kostet dann ein einzelnes Desinfektionsmittelspray zehn Euro. Dieser Preis soll – trotz gestiegener Rohstoffpreise – gehalten werden.

„Aber natürlich müssen wir auch wirtschaftlich arbeiten“, sagt Jansen. Ein industriell abgefülltes Fläschchen würde mindestens sechs Euro kosten. „Bei uns ist der Personaleinsatz viel höher. Denn wir füllen alles noch per Hand ab.“

Dass Desinfektionsmittel in privaten Haushalten sinnvoll sind, finden beide Geschäftsführer. „Wenn man unterwegs ist, sollte man immer ein Fläschchen dabei haben. Zuhause reicht gründliches Händewaschen“, sagt Quak. Für ihn wäre es auch sinnvoll, dass Firmen mit häufigem Kundenkontakt – wie Supermärkte – Mitarbeitern Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen. „Das geschieht immer noch viel zu selten.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kinder malen für die Bewohner des Theresianums
Viele Senioren in den Altenheimen sind jetzt während der Corona-Krise quasi von der Außenwelt abgeschnitten. Um sie ein wenig aufzumuntern, hat sich eine Mitarbeiterin …
Kinder malen für die Bewohner des Theresianums
Razorbacks müssen ohne US-Spieler auskommen
Noch steht nicht fest, wie es bei den Footballern der Fursty Razorbacks nach Corona weitergeht. Weiteres Problem: Viele US-Spieler sind mittlerweile wieder zurück in der …
Razorbacks müssen ohne US-Spieler auskommen
Bestatter decken sich mit Särgen ein - Würdiger Abschied derzeit eine Herausforderung
Die Corona-Krise wirbelt den Alltag der Bestatter auch in Bayern durcheinander. Grund sind Beschränkungen bei Beerdigungsablauf - und steigende Sargpreise.
Bestatter decken sich mit Särgen ein - Würdiger Abschied derzeit eine Herausforderung
Diese Zweige passen in den Strauch
Dekogeschäfte und Blumenläden haben derzeit geschlossen. Doch blühenden Osterschmuck selbst gestalten, ist gar nicht so schwer.
Diese Zweige passen in den Strauch

Kommentare