Der Obsidian.

Archäologie

8000 Jahre alter Obsidian: Zwei Freundinnen gelingt sensationeller Fund

Für die einen sind es einfach Scherben und Steine – für die anderen wertvolle Zeugen unserer Vergangenheit. Unermüdlich sind versierte Hobbyarchäologen im Landkreis unterwegs und haben schon richtungsweisende Funde gemacht, nach denen Geschichtsbücher neu geschrieben werden mussten. Im Tagblatt erzählen sie ihre Erlebnisse.

Fürstenfeldbruck – Über 20 Jahre ist es her, dass sich Roswitha Spohd mit dem Archäologie-Virus infiziert hat. Seither ist die heute 74-Jährige unterwegs – fast immer auf der Suche nach stummen Zeugen aus der Vergangenheit. „Das hält fit“, sagt sie und lacht.

Monika Störmann

Roswitha Spohd ist eine der sogenannten Feldbegeherinnen des Historischen Vereins Fürstenfeldbruck (HVF). Nach Regenfällen werden auf Äckern oft Reste von Werkzeugen, Waffen, Schmuckgegenständen oder ähnlichem ausgewaschen. Diesen stummen Zeugen der Vergangenheit ist Roswitha Spohd auf der Spur. Doch der Boden ist schwer, das Gehen anstrengend. „Erst habe ich es mit Gummistiefeln versucht, dann bin ich auf alte Wanderstiefel umgestiegen“, erklärt die Fürstenfeldbruckerin.

Viel hat sie erlebt, seit sie nach einem Besuch einer Ausgrabung zur Römerzeit in Schöngeising spontan zum Spaten gegriffen hatte und mit etwas Anfängerglück am nächsten Tag gleich eine römische Münze fand. Vor allem die Stellen, an denen früher römische Villen standen, hatten es ihr angetan. Alleine bei Neulindach fand sie 50 Münzen.

Für die Wissenschaft verloren

Doch damit ist es inzwischen weitgehend vorbei. „Durch die Sondengeher finden Sie heute kein Metall mehr“, sagt sie etwas wehmütig. Diese Leuten nehmen die Fundstücke in der Regel einfach mit – oft um sie zu zu verkaufen. Für die Wissenschaft sind sie dadurch verloren. Durch den Bayernviewer, der im Internet offizielle Ausgrabungsstätten ausweist, sei das noch schlimmer geworden. Denn statt – wie eigentlich beabsichtigt – Privatleute von den Ausgrabungen fern zu halten, würde es diesen nur leichter gemacht, die attraktiven Areale zu orten.

Aufgegeben hat Roswitha Spohd die Archäologie deshalb nicht. Sie ist umgestiegen auf Scherben und Steingeräte. „Für mich sind die auch alle schön.“ Und genau in diesem Bereich war sie an einem Fund beteiligt, um den sie sicherlich der ein oder andere Sondengänger beneidet.

Fund in der Nähe von Purk

Wie so oft war sie mit ihrer Freundin Monika Störmann auf der Suche nach Funden aus der Römerzeit. „Wenn sie einmal auch nur ein kleines Fitzelchen gefunden haben, dann machen sie weiter“, sagt Störmann. Diesmal versuchten sie es bei Purk. In der Nähe war eine Römerstraße verlaufen. Doch dann hielt Monika Störmann plötzlich ein kleines Steinchen in der Hand. „Der war schwarz und ein bisschen glänzend, er hat mir einfach gefallen“, erinnert sich die 77-Jährige. Der erfahreneren Roswitha Spohd war schnell klar, dass es sich um ein Steingerät aus einer viel früheren Epoche als die der Römer handelte. Aber besondere Bedeutung maßen die beiden Frauen dem Fund nicht bei.

Der älteste Obsidian Deutschlands

In Ordnern dokumentiert Roswitha Spohd ihre Funde.

„Ich habe den Stein dann bei mir in die Vitrine gelegt“, sagt Monika Störmann. Jahre später gab sie ihn mit anderen Funden an den Historischen Verein. Erst jetzt schauten sich Experten das schöne Steinchen genauer an und entdeckten, dass es eigentlich eine kleine Sensation war. Ein Experte sagte ihr schließlich, dass der Stein vor rund 8000 Jahren in den heutigen Landkreis Fürstenfeldbruck kam. Er ist bis heute der älteste jemals in Deutschland gefundene Obsidian.

„Als ich das erfahren habe, war ich sehr überrascht und habe mich ehrlich gefreut“, sagt Monika Störmann. Dabei hatte sie das Stück eigentlich nur weggegeben, weil sie etwas Platz schaffen wollte. „Und so stellte sich heraus, dass ich tatsächlich etwas beigetragen hatte, damit Experten neue Erkenntnisse gewinnen konnten.“

Monika Störmann hat die Feldbegehungen übrigens inzwischen aufgehört – sie wurden der Fürstenfeldbruckerin körperlich zu anstrengend. Aber sie denkt gerne an die Zeit zurück. Ich habe mir massig Bücher gekauft und viel gelernt.“ Das schönste aber war etwas anderes: „Wenn man einen Ziegel in der Hand hält und weiß, den hatte ein Römer auf seinem Dach, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.“ Vielleicht auch deshalb ist Roswitha Spohd noch immer unterwegs. Ihre Funde hat sie alle dem Historischen Verein übergeben, damit sie der Allgemeinheit erhalten bleiben.

Am Rastplatz der Steinzeitjäger blieb wertvolle Klinge aus Obsidian zurück

Obsidian ist kein Stein, sondern eine Art natürliches Glas. Es bildet sich unter bestimmten Bedingungen bei Vulkanausbrüchen aus Lava. Der Obsidian, aus dem die drei Zentimeter lange und 1,2 Zentimeter breite Klinge gefertigt wurde, die in Purk gefunden wurde, stammt von der griechischen Kykladen-Insel Milos. Dass er in der Mittelsteinzeit, also vor rund 8000 Jahren, den langen Weg in den Landkreis Fürstenfeldbruck fand, ist eine kleine Sensation. 

Er ist bis heute der älteste Obsidian, der in ganz Deutschland gefunden wurde. Vermutlich gelangte er über den Balkan nach Bayern, möglicherweise auch über den Brenner oder durchs französische Rhone-Tal. Auf alle Fälle legte der Obsidian einen Teil seines Weges per Schiff zurück – die gab es in der mittleren Steinzeit, dem sogenannten Mesolitikum erwiesenermaßen bereits. Die Reise wird aber wohl mehrere Generationen gedauert haben.

 Der Obsidian von Purk wurde zu einer Klinge verarbeitet. Für seinen Besitzer im heutigen Landkreis Fürstenfeldbruck war dieses seltene Stück sicherlich etwas ganz Besonderes – ein Statussymbol. Deshalb ist auch eher fraglich, ob die Klinge als Werkzeug genutzt wurde oder für rituelle Handlungen. Neben der Klinge aus dem seltenen Material lagen Werkzeuge aus gewöhnlicherem. Es wird deshalb vermutet, dass die Stelle eine Art Außenposten des Lagers am Haspelsee, dem heutigen Haspelmoor, war. Steinzeitjäger könnten dort regelmäßig Rast gemacht und ihre Stein-Werkzeuge repariert haben. Der Besitzer der Obsidianklinge konnte dies allerdings nicht. Die Bearbeitung von Obsidian verlangt ganz andere Fertigkeiten als die von Stein. (Sabine Kuhn)

Bodenschätze

Alle in dieser Serie beschriebenen Fundstücke und noch viele mehr sind bis 30. August dezentral ausgestellt – meistens in der Nähe der Fundorte. Von 2. bis 27. September sind alle Objekte der Ausstellung zentral im Landratsamt zu sehen. Den Flyer mit weiteren Informationen gibt es im Internet unter www.historischer-verein-ffb.de unter dem Menüpunkt aktuelles, Ausstellungen zum Herunterladen. Es gibt auch ein allgemein verständliches Buch zur Ausstellung, in dem die Fundstücke erklärt werden.

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