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Vor den Teedosen in der Apotheke an der Fichtenstraße: Der ehemalige Inhaber Dietrich Dell (r.) und sein Nachfolger Ulrich Göttling.

50 jahre Fichten-Apotheke

Als Medizin noch selbst angerührt wurde

Fürstenfeldbruck - Als Dietrich Dell vor einem halben Jahrhundert seine Fichten-Apotheke in der gleichnamigen Straße eröffnete, war sie die modernste der Stadt. Die Schränke gibt es noch heute, doch sonst hat sich ziemlich viel verändert.

In der Umgebung gab es damals einen Metzger, einen Bäcker, eine Gastwirtschaft, einen Gemischtwarenladen und einen Friseur – ein richtiges kleines Einkaufszentrum, erinnert sich Dell (83). Heute ist davon nur noch der Bäcker übrig, ansonsten bringen höchstens eine Kinderärztin und das Bürgerbüro der SPD-Landtagsabgeordneten Kathrin Sonnenholzner Laufkundschaft vorbei. „Die Gegend war früher lebhafter als jetzt.“

Das war ein wichtiger Grund für ihn, sich hier niederzulassen und Tür an Tür mit der Apotheke eine Drogerie aufzumachen. Dort erhielt man unter anderem „Kosmetikpräparate weltbekannter Firmen“, wie der damalige Werbe-Flyer verhieß. Wer fleißig Rabattmarken klebte, erhielt auf die Produkte drei Prozent Preisnachlass. Die Geschäfte liefen so gut, dass Dell zuletzt zehn Voll- und Teilzeitmitarbeiterinnen beschäftigte. Die meisten Medikamente kamen noch nicht aus fertigen Schachteln. Der Apotheker verbrachte eine Menge Zeit damit, Pillen und Salben, Tinkturen und Tropfen nach den Rezepten der Ärtze selber anzurühren.

„In den ersten Jahren war das noch üblich. Später haben dann die fertigen Arzneimittel lawinenartig zugenommen“, erinnert sich der gebürtige Regensburger, der in Oberfranken aufwuchs und später zum Studium nach München kam. Üblich war es zunächst auch, dass der Apotheken-Nachtdienst nicht täglich wechselte, sondern wöchentlich. Für den Inhaber hieß das, sieben Tage lang 24 Stunden im Geschäft zu verbringen. „Meine Frau hat mir dann das Mittagessen vorbeigebracht, und abends gab es ein Butterbrot.“

Betäubungsmittel waren zu Dells Zeiten kaum ein Thema. Höchstens Krebspatienten im Endstadium wurden damit behandelt, sagt der jetzige Inhaber Ulrich Göttling. Und schleppt fünf Leitz-Ordner herbei, in denen er heutzutage seine Betäubungsmittel-Verkäufe dokumentiert. „Chronischer Rücken“ reiche als Grund dafür, dass morphinhaltige Schmerzmittel verschrieben würden.

In Zusammenarbeit mit einer Entzugsärtzin versorgt die Fichten-Apotheke substituierte Drogenabhängige mit dem Heroin-Ersatzstoff Methadon – ein Schritt, zu dem sich der 48-Jährige trotz anfänglicher Bedenken entschloss und den er nicht bereut hat. „Das ist eine relativ dankbare Geschichte. Die Patienten sind mit ihrer Dosis absolut stabil und können normal leben.“ Unangenehme Situationen, die die übrige Kundschaft womöglich abgeschreckt hätten, habe es noch nie gegeben.

Neben Göttling und seiner Frau, die ebenfalls Apothekerin ist, arbeiten heute vier Angestellte im Geschäft. Eine von ihnen kam 1970 als Lehrling zu Dietrich Dell. Vor 18 Jahren übergab der Vater zweier erwachsener Kinder die Apotheke an seinen Nachfolger Göttling. Der hat nicht nur die Ziehschränke unverändert gelassen, sondern auch die übrige Einrichtung. „Mir gefällt’s.“

Die ehemalige Drogerie, die mit dem Aufkommen der Supermärkte unrentabel wurde, dient inzwischen als Lager- und Beratungsraum. Die langen Regalreihen voller Teedosen zeugen davon, dass auch heute noch manches vor Ort zusammengemixt wird – wie der Jubiläums-Tee, den Ulrich Göttling nun an die Kunden verschenkt hat.

Ulrike Osman

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