20 Jahre Weisser Ring im Landkreis FFB

Bei Anruf Hilfe für die Opfer

Fürstenfeldbruck - Das Opfer hat fast immer lebenslänglich. Mit dieser drastischen Feststellung macht der Weisse Ring (WR) deutlich, dass das Leid für die Betroffenen von Straftaten immer noch unterschätzt wird. Häufig werden Opfer allein gelassen. Im Landkreis Fürstenfeldbruck versucht der Weisse Ring seit 20 Jahren wenigstens das schlimmste Leid zu lindern.

 Fünf bis zehnmal am Tag klingelt ein spezielles Telefon im Haus von Charlotte und Manfred Hofmann in Moorenweis. Die Anrufer – in den meisten Fällen sind es Frauen – schildern verzweifelt, frustriert oder völlig verängstigt ihre Geschichte. „Oft sind wir der erste Kontakt und es steht noch nicht einmal fest, ob eine Straftat im juristischen Sinn vorliegt, der sie zum Opfer gefallen sind“, berichtet Manfred Hofmann.

Beim Stalking etwa sei das eine schwierige Sache, weil die Schmerzgrenze recht hoch liege und die Leute sich viel gefallen lassen. „Wir hatten mal eine Frau, die seit 30 Jahren von ihrem Jugendfreund verfolgt und mit Aktionen unter Druck gesetzt wurde, die sich ein normaler Mensch gar nicht vorstellen kann“, erzählt Manfred Hofmann. Vor seiner Pensionierung hat er unter anderem Strafsachen beim Landeskriminalamt bearbeitete.

Ehefrau Charlotte ist bei der Brucker Außenstelle des WR seit Anfang an dabei. Aus langjähriger Erfahrung weiß sie, was nach den Anrufen als erstes zu tun ist: die Kontakte des Stalkers zu dokumentieren. „Am Ende der vielen Gegenmaßnahmen kann ein Umzug notwendig sein und der Antrag auf Eintragungssperre im Einwohnermeldeamt.“ Auch Charlotte Hofmann war bis zu ihrer Pensionierung Kriminalbeamtin beim Polizeipräsidium Oberbayern Nord. Sie und ihr Mann helfen mit einem zehnköpfige Team aus Ehrenamtlichen. Ihre Mitstreiter sind Banker, Rechtsanwälte, Polizisten und eine Krankenschwester.

Die Anrufer, die vom WR Hilfe erhoffen, waren oft noch gar nicht bei der Polizei und haben keine Anzeige erstattet. Das ist auch nicht immer die erste Empfehlung der Opferschützer. Oft bringt es mehr, den Sachverhalt zuerst zu beraten – etwa mit einem Anwalt. Dabei betont Manfred Hofmann, dass die Helfer des Weissen Rings prinzipiell nur auf der Seite des Opfers stehen, keinen Kontakt zum Täter suchen und keine Täter/Opfer–Mediation versuchen.

Oft gehen die Hofmanns auch nachts ans Telefon. „Wir sehen uns als Lotsen im Hilfsnetz, leisten menschlichen Beistand nach der Straftat, unterstützen im Umgang mit Behörden und vermitteln Hilfen anderer Organisationen“, zählt Charlotte Hofmann auf. Oft sind es auch finanzielle Hilfen, wenn tatbedingte Notlagen überbrückt werden, Anwaltskosten zu decken sind oder in bestimmten Fällen auch mal Erholungsmaßnahmen für Opfer und Angehörige bezuschusst werden.

Die persönliche Betreuung geht oft soweit, dass „die Lotsen“ die Opfer zu Terminen bei der Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gericht begleiten. In seltenen Fällen würde sich auch mal die Polizei nach Zustimmung des Opfers melden, um auf einen Fall aufmerksam zu machen.

Am meisten zu tun hat der Weisse Ring im Landkreis mit Opfern von Körperverletzung – oft in einer Beziehung – gefolgt von Raub/Diebstahl und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Dabei sollen die WR-Helfer sich gleichzeitig in die Betroffenen einfühlen und abgrenzen. Das ist nicht immer leicht. Ein Fall ging Charlotte Hofmann besonders an die Nieren: .„Ein Onkel hat seine Nichte mehrfach missbraucht, bis sich die Mutter nach Schulschwierigkeiten ihrer Tochter gemeldet hat.“ Sie begleitete das Mädchen zur Gerichtsverhandlung. Der Onkel leugnete alles. Doch die Ex-Kriminalerin hatte sein Opfer gründlich auf die Vernehmung vorbereitet. Durch die glaubwürdige Darstellung konnte ihr Peiniger schließlich doch verurteilt werden.

Grundsätzlich, so kritisiert Manfred Hofmann, hätten es in der Rechtspraxis Täter oft leichter als Opfer. „Täter haben sofort das Recht auf einen Anwalt, während das Opfer keinen hat, seine Rechte nicht kennt und nur befragt wird, weil es als Opfer ein Zeuge der Tat ist.“ Und wenn unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird, müssten auch die Helfer der oft traumatisierten Opfer den Gerichtssaal verlassen. Immerhin sei mit dem Opfer-Entschädigungsgesetz ein Instrument geschaffen worden, mit dem der Täter-Opfer-Ausgleich angegangen wird.

Warum die Hofmann trotz alledem weitermachen? „Es ist ein positiver Stress, man kann helfen und gleichzeitig Dankbarkeit spüren“, erklärt der Ehemann. (mjk)

Jedes Jahr 100 Fälle im Landkreis

Der Weisse Ring (WR) Deutschland wurde 1976 in Mainz gegründet. Initiator war der durch die Fernsehsendung Aktenzeichen XY bekannte Moderator Eduard Zimmermann. 3200 professionell ausgebildete Ehrenamtliche arbeiten in 18 Landesverbänden und 420 Außenstellen (Landkreisen). Neben der direkten materiellen und immateriellen Hilfe tritt der Verein für ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für die Situation der Geschädigten ein und unterstützt die Kriminalitätsvorbeugung. Im Landkreis nimmt sich der WR rund 100 Fällen an. Die Hälfte dieser Fälle sind innerhalb eines Monats abschließbar, die anderen beschäftigen die Brucker WR-Mitarbeiter bis zu drei Jahre. Aktuell sind ein Dutzend Fälle in Bearbeitung. Die Tätigkeit des WR finanziert sich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Erbschaften und Zuweisungen von Geldbußen durch Gerichte und Staatsanwaltschaften. Eine Mitgliedschaft kostet 30 Euro pro Jahr, weitere Infos online unter www.weisser-ring.de (sk)

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