Egal ob Fünftklässler oder Abschlussjahrgang: Im Parlament an der Mittelschule Nord haben alle die gleichen Rechte. Das Demokratie-Projekt begann schon mit der Wahl, für die sie in den Wahlkampf gezogen sind.	foto: schule Nord
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Egal ob Fünftklässler oder Abschlussjahrgang: Im Parlament an der Mittelschule Nord haben alle die gleichen Rechte. Das Demokratie-Projekt begann schon mit der Wahl, für die sie in den Wahlkampf gezogen sind.

Fürstenfeldbruck

Auszeichnung für gelebte Schul-Demokratie

  • vonHans Kürzl
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Wir machen zusammen Politik: In der Mittelschule Nord legt man Wert auf Werte- und Demokratieerziehung. Für ihr Engagement gegen die Politikverdrossenheit wird die Schule mit dem Gütesiegel Demokratie ausgezeichnet.

Fürstenfeldbruck – Zu Beginn des Projektes stand eine Erkenntnis: „Im Wahrnehmen einer zunehmenden Politikverdrossenheit unserer Schüler war die Einführung eines Schülerparlaments ein wichtiger Meilenstein“, berichtet Bettina Jungtorius, Rektorin der Mittelschule Nord. Denn der Satz „allein könne man eh nichts erreichen“, habe sich in vielen Köpfen breitgemacht. Dem wollte die Schulfamilie mit einer Initiative entgegen wirken.

Die Mittelschule, die bereits vor vielen Jahren durch das Engagement einer Lehrkraft als „Medienreferenzschule“ ausgezeichnet wurde, führte also Mitbestimmung und Schulversammlungen ein. So musste man fast nur das Vorhandene dokumentieren, als es um die Ausschreibung für das Gütesiegel „Demokratie – Verantwortung (er)leben!“ ging, das die Bayerische Landeszentrale für Politische Bildung verleiht.

Unterstützung fand die Schule bei Sabine Kehr, Dozentin für Didaktik der Sozialkunde an der Universität in Würzburg. Ihr war wichtig, dass in dem Schulparlament wirklich alle Klassenstufen vertreten sind – gleichberechtigt, egal ob fünfte oder zehnte Klasse. „Nur so können sich alle identifizieren“, erklärt Kehr. Bei den Schülerverwaltungen, die nur von einzelnen Vertretern gebildet werden, sei dies nicht so der Fall.

Schülerparlament

Begonnen hat die Gleichberechtigung bereits mit der Wahl des Schülerparlaments. Die Vorstellung der Kandidaten für das 15-köpfige Gremium wirkte wie Wahlkampf. Belohnt wurde dies mit einer Wahlbeteiligung, die die Parteien neidig werden lassen dürfte: „Alle Mittelschüler haben sich beteiligt“, berichtet Kehr.

Dem folgte der ganz normale politische Alltag: Diskussionen, Argumente und Entscheidungen. Gelegentlich musste auch die Erkenntnis reifen, dass Vorschläge nicht oder nur mit einem Kompromiss durchkamen. „Das mussten dann die Schüler in ihrer Klassenstufe erklären“ beschreibt Kehr den Vorgang.

Motivierend seien aber auf jeden Fall die Ergebnisse, bilanziert die Dozentin. Nach einem Vorstoß der Schüler installierte die Stadt auf einmal Toilettenpapierhalter in den einzelnen WC-Kabinen. „Vorher mussten wir uns das portionsgerecht im Vorraum zurechtlegen“, berichtete ein weibliches Mitglied des Schülerparlaments in einer TV-Reportage des Senders „BR-Alpha“.

Spektakulärer geriet freilich das Projekt mit der Umgestaltung des Pausenhofs. Da kam Michael Maurer, Leiter des für die Schulen zuständigen Amtes im Rathaus, in die Schule. Und die zuständige Architektin stellte sich den Vorschlägen der Schüler. „Die waren alle stolz darauf, ein Teil des Entstehens zu sein“, sagt Sabine Kehr. Wer ernst genommen werde, zeige in aller Regel mehr Verständnis für Entscheidungsprozesse.

Ihr Fazit zum Demokratieprojekt fällt positiv aus. „Es war für alle Beteiligten gewinnbringend.“ Eine der Schülerparlamentarierinnen sitzt mittlerweile im Stadtjugendrat. Auch deshalb sei ein solches Schülerparlament durchaus an anderen Schulen und Schulformen gut vorstellbar. „Politik darf nirgends abstrakt bleiben“, betont Kehr.

Unterstützung findet sie bei ihrem Kollegen Frank Schiefer, ebenfalls Dozent im gleichen Fachbereich an der Uni Würzburg. Der bedauert in der „BR-Alpha“-Reportage etwa, dass in den meisten Gymnasialzweigen ein Fach wie Sozialkunde erst ab der zehnten Klasse und da nur in relativ geringem Umfang unterrichtet wird.

Das bestätigt auch Rektorin Jungtorius in der gleichen Reportage. Ohne die Beteiligung am „Gütesiegel Demokratie“ wäre den Schülern relativ wenig von demokratischen Prozessen vermittelt worden. „Und es ist vom Engagement der Lehrkräfte abhängig.“ Für die Mittelschule Nord sei es ein Glücksfall, dass die Lehrer dafür zugänglich seien. Das „Gütesiegel Demokratie“ sei so gesehen ein guter zusätzlicher Mosaikstein, sagt Jungtorius. „Wir sind sehr stolz auf diese Auszeichnung.“

Die Mittelschule Nord

ist eine von acht oberbayerischen Schulen, die am 15. April mit dem Gütesiegel ausgezeichnet werden. Eine Reportage von „BR Alpha“, in dem auch das Projekt an der Schule Nord vorgestellt wird, ist unter diesem Link zu sehen: https://www.ardmediathek.de/ard/video/respekt/demokratie-lernen-was-sich-an-schulen-aendern-muss/ard-alpha/

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