Im Biergarten des Ameisenstüberls stand Markus Droth der Tagblatt-Redakteurin Ingrid Zeilinger Rede und Antwort. Hier habe er auch das Ohr an den Menschen, sagt er. Eine Bürgersprechstunde brauche er da gar nicht.
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Im Biergarten des Ameisenstüberls stand Markus Droth der Tagblatt-Redakteurin Ingrid Zeilinger Rede und Antwort. Hier habe er auch das Ohr an den Menschen, sagt er. Eine Bürgersprechstunde brauche er da gar nicht.

Fürstenfeldbruck

Sommerinterview mit Stadtrat und Wirt: „Bei uns wird Stammtischpolitik gemacht“

  • Ingrid Zeilinger
    VonIngrid Zeilinger
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Gerade als Markus Droth das Ameisenstüberl eröffnen wollte, kam Corona. Der Fraktionssprecher der Freien Wähler hat den beruflichen Neustart als Wirt des Vereinslokals der Kleingartenanlage Amperstadt dennoch durchgezogen. Im Tagblatt-Interview mit Redakteurin Ingrid Zeilinger spricht er über Kommunalpolitik im Stadtrat und im Biergarten.

Herr Droth, wie ist es Ihnen in den eineinhalb Jahren der Corona-Pandemie ergangen?

Es war eine sehr lehrreiche, unmutsreiche und intensive Zeit. Ich habe nicht geahnt, dass mein Start im Ameisenstüberl mitten in die Corona-Zeit fällt. Wir haben Engagement und Geld mitgebracht und in dieser Zeit sogar dort renoviert. Denn das Vereinsheim war so, wie es war, schwer zu verpachten. Wir wollten auch ein neues Publikum ansprechen. Corona war ein Lernprozess für die ganze Gesellschaft. Aber was wirklich gefehlt hat, waren nachvollziehbare Entscheidungen, auch für die Gastronomie. Es gab immer wieder verwirrende Verlautbarungen, was Treffmöglichkeiten und Abstandsregeln anbelangt.

Als Gastronom gehörten Sie zu denen, die am meisten betroffen waren. Wie haben Sie es gemanagt, wie groß waren die Existenzängste?

Existenzängste hatte ich keine. Durch meine vorherigen beruflichen Tätigkeiten hatten wir ein bisschen Substanz. Um starten und renovieren zu können, war ein Miteinander von Brauerei, Kleingartenverein und uns Wirtsleuten erforderlich. Das hat gut geklappt und war vertrauensgeprägt. Dieses Vertrauen war die zweite Basis für die Investitionen. Es gab schon ein Stammpublikum. Und viele Menschen haben es zu schätzen gewusst, dass wir einer der wenigen waren, bei dem man im April und Mai letzten Jahres etwas kaufen konnte.

Und es gab Geld vom Staat.

Hier wurde wirklich gute Arbeit im Wirtschaftsministerium gemacht. Die Soforthilfe hat in Bayern aus meiner Erfahrung heraus hervorragend geklappt, die Gelder waren innerhalb von drei, vier Wochen auf dem Konto. Man ist gut durchgekommen mit einer gewissen Flexibilität und wenn man etwas Substanz hatte. Hätte ich keine Substanz gehabt, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Aber es hat sich gelohnt, am Ball zu bleiben.

Hätten Sie gedacht, dass die Pandemie so lange dauert?

Dass es so lange dauert, nicht. Ich hätte gedacht, dass das Impfen schneller vorangeht und die Maßnahmen in Europa viel besser greifen. Da hat die europäische Zusammenarbeit nicht funktioniert. Es war richtig, bei Impfstoffen anzuschieben, aber man hat zwei bis drei Monate im letzten Sommer durch mangelnde Absprache verloren. Das kreide ich der Regierung in Berlin und Brüssel an.

Corona verändert den Alltag. Was haben Sie Neues entdeckt?

Ich habe das große Glück, Bestandteil einer Großfamilie zu sein. Die Familie hat vieles aufgefangen, auch als unsere Kinder daheim waren. Ich habe mich in dieser Zeit auch intensiver um unsere Mutter kümmern können. Wir haben auch geschaut, dass wir der Großmutter meiner Frau, sie ist 97, im Rahmen der Corona-Regeln die Kontakte ermöglichen. Da sind wir noch intensiver zusammengerückt. Und Sie glauben gar nicht, für wie viele Leute wir hier der einzige Ansprechpartner unter der Woche waren. Im Westen gibt es keine Stadtteilkneipe mehr. So haben wir uns auf diese Weise sozusagen um die Senioren gekümmert. Denn die haben neben den Kindern und Jugendlichen, die nicht in die Schule gehen konnten, am meisten gelitten.

Und im Familienverbund haben Sie fürs Fernsehen einen Freizeitpark getestet.

Meine Kinder nutzen schon länger, wenn sie beruflich und von der Schule her Luft haben, Komparsenagenturen. Auch meine Frau macht hin und wieder Komparsin. Das kommt vom Theaterspielen beim Brucker Brett’l. Meine Schwägerin hat gesehen, dass Familien für einen Freizeitpark-Test für das K1-Magazin gesucht werden, und wir haben uns beworben. Die Agentur hat unsere kleinen Gag-Videos vom Ameisenstüberl zum Bieryoga und zum Volksfesteinzug entdeckt und uns genommen. Es war eine nette Erfahrung. Ich bringe ja eine gewisse körperliche Fitness mit und mache auch unorthodoxe Sachen gerne mit. Aber eines der Fahrgeschäfte werde ich sicher nicht mehr fahren.

Als Wirt bekommt man mit, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist. Wie geht es den Bruckern?

Es ist leider inzwischen so, dass die Leute resignieren. Ich bekomme an meinen Stammtischen mit, dass sie nichts mehr von der Stadtspitze und dem Stadtrat erwarten. Wir erreichen sie nicht. Das finde ich katastrophal. Dieses Land funktioniert nur, weil die Netzwerke vor Ort funktionieren – gerade in unserer Stadt. Das stimmt mich positiv. Aber die Menschen sind viel weiter, als die Politik. Die erwarten größere Entscheidung von der Stadtspitze. Wir machen immer große Pläne, dann folgt wenig. Beim Verkehrsentwicklungsproblem etwa versucht man die Leute mitzunehmen, aber die Probleme sind grundsätzlich seit Jahrzehnten da. Die brauchen keinen Verkehrsentwicklungsplan mehr, die wollen Lösungen.

Also verlorene Jahre für die Stadt?

Leider wird es verlorene Zeit, coronabedingt und weil wir die Gruppendynamik für gemeinsame Projekte verlieren. Zum Beispiel beim Thema Wohnungsbau und Bürgergenossenschaft hätten die Menschen schon längst Lösungen erwartet. Sie werden, wenn sie keinen bezahlbaren Wohnraum haben, aus ihrer eigenen Stadt vertrieben. Alleine auf die kommunale Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises zu verweisen, ist zu wenig. Die Bürger sehen am Sulzbogen, dass beim kommunalen Wohnungsbau nichts weitergeht. Da hat die Stadt ein Grundstück von 1300 Quadratmeter und bekommt es seit über einem halben Jahrzehnt nicht gebacken, ein Zehn- bis Zwölfparteienhaus zu realisieren. Das ist eine der größten kommunalpolitischen Sünden. Ich persönlich versuche gerade, die Wohnungsbaugenossenschaft am Aumühlenpark zu unterstützen.

Erschwert Corona also die politische Arbeit?

Ja, die Arbeit hat unter Corona schon gelitten. Gerade am Anfang konnten wir die Linie als Stadtrat nicht finden, da wir viele neue und junge Stadträte dabei haben. Weil es so viele kleinere Gruppierungen sind, musst du dich persönlich mehr austauschen. Das geht nicht nur über Videokonferenzen. Es wird noch erschwert durch das Zwischenmenschliche, weil die CSU vieles einfach abblockt.

Ihr Sohn sitzt nun mit im Stadtrat. Ist man immer gleicher Meinung?

Nein, er hat gleich bei der ersten Abstimmung anders abgestimmt. Da gibt es aber keinen Stress. Vor 20 Jahren konnte ich nicht ahnen, dass ich mit meinem Sohn im kommunalen Gremium sitze. Mich freut vor allem, dass die junge Generation sich interessiert. Wir müssen die Leute an die komplexen Themen heranführen. Er ist teilweise etwas erschlagen, aber ich bin überrascht, wie schnell er sich einarbeitet und einliest.

Ein Thema, bei dem Zusammenarbeit im Stadtrat und mit den Nachbarkommunen gefordert ist, ist der Fliegerhorst. Wie steht Ihre Fraktion zum Thema Zweckverband?

Wir brauchen dringend die Zusammenarbeit. Wir müssen eine verbindlich rechtliche Form finden. Die Nachbarkommunen haben zum Teil auf Planungsrecht verzichtet, wie Emmering. Aber der Zweckverband ist inzwischen für uns die zweitbeste Möglichkeit. Wir meinen, dass man eine kommunale Entwicklungsgesellschaft vorantreiben sollte. Der Zweckverband übernimmt hoheitliche Aufgaben und hat ein Eigenleben, da sehen wir zu viel Bürokratie, um das Thema voranzubringen.

Der Knackpunkt ist: Die Brucker haben Angst, dass die anderen ihr Gelände überplanen.

Das ist leider ein negativ gewachsenes Nicht-Vertrauens-Szenario, gerade mit Emmering. Die Angst, die Brucker schlucken und eingemeinden sie, ist immer noch da. Und andersrum versucht jeder, Bruck eins auszuwischen. Deshalb müssen wir eine kommunale Entwicklungsgesellschaft versuchen. Wenn das nichts wird, einen Zweckverband. Das muss man jetzt angehen. Deshalb haben wir auch das Thema Bürgeranleihen jetzt angeschoben. Denn im Jahr 2026 müssen wir die Türen aufschlagen und eine Finanzierung aufzeigen. Ich bin dankbar, dass das Thema Anleihen unter Einbindung hiesiger Banken vertieft wird. Geld ist in unserem Lande genügend da, es ist nur die Frage, wie ich es interessant mache, dass die Leute investieren.

Finanziell ist es ohnehin schwierig. Wenn ein Investor käme, um ein Projekt zu finanzieren, was würden Sie umsetzen?

Ich würde die B2-Verlegung unter die Erde vorschlagen. Davon erwarte ich mir die meisten Impulse. Mit einem Tunnel vom Tonwerk unter der Amper durch könnten wir den Fliegerhorst anbinden und die Innenstadt verkehrlich beruhigen. Diese Variante werden wir diskutieren müssen, das sagen auch die Verkehrsplaner. Wir schaffen Freiräume für die Innenstadtentwicklung und für die wirtschaftliche Entwicklung am Fliegerhorst und in der Region.

Der Wahlkampf geht langsam los. Sind Sie schon mittendrin, weil Ihre Frau für den Bundestag kandidiert?

Susanne ist für Othmar Toller eingesprungen. Sie kandidiert, um den Freien Wählern als progressiver, bürgerlicher Vereinigung ein Fundament zu bieten. Ich unterstütze sie. Wir arbeiten mit den Menschen, holen sie pragmatisch vor Ort ab und bieten Lösungen an. Es ist sehr spannend, denn die Freien Wähler haben nicht diese festen Strukturen wie CSU und SPD, die seit Jahrzehnten auf verschiedenen Ebenen spielen. Da kann man noch sehr viel bewegen, muss aber auch sehr viel Eigenengagement reinhängen. Und man muss schon ganz schön was aushalten. Denn die Freien Wähler sind für viele Konkurrenz, weil wir viele Stimmen mitnehmen könnten, die den etablierten Parteien abhanden kommen.

Ist die Diskussion um Hubert Aiwanger da eher schädlich?

Es kippt gerade. Vor einigen Wochen hätte ich gesagt, ja sie ist schädlich. Jetzt meine ich, dass die Menschen mitbekommen, dass der Hubert Aiwanger für die Diskussion steht. Er hat sie der Öffentlichkeit nicht aufgedrückt, er hat ihr mit seiner markigen Art und Weise aber eine Richtung gegeben. Er hat gezeigt, dass diese Gesellschaft nicht weiter gespalten werden darf. Dass wir nicht sagen dürfen, du bist geimpft, du bist der bessere Deutsche, du hast mehr Rechte. Ich war überrascht, wie viele Leute in unserem Wirtsgarten sagen: ,Ich lasse mich aus gesundheitlichen und familiären Gründen nicht impfen.’ Wir müssen schauen, dass wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Geimpfte und Nichtgeimpfte gleichermaßen mitzunehmen.

Ist der Wahlkampf Ihrer Frau ein gutes Training für eine OB-Kandidatur?

Ja es ist ein gutes Warmlaufen, ich bekomme die Strömungen intensiv mit. Wenn ich von meiner Vereinigung, den Freien Wählern, aufgestellt werde, trete ich gerne an. Ich möchte zukunftsweisende Projekte voranbringen und die Menschen aufrütteln, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Wir haben so viel Potenzial in dieser Stadt. Ich werde gerne unterschätzt. Ich habe in den 31 Jahren als Stadtrat umfassend Erfahrung sammeln können und bin hier groß geworden, deshalb bin ich in den Themen drin, und die Leute sprechen mich hier an, wenn sie Infos benötigen oder Probleme haben. Wenn bei uns der Wirtsgarten voll ist, sind bis zu 100 Leute da. Da wird Stammtischpolitik gemacht. Da brauche ich derzeit keine separate Bürgersprechstunde, so habe ich täglich das Ohr am Puls der Menschen.

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