Der Neubau ist weitgehend fertiggestellt. Darin wird bereits unterrichtet.
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Der Neubau ist weitgehend fertiggestellt. Darin wird bereits unterrichtet.

Fürstenfeldbruck

150 Jahre Berufschule FFB: In dieser Schule spielt Praxis die Hauptrolle

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Seit 150 Jahren gibt es in Fürstenfeldbruck eine Berufsschule. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert – manche Regeln aus früheren Zeiten wirken heute kurios. Ein Problem ist jedoch bis heute nicht ganz überwunden – und tritt in Coronazeiten wieder verstärkt auf.

Fürstenfeldbruck – Braucht’s das? Dass Lehrlinge neben ihrer Ausbildung im Betrieb in die Schule gehen? Die Handwerksmeister waren skeptisch, als in Bruck die Berufsschule eröffnet wurde. Sie wollten nicht, dass von der Arbeitszeit der Lehrlinge etwas abgezwackt wurde. Vielleicht zweifelten sie auch an der Qualität das Unterrichts. Doch die Berufsschule setzte sich durch und erwies sich als Erfolgsmodell. Wäre nicht Corona, würde sie in diesen Wochen ihr 150-jähriges Bestehen feiern.

Vorüberlegungen zur Errichtung einer sogenannten gewerblichen Fortbildungsschule – der Begriff Berufsschule ist erst seit 1930 gebräuchlich – gab es bereits seit 1866. Vier Jahre später, mit der Einführung der Schulpflicht für 13- bis 16-Jährige, war es dann soweit. Der erste Jahrgang bestand aus zwölf Schülern, die für ein jährliches Schulgeld von 48 Kronen Elementar- und Zeichenunterricht erhielten.

„Es war nicht ganz einfach, Gewerbetreibende zu überzeugen, ihre Azubis zur Schule zu schicken“, weiß die heutige Schulleiterin Andrea Reuß. Es gab sogar einen Vorstoß, die Schule wieder dicht zu machen. 37 Meister schlossen sich diesem an. Begründung: Durch den Schulunterricht würde die Ausbildung Schaden nehmen. Der Antrag wurde abgelehnt.

Viele alte Dokumente

Dass umfangreiche Unterlagen aus der Geschichte der Berufsschule für die Nachwelt gesichert sind, ist zum großen Teil Annemarie Dolag zu verdanken. Die pensionierte Lehrerin für Textverarbeitung und Kurzschrift hat an die 600 Dokumente durchgearbeitet, eingescannt und am Computer abgetippt. Die ältesten Schriftstücke – Bekanntmachungen, Korrespondenz, ministeriale Schreiben, Lehrpläne – übersetzte sie aus der Sütterlinschrift.

Der Unterricht fand zunächst abends und sonntags statt. Später kam ein halber Werktag hinzu, wobei die Schüler anschließend noch im Lehrbetrieb arbeiten mussten. „Jugendschutz war damals kein Thema“, erzählt Dolag. Die Klassen waren riesig – überliefert ist der Antrag eines Religionslehrers, eine Klasse mit 60 Schülern zu teilen. Beeindruckt hat Annemarie Dolag, dass man sich schon im ausgehenden 19. Jahrhundert Gedanken über den Tierschutz machte. Im Lehrplan der Metzger heißt es, dass dem Vieh bei der Schlachtung kein unnötiges Leid zugefügt werden solle. Latente Spannungen zwischen Schule und Lehrbetrieben ziehen sich durch die gesamte Geschichte.

Lehrer, die aus der Praxis kommen

Als 1969 die Unterrichtstage von einem auf zwei pro Woche erhöht wurden, ging die Schülerzahl zunächst zurück. Aus Sicht der Betriebe war die Aufstockung nicht sinnvoll. Andererseits sind Schule und Betriebe aufeinander angewiesen. Ein enger Kontakt ist Schulleiterin Andrea Reuß deshalb wichtig. „Man muss die Bedürfnisse des anderen verstehen.“ In keiner anderen Schulart spielt der Praxisbezug eine derart große Rolle – für keine andere Schule ist es so wichtig, stets genau das zu unterrichten, was im Arbeitsalltag angewandt wird.

Deshalb waren Lehrer, die aus der Praxis kamen, schon immer ein Segen für die Berufsschule. Lehrer wie Quereinsteiger Ernst Wamser, der als Kfz-Meister an die Schule kam, 1965 als Fachlehrer übernommen wurde und fast 30 Jahre blieb. „Ich hatte gute Kontakte zu den Betrieben“, erzählt der heute 88-Jährige. So konnte er für seine Schüler Anschauungsmaterial besorgen, bis hin zu einem kompletten VW Käfer.

Trotz der längst guten Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft brechen manchmal die alten Muster noch durch. Als während des Corona-Lockdowns Online-Unterricht stattfinden musste, waren die Betriebe zunächst wieder skeptisch. Wären die jungen Leute nicht am Arbeitsplatz besser aufgehoben statt zu Hause am Computer zu sitzen? Reuß weiß, was hilft: Gespräche und Vertrauen – und das ist schließlich über 150 Jahre gewachsen.

Als Burschen und junge Frauen noch getrennt unterrichtet wurden.

Der Unterricht an der gewerblichen Fortbildungsschule in Bruck begann im Oktober 1870. Die Einrichtung war an die Volksschule angegliedert und wurde von deren Lehrkräften mit betreut. Erst 1919 wurde der erste hauptamtliche Gewerbelehrer eingestellt.

1926 erfolgte die Abkoppelung von der Volksschule, zwei Jahre später wurde eine berufliche Bildungseinrichtung für junge Frauen gegründet. Die Trennung der Geschlechter blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen.

Erst 1949 mit dem Start der Koedukation wurden die Einrichtung für Frauen und Männer zur Städtische Berufsschule Fürstenfeldbruck zusammengeführt – damals noch verteilt auf drei Gebäude in der Stadt. Später ging die Schule über in die Trägerschaft des Landkreises, 1974 wurde sie verstaatlicht. Sachaufwandsträger ist weiterhin der Landkreis.

Seit 1955 ist die Berufsschule in der Hans-Sachs-Straße zu Hause. Unterrichtet wurden zunächst in der Hauptsache gewerbliche Berufe. Hinzu kamen einige kaufmännische und hauswirtschaftliche Ausbildungsrichtungen. Die Gebäude wurden im Laufe der Jahrzehnte ersetzt, vergrößert, modernisiert, neu ausgestattet – gerade ist wieder ein Neubau fertig geworden.

Die Schülerzahlen stiegen stetig. 1949 besuchten 570 Lehrlinge die Einrichtung, 1955 waren es schon 1600. Heute hat die Berufsschule 2400 Schüler. os

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