Tumulte

Blick ins Nachbarland: „Den Franzosen liegt die Revolution im Blut“

In den Nachrichten sind brennende Autos, fliegende Steine und Wasserwerfer in Paris zu sehen. Doch was denken die im Landkreis lebenden Franzosen über die Proteste?

Fürstenfeldbruck – Yvette Tirols unterstützt den Protest der so genannten Gelbwesten. Die Reformen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, wie die Erhöhung der Ökosteuer, gegen die die Menschen momentan auf die Straße gehen, hätten der Republik geschadet. „Wäre ich in Frankreich, ich würde auch demonstrieren. Aber friedlich.“ Dass Randalierer die Proteste für ihre Zerstörungswut nutzen, verurteilt die 72-Jährige aufs Schärfste. „Den Triumphbogen zu beschmieren ist eine Katastrophe“, sagt die Französin.

Seit 35 Jahren lebt Tirols in Olching. Sie ist offizielle Dolmetscherin der Stadt, wenn es um Angelegenheiten mit der Partnerstadt Feurs geht. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen gut kennengelernt. „Die Deutschen schimpfen viel, sind aber sehr brav und tun das, was die Regierung sagt.“ Die Franzosen würden sich hingegen vieles nicht bieten lassen und gingen öfter auf die Straße. „Wir Franzosen haben die Revolution im Blut“, sagt Tirols.

In der Brust der 72-Jährigen schlagen, wenn man so will, drei Herzen. Ein französisches, ein deutsches und vor allem ein europäisches. Deshalb hat sie auch Macron gewählt. „Wir brauchen ein starkes Europa“, sagt sie. Dafür stehe Macron. Deshalb hofft sie, dass die aktuellen innenpolitischen Probleme den französischen Präsidenten nicht zu sehr in seinen europäischen Ambitionen bremsen.

Klaus Dieter Nerlich ist von den Protesten nicht wirklich überrascht. Der Vorsitzende der deutsch-französischen Vereinigung Grafrath pflegt enge Kontakte nach Frankreich. Er sagt: „Die Franzosen wären auch gegen Hartz IV oder die Verschiebung des Rentenalters auf die Straße gegangen. Sie sehen uns Deutsche schon ein bisschen als geduldige Schäfchen.“ Überrascht hat Nerlich die Gewalt. „Man kennt es, dass Bauern Mist und Gemüse vor Ministerien kippen. Die Zerstörungswut ist – abgesehen von den Ausschreitungen in den Vororten, die anders motiviert waren – etwas neues.“ In Lyon-la-Forêt, Grafraths Partnergemeinde, seien die Proteste weniger ein Thema. „Das ist ein kleines Dorf, leicht überaltert und deshalb etwas geduldiger.“

Ganz konkret mit den Demonstrationen müssen sich die Menschen in Livry-Gargan auseinandersetzen. Die Partnerstadt von Fürstenfeldbruck liegt im Großraum Paris. „Man plant seine Aktivitäten derzeit so, dass man nur ja am Wochenende nicht in der Hauptstadt sein muss“, sagt Claudia Calabrò. Der Ehemann der Brucker Stadträtin, den sie im Rahmen der Städtepartnerschaft kennenlernte, lebt in Livry-Gargan. Als er von einem Besuch in Bruck heimgekehrt sei, habe er wegen der Proteste Probleme gehabt, mit dem Auto in die Stadt zu kommen.

Eigentlich, sagt Calabrò, haben die Franzosen mit Protesten und Streiks kein Problem, auch wenn es sie viel öfter gibt. „Da streikt die eine Berufgruppe, und dann die nächste. Das finden die Franzosen in Ordnung.“ Sie seien ganz anders organisiert, schneller bei der Sache. Doch was derzeit passiere, sei anders. „Es ist die Hölle los. Da brennt die Hütte.“ Ausschreitungen und brennende Autos fänden viele überzogen, genauso die Alles-oder-Nichts-Erwartungshaltung der Gelbwesten. Dennoch fänden einige Freunde, Macron wäre nun gut beraten, auf sie zuzugehen. Das hat er am Donnerstag mit dem Aussetzen der geplanten Ökosteuer-Erhöhung getan. Ob das reicht, damit die Livry-Garganer jetzt wieder Wochenenden in Paris planen können, wird sich zeigen. (tog, sr)

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