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Wie die Steuerung eines Raumschiffes kommt Laien das Cockpit eines Linienbusses vor. Fahrer Rainer Moser beherrscht die Technik aus dem Effeff. Das muss er auch. Denn auch Verkehrslage und Fahrgäste fordern seine Aufmerksamkeit.

Einblick in das Leben eines Busfahrers

Ein ganz normaler Tag am Steuer des 840ers

Zu den Berufsgruppen, über die gerne mal geschimpft wird, gehören die Busfahrer. Die haben es aber auch nicht immer leicht – mit ihrer Aufgabe und mit den Fahrgästen. Tagblatt-Reporter Christian Masengarb hat einen Busfahrer begleitet. Dabei hat er ganz neue und teils überraschende Eindrücke gewonnen.

Tagblatt-Reporter Christian Masengarb war einige Runden mit Moser unterwegs. Er wird es sich zukünftig ganz genau überlegen, bevor er über einen von dessen Kollegen lästert.

Fürstenfeldbruck Um 5.29 Uhr beginnt unsere Fahrt mit technischen Problemen. Das neue Multifunktionsgerät des Busses – Kasse, Streckenanzeige und Kontrollgerät in Einem – zeigt die falsche Strecke an. Rainer Moser (53) fährt heute die Linie 840 vom S-Bahnhof Fürstenfeldbruck zum S-Bahnhof Buchenau. Auf der Außenanzeige des Busses leuchten alle möglichen Routen auf, die richtige ist nicht dabei. Bis die Technik mitspielt, haben wir rund fünf Minuten Verspätung.

Die Situation ist symptomatisch für das Dilemma der Busfahrer. Mit seinen vielen kleinen Schaltflächen erinnert der Bildschirm des Multifunktionsinstruments an ein Space Shuttle. Die Busfahrer sollen mit ihm den Fahrgästen in einem komplizierten Tarifsystem schnell die richtigen Tickets ausstellen, die Fahrt verwalten und Passagiere betreuen. Gleichzeitig müssen sie einen Bus durch enge Straßen und heftigen Verkehr steuern. Wenn in der Ecke des Bildschirms die Verspätung in halb-Minuten-Schritten angezeigt werden, versteht man den Druck, unter dem die Fahrer stehen.

Eine längere Pause gibt es während der gesamten Schicht nicht

„Viele Kollegen können mit dem Stress nicht umgehen“, meint Moser. Er selbst ist ein freundlicher Typ, der gerne mit den Passagieren scherzt. Als ihn eine Frau fragt, ob er neu auf der Route sei, antwortet er: „Nein, nur mit Perwoll gewaschen.“ Moser ist seit 28 Jahren Busfahrer. „Der Job macht immer noch Spaß“, sagt er. Seine Freundlichkeit entspannt oft die Situation.

Natürlich gibt es auch andere Busfahrer. Moser weiß das. Für Kollegen, die bei der Fahrt mit dem Handy telefonieren, hat er kein Verständnis. „Das ist einfach dumm. Manche Fahrer meinen, sie seien Götter. Da ist schon so viel passiert.“ Moser versteht es, wenn sich Menschen über diese Dinge beschweren.

Die meisten Probleme führt er aber auf Missverständnisse zurück. Es sind gerade die schlecht beleuchteten Haltestellen, an denen Fahrgäste oft meinen, die Busfahrer ließen sie absichtlich stehen. Dabei sehe der Busfahrer dort dunkel gekleidete Menschen oft nicht. „Wer weiter hinten steht, läuft Gefahr, nicht gesehen und nicht mitgenommen zu werden.“

Inzwischen ist die erste Runde vorbei. Wir haben acht Minuten, bevor die nächste beginnt. Eine längere Pause gibt es während der gesamten Schicht nicht. Moser nutzt die Zeit zu einem kurzen Ausflug in die Büsche.

Kleine Änderungen könnten die Situation des ÖPNV entspannen

„In Bussen gibt es kein Klo“, schmunzelt er. Als wir wieder aufbrechen, spricht Moser die Schwierigkeiten an. „Busfahrer ist ein anstrengender Job.“ Seine Schicht geht von 4 bis 12 Uhr. „Wir arbeiten auch an Wochenenden und Feiertagen.“

Ähnliche Probleme gibt es in vielen Jobs. Der Unterschied sind die Kosten in den Jobeinstieg. „Der Busführerschein kostet in Deutschland 13 000 bis 15 000 Euro. Dazu kommen regelmäßige Schulungen und Auffrischungen. In seiner Firma, bei Unholzer Reisen, übernimmt der Chef die Unkosten.

Aber das ist nicht überall so. „Viele Kollegen haben Nebenjobs“, erzählt Moser.

Inzwischen ist es 6.30 Uhr. Immer mehr Menschen steigen zu, der Bus füllt sich. Auch auf den Straßen geht es immer schlechter vorwärts. Moser steuert ruhig weiter und erklärt seine Sicht der Dinge. Die Probleme im Nahverkehr seien lösbar. „Mehr Fördermittel helfen natürlich immer“, sagt er und lacht. Der ÖPNV leidet in der Tat an dem wissenschaftlich belegten Dilemma gemeinschaftlich genutzter Güter – jeder will, dass sie funktionieren, aber keiner will sie bezahlen.

Doch auch kleine Änderungen könnten die Situation entspannen. „Es wäre hilfreich, wenn in den Bussen automatische Fahrscheinautomaten aufgestellt würden, wie es sie in München gibt“, meint Moser. „Das würde uns entlasten.“ Der Kartenverkauf sei zeitintensiv und immer wieder Grund für Verspätungen.

Rainer Moser wird manchmal fast neidisch auf Zugführer

Über das Gespräch ist die zweite Runde zu Ende gegangen. Auf der dritten lässt der Ansturm wieder nach. Heute waren alle Fahrgäste freundlich. Moser hat aber auch genügend Erfahrungen mit komplizierten Passagieren. „Die meisten Menschen kalkulieren bei Autofahrten 15 Minuten extra ein. Beim Bus empfinden manche schon zwei Minuten als Katastrophe.“ Oft bekäme das der Busfahrer ab. Moser wird manchmal fast neidisch auf Zugführer. „Die sitzen ungestört im Cockpit.“

Der 53-Jährige nimmt es, wie es kommt. „Was will man machen? „Manche Menschen haben Verständnis, manche nicht.“

Moser kann den Ärger der Fahrgäste nachvollziehen, besonders, wenn diese ihre Anschlüsse verpassen. Aber auch hier liegt der Teufel im Detail. „Wir wissen nichts über die S-Bahn. Weder ob sie schon da war, noch wie viel Verspätung sie hat.“ Dadurch könne er nicht auf Züge warten. „Wenn mir mein Gerät sagt, ich muss losfahren, muss ich los“, erklärt Moser. „Sonst kommt mein Fahrplan durcheinander und dadurch leiden die anderen Fahrgäste. Das wäre unfair.“

von Christian Masengarb

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