Durch den Mineralstoffmangel brechen die Knochen schnell. Daher muss Christel Hiller vielen Kindern Gipsverbände anlegen.

Patientin aus den Slums

Brucker Chirurgin auf Hilfsmission im Afrika

Sie gipst gebrochene Arme, versorgt Brandwunden und ihr Lohn ist ein Kinderlachen. Mit den German Doctors hilft Dr. Christel Hiller den Menschen in Kenia, die sich keinen Arzt leisten können. Darin hat die Chirurgin aus Fürstenfeldbruck ihre große Aufgabe gefunden.

Fürstenfeldbruck Viertel nach sechs in der kenianischen Hauptstadt Nairobi: Für das Team der German Doctors ist es Zeit aufzustehen. Was die fünf Ärzte an diesem Tag erwartet, ist ungewiss, eines ist jedoch sicher: Sie können den Menschen helfen, die nichts haben. Für Einsatzärztin Dr. Christel Hiller ist das der Grund, warum sie die letzten drei Jahre in Folge nach Afrika reiste: „Ja, ich habe wirklich mein großes Ding gefunden“, sagt die 59-Jährige.

Arbeitsbeginn in einem der größten Slums der Hauptstadt, dem Mathare Valley, ist von Montag bis Freitag um acht Uhr. Ein Fahrer holt die Ärzte mit dem Auto ab und bringt sie ins Baraka Health Center. Christel Hiller bevorzugt allerdings die zweite Variante: Ein 30 bis 40-minütige Fußmarsch führt sie dabei mitten durch das Armenviertel. „Ich habe mich trotzdem immer sicher und respektiert gefühlt“, erzählt die Fachärztin der Chirurgie. „Klar, manche Ecken sollte man lieber meiden, da kann es schon vereinzelt zu Überfällen kommen.“

Die Aufgaben sind vielseitig

Patienten aus den Slums lassen sich von den German Doctors behandeln.

Die täglichen Aufgaben in der Ambulanz sind vielseitig, es wird untersucht, geröntgt und behandelt. Das Team – vier Ärzten für den Zeitraum von sechs Wochen und einem Langzeitarzt für drei Jahre – muss sich vor allem um Knochenbrüche bei Kindern kümmern. Durch den Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen sind die Knochen oft sehr kalkarm und brechen leichter. Auch Verbrennungen stehen fast täglich auf dem Programm, da in den Hütten im Slum ausschließlich am offenen Feuer gekocht wird. „Vor allem Kinder stoßen in den engen und überfüllten Hütten an das heiße Wasser“, erklärt die 59-Jährige. „Ansonsten kommen viele Patienten mit Infektionen zu uns, die aus kleinen schlecht versorgten Wunden entstanden sind.“

In den meisten Fällen können die Ärzte helfen, aber nicht immer „Es gehört nun mal dazu, aber wenn man weiß, dass man für einen Patienten nichts mehr tun kann, macht einen das schon wütend“, gibt Hiller zu. „Wir haben in Kenia einfach nicht so gute Geräte und Medikamente wie in Deutschland“.

Viel Bestätigung

Doch vor allem die schönen Momente sind der Bruckerin im Kopf geblieben: „Man bekommt von den Menschen so viel Bestätigung und Dankbarkeit zurück, das ist wirklich schön.“ Besonders gerne erinnert sich Hiller an die vierjährige Hope, die wegen eines Speichenbruchs einen Gips bekam. Nach rund einem Monat bei der wöchentlichen Gipskontrolle sorgte die kleine Hope dann für eine Überraschung. Das Mädchen saß auf dem Schoss der Mutter und in der Handtasche daneben lag bereits der Gips. „Der Arm ist in der Zeit so dünn geworden, dass sie kurzerhand einfach selber rausgeschlüpft ist“, lacht Hiller. „Sie war so glücklich ihren Arm wieder bewegen zu können, dass sie es gar nicht abwarten konnte.“

Um 16 Uhr ist Feierabend für das Ärzteteam, so dass es alle noch im Hellen nach Hause schaffen. Dann hat jeder etwas Freizeit und meistens wird zusammen zu Abend gegessen. Putzen, waschen und kochen müssen die Ärzte nach einem anstrengenden Tag mit 250 bis 300 Patienten nicht mehr. Die Haushaltshilfe weiß Christel Hiller besonders zu schätzen: „Das ist wirklich ein Luxus und wir können uns ganz auf die Arbeit konzentrieren“.

Am Wochenende bleibt die Ambulanz geschlossen und die Ärzte haben Zeit, das fremde Land kennenzulernen. „Der Kontrast ist schon immens, die Menschen in den Slums, die gar nichts haben und auf der anderen Seite die luxuriösen Lodges für Touristen“, erzählt Hiller. So viel Armut zu erleben hat ihre Sicht auf die Dinge nachhaltig verändert: „Wir leben hier wirklich wie die Maden im Speck, während sich dort manche Menschen nicht mal die Behandlung der German Doctors für umgerechnet 1,80 Euro leisten können.“ 

So hat alles angefangen

er Einsatz in Kenia war bereits Christel Hillers drittes Engagement bei den German Doctors. Angefangen hat es, als ihr Ehemann im Jahr 2015 in den Ruhestand ging. Er gab seine Praxis ab, in der auch die 59-Jährige jahrelang in Vollzeit gearbeitet hatte. „Da hat sich auch für mich einiges geändert“, erzählt die Chirurgin. „Ich habe mich aber in alle Richtungen umgeschaut und bin auch auf die German Doctors gestoßen.“ Die Organisation entsendet nicht nur ehrenamtliche Ärzte nach Kenia, sondern auch nach Indien oder Bangladesch. Dank der neuen, kooperativen Arbeitgeber stand einem ersten sechswöchigen Einsatz im Jahr 2017 nichts mehr im Wege. 

Bedenken wegen der völlig fremden Kultur und der unbekannten Sprache hatte die Bruckerin keine. „Ich war erst nur etwas ängstlich, dass ich vielleicht überfordert bin und mit den Fällen dort nicht zurechtkomme“, gesteht Hiller. „Doch alle Sorgen waren zum Glück unbegründet, Diagnosen stellen und Behandeln kann ich in Kenia genauso wie in Deutschland.“ Hilfe bekam die Chirurgin tagtäglich von einem Übersetzerteam. „Mittlerweile kenne ich sogar ein paar Wörter auf Suaheli, aber wirklich sprechen können, würde ich das nicht nennen.“ Christel Hiller plant bereits den nächsten Kenia-Einsatz im Herbst 2020. „Natürlich gefällt es mir zuhause auch, aber ich würde mich schon sehr freuen, wenn ich nochmal genommen werden würde. VON NATHALIE HRADECKY

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