Nicht nur Dämmmaterial ist knapp. Den Baustoffmangel bekommen auch Fabian Gerum (l.) und Markus Gross aus Landsberied zu spüren. Sie horten Material, wo es nur geht.
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Nicht nur Dämmmaterial ist knapp. Den Baustoffmangel bekommen auch Fabian Gerum (l.) und Markus Gross aus Landsberied zu spüren. Sie horten Material, wo es nur geht.

Landkreis FFB

Materialknappheit: Bauherren müssen derzeit blind kalkulieren

  • Kathrin Böhmer
    VonKathrin Böhmer
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Der Baubranche geht das Material aus – und zwar vom Installateur bis zum Zimmerer. Viele Firmen können weder Lieferzeiten noch Kosten fix planen und die Preise explodieren. Auch für alle, die gerade ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen, bedeutet das Stress pur.

Fürstenfeldbruck – Markus Gross und sein Ehemann Fabian Gerum erfüllen sich einen Traum: ein eigenes Zuhause, nach den eigenen Vorstellungen gestaltet. Sie haben sich ein großes Projekt vorgenommen. Ein Einfamilienhaus in Landsberied wird saniert und ein neuer Trakt angebaut. Die Kosten belaufen sich auf einen hohen sechsstelligen Betrag – so war zumindest einmal der Plan.

In eineinhalb Jahren wurde der ganze Altbau entkernt. Alles lief glatt. Doch als es im Frühjahr an den Neubau ging – komplett aus Holz in Ständerbauweise – schlug der Zimmerer Alarm. „Er hat uns gewarnt, dass Konstruktionsvollholz immer knapper wird und die Preise in den letzten drei Monaten um 60 Prozent gestiegen sind“, berichtet Gross. Man müsse schnell Nachschub ordern.

Das taten sie. Trotzdem rechnet Gross mit einer Kostensteigerung von mehreren zehntausend Euro. Also wieder zur Bank, wieder Darlehen aufstocken. „Irgendwann kalkulierst du halt nicht mehr“, sagt der 41-Jährige. „Wir horten jetzt einfach alles, was geht, überall.“

Situation unberechenbar

Es ist eine absolut unberechenbare Situation auf den Baustellen derzeit. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals schon so schlimm war“, sagt Thomas Vilgertshofer, Obermeister der Brucker Bauinnung. Das Handwerk sei gut durch die Pandemie gekommen. Und jetzt das: Alle in der Branche seien betroffen, nicht nur der Neubau. Wenn der Installateur keine Isolierung für die Heizungsrohre hat, könne er auch nicht weitermachen.

Besonders gravierend mangelt es an Styropor und Styrodur (Dämmmaterial). „Vor kurzem waren Leute bei mir im Betrieb und haben gefragt, ob sie etwas kaufen können, weil es im Handel nichts mehr gab.“ Holz habe einen Wahnsinnsvorlauf von mehreren Wochen. Bei Baustahl sei der Preis von einem Tag auf den anderen um 60 Euro pro Tonne angestiegen.

Wie sollen die Firmen so planen beziehungsweise Angebote schreiben? „Auch für die Bauherren ist es absolut unkalkulierbar. Wenn du für den Herbst ein Angebot schreibst, kann es sein, dass die Preise bis dahin um 20 Prozent steigen.“

Einer, den das ebenso voll trifft, ist der Olchinger Bauunternehmer Michael Minor. „Es werden teilweise gar keine Lieferzeiten mehr angegeben.“ Von Kalkulation könne überhaupt keine Rede mehr sein. „Früher hat man einmal im Jahr Preise verhandelt, jetzt monatlich.“ Wer Festpreise für Bauprojekte ausmacht, bleibt auf den gestiegenen Kosten sitzen.

Beschränkte Lagermöglichkeit

Material horten sei aus diversen Gründen schwierig: So sind etwa Lagermöglichkeiten beschränkt. Minor sucht schon lange weitere Flächen. Allerdings: „Die müsstest du derzeit einzäunen und bewachen. Das ist sonst schneller weg, als du bis drei zählen kannst.“

Wie es zu dem gravierenden Mangel kommt? Holz und Stahl gehen laut Bauunternehmer Vilgertshofer nach Amerika und China. Aber der Mangel an Styropor oder Styrodur? „Das ist schon sehr kurios. Ebenso dass wirklich alle in der Branche mit dem Preis anziehen.“

Die Baufirmen im Landkreis beziehen ihre Materialien zum Beispiel von der Baywa oder auch vom Baustoff-Zentrum Olching (BZO). Dort sind inzwischen einige Regale leer. BZO-Chef Christian Huber bestätigt: Die Lage sei für die Betriebe existenzbedrohend. Besonders dramatisch ist es beim Styrodur, unverzichtbares Dämmmaterial. „Wenn das nicht vorhanden ist, steht die Baustelle still. Dann geht nichts mehr.“

Huber hat bereits von Firmen gehört, die Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken. Der BZO-Chef macht auch die Coronakrise und damit verbundene Personalausfälle verantwortlich. Aber das sei reine Spekulation.

Bei den Banken

Sicher ist: Die Baustoffkrise kommt schon bei den Banken an. Nach Tagblatt-Informationen müssen immer mehr Bauherren beim Darlehen nachjustieren. Das Problem: Viele übernehmen sich sowieso schon tendenziell. In dieser Situation, und mit den immensen Grundstückspreisen, kann das in einer finanziellen Katastrophe münden.

Das gilt aber nicht für das Paar aus Landsberied. Es hat einen großen Vorteil: Bauherr Markus Gross ist vom Fach. Er ist einer der Inhaber der Brucker Bauelemente-Firma Bachhäubl OHG. „Ich bin gut vernetzt mit heimischen Handwerksbetrieben.“ Es zahle sich aus, dass alle Gewerke aus der Region sind und sich so zumindest kurzfristig absprechen können. Die Anfahrtswege sind kurz.

Weiterer Pluspunkt: Gross und sein Ehemann wohnen bereits in einem Eigenheim. So sind sie beim Umzugstermin flexibler – sollten noch weitere böse Überraschungen folgen.

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