"Reichsbürger"
+
Demonstration von Reichsbürgern.

Interview

„Corona bringt Reichsbürgern Zulauf“

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
    schließen

Sie leugnen die Existenz der Bundesrepublik und lehnen den Rechtsstaat ab. In der Subkultur der sogenannten Reichsbürger tummeln sich Querulanten und Verschwörungstheoretiker, Geschäftemacher und Rechtsextreme.

Der Gröbenzeller Historiker und Politikwissenschaftler Sven Deppisch (39) präsentiert seine Erkenntnisse zu dem Phänomen in einem Online-Vortrag.

Herr Deppisch, wie kamen Sie als Historiker darauf, sich mit dem Thema Reichsbürger zu beschäftigen?

Man findet in Geschichte und Gegenwart immer wieder Aspekte, die mit Reichsbürgern und ihrer Ideologie zusammenhängen. Das Phänomen ist beileibe nicht neu. Schon in der Weimarer Republik gab es Menschen, die das Kaiserreich wieder errichten wollten. Und seit 1945 gibt es diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, dass das „Dritte Reich“ untergegangen ist. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik. Aber aufmerksam geworden bin ich im Jahr 2016, als ein Angehöriger der Szene im fränkischen Georgensgmünd einen Polizeibeamten erschoss und drei weitere verletzte. Der Vorfall hat gezeigt, dass man das Thema nicht unterschätzen und bagatellisieren darf.

Wie schwierig war die Recherche für Ihren Vortrag?

Die Literaturbasis ist überschaubar. Neben wissenschaftlichen Studien stütze ich mich auf Medienberichte sowie Erkenntnisse von Verfassungsschutz und Behörden. Es gibt auch Veröffentlichungen der „Reichsbürger“ selbst, vor allem im Internet und in sozialen Medien.

Sie unterscheiden „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“.

Die Unterscheidung stammt vom Verfassungssschutz. Selbstverwalter sind meist Einzelpersonen – oft Einzelgänger –, die die Existenz der Bundesrepublik, ihr Rechtssystem und ihre staatlichen Repräsentanten ablehnen. Sie wollen autonom sein und berufen sich auf ein selbst definiertes Naturrecht. Manche gründen auf ihrem Grundstück einen eigenen Fantasiestaat. Im Gegensatz dazu nehmen Reichsbürger für sich in Anspruch, dem Deutschen Reich, meist in den Grenzen von 1871 oder 1937, anzugehören. Die Bundesrepublik betrachten viele von ihnen als eine von den Alliierten gegründete „Firma“. Argumentationsweise und Ideologie von Reichsbürgern und Selbstverwaltern ähneln sich häufig, und es gibt zahlreiche Mischformen. Daneben findet man in dem Milieu Esoteriker und Verschwörungstheoretiker, aber auch Menschen, denen es nur ums Geld geht. Manche verkaufen selbstgemachte Ausweise, Pässe und Autokennzeichen. Andere wollen keine Steuern zahlen.

Wirkt sich die Pandemie auf die Situation aus?

Durch Corona bekommt die Szene Zulauf, weil sich manche Menschen mit staatlichen Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung nicht abfinden wollen. Auf einige wirkt die staatsfeindliche Ideologie daher sehr attraktiv. Auch, wer den Staat ablehnt, muss irgendwie in ihm leben.

Verstecken sich viele Reichsbürger hinter einer bürgerlichen Fassade?

Die wenigsten Reichsbürger sind komplett konsequent. Es gibt viele, die staatlicherseits auferlegte Pflichten ablehnen, Vorteile und Rechte aber ganz gerne mitnehmen. Die meisten leben relativ unerkannt. Ihre Ideologie und Aggressivität tritt oft erst im Umgang mit Behörden zutage.

Gibt es auch im Landkreis eine Reichsbürge-Szene?

Ja, die gibt es durchaus. Zum Jahreswechsel 2016/17 tauchten in Bruck Flugblätter auf, die wohl aus dieser Szene stammten. Im Mai 2019 verhandelte das hiesige Amtsgericht gegen einen Mann, der Waffen gehortet hatte. Es sind im Zusammenhang mit Reichsbürger-Verfahren auch schon Anwesen im Landkreis durchsucht worden. Und das sind nur ein paar Beispiele. Im Jahr 2017 ging man von 45 Personen aus, die der Szene zuzurechnen waren, und das Landratsamt hatte etwa noch einmal so viele Verdachtsfälle im Blick. Ich nehme stark an, dass die Zahlen heute höher sind – aber nicht, weil Reichsbürger wie Pilze aus dem Boden schießen, sondern weil genauer hingeschaut wird.

Der Online-Vortrag

von Sven Deppisch über Reichsbürger und Selbstverwalter findet am Donnerstag, 29. April, statt. Anmeldung bei der Volkshochschule Fürstenfeldbruck unter Telefon (0 81 41) 50 14 20 oder per E-Mail an vhs@fuerstenfeldbruck.de. Teilnahmegebühr 12 Euro.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare