Jeden Cent umdrehen, wenn man in Rente ist? Vielen droht im Alter ein Leben am Existenzminimum.
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Jeden Cent umdrehen, wenn man in Rente ist? Vielen droht im Alter ein Leben am Existenzminimum. Auch Corona spielt dabei eine Rolle

Pandemie

Corona und die drängendsten sozialen Problemfelder

  • Thomas Steinhardt
    vonThomas Steinhardt
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Menschen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen, trifft die Corona-Pandemie besonders hart. In einem Bericht zur sozialen Lage im Landkreis wird das deutlich. Er wurde unlängst dem Kreisausschuss vorgelegt.

Wie wirkte sich Corona bei der Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II, Jobcenter) aus?

Anfang 2020 war der positive Trend der Jahre zuvor erkennbar, heißt es in dem Papier, das im Kreisausschuss vorgelegt wurde. Der erste Lockdown aber habe den Arbeitsmarkt hart getroffen. Ohne Kurzarbeit wären noch viel mehr Beschäftigungsverhältnisse verloren gegangen. Im Herbst habe sich der Arbeitsmarkt ausgesprochen gut belebt, doch die zweite Corona-Welle und der erneute Lockdown hätten die Erwartungen stark gedämpft.

Im Vergleich zum Vorjahr sei die Arbeitslosenquote im Landkreis während der Corona-Pandemie um 45,9 Prozent gestiegen. Aktuell liegt sie bei 3,8 Prozent. Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften stieg von 3126 im November 2019 auf 3305 im November 2020. Allerdings sei die Fluktuation hier sehr hoch – sprich in der Zahl werden auch Kurzzeitbezieher aufgelistet.

Vor Ausbruch der Pandemie gingen im Jobcenter rund 120 Neuanträge auf Arbeitslosengeld II ein. Von April bis Juni stieg die Zahl auf bis zu 317 Anträge. Im Februar 2021 lag die Zahl bei 249 Anträgen. Den Landkreis trifft das finanziell insoweit, als er für die Kosten der Unterkunft aufkommen muss.

Wie ist die Entwicklung im Bereich Sozialhilfe?

Im Jahr 2021 wird der Landkreis um die acht Millionen Euro für die Sozialhilfe umwälzen (2019 waren es 6,6 Millionen), wobei die Kosten der Bund trägt. 2019 gingen 266 Neuanträge auf Sozialhilfe (SGB XII) ein. 2020 stieg die Zahl auf 347. Heuer gab es bislang 76 neue Anträge. In diesem Bereich sei die Steigerung der Zahlen teils pandemiebedingt, heißt es in dem Bericht der Kreisverwaltung. Denn es fielen Zuverdienstmöglichkeiten im Rentenalter (Gast-, Veranstaltungsgewerbe, Taxi) weg. Jedoch stieg die Zahl auch durch neue Fälle aus dem Migrations-/Fluchtbereich.

Ist bei Frauenhaus und Frauennotruf ein Trend zu erkennen?

In der Interventionsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“ sei eine Verdoppelung der Beratungsgespräche festgestellt worden. Die Fälle proaktiver Kontaktaufnahme (etwa nach einem Polizeieinsatz) stieg um 36 Prozent. Die Beratungsintensität sei um 58 Prozent gestiegen.

Wo liegt derzeit das Hauptproblem bei der Beratung zu Problemen im Alltag?

Offene Sprechstunden etwa bei Diakonie oder Caritas fanden wegen der Pandemie nicht mehr statt – daher riss der Kontakt zu einigen Leuten schlicht ab. Teils sei es gelungen, das über Telefongespräche auszugleichen, teils aber auch nicht. So sei ein Teil der Klienten verloren gegangen. Das sei fachlich beunruhigend, da die betreffenden Menschen vermutlich ihre Problemlagen inzwischen nicht gelöst haben.

Wie finanzierten Arme in der Pandemie ihr Essen?

Am Anfang der Pandemie brach die Nachfrage bei der Schuldner- und Insolvenzberatung enorm ein. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Überbrückungsgutscheinen. Problem: Die Tafeln waren geschlossen und gleichzeitig brach die Versorgung in Schule oder Kita weg. Arme Familien sahen sich plötzlich einem Mehraufwand an Essensgeld konfrontiert.

Warum könnte für Mieter das dicke Ende noch nachkommen?

Auch in der Fachstelle Wohnen entfielen offene Sprechstunden. Die Zahl der Räumungsklagen ging gegenüber 2019 von 82 deutlich zurück auf 50. Es besteht Sorge vor einem Nachholeffekt. Wohnungskündigungen aus anderen Gründen gingen nicht signifikant zurück.

Womit haben Menschen mit Behinderung derzeit verschärft zu kämpfen?

Menschen mit Behinderung litten besonders unter der Isolation. Das habe zu psychischen Schäden geführt. Insgesamt ist das Thema sehr vielgestaltig.

Welcher Personenkreis meldet sich zunehmend bei den Tafeln?

Die Tafeln berichten von einer wachsenden Zahl an Bedürftigen. Zum Jahresende 2020 waren in Germering 1025 Kunden registriert, in Bruck etwa 608 Bezugsberechtigte. Festgestellt wird eine wachsende Nachfrage alleinerziehender Mütter.

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