Lebensmittel auf dem Weg zur Verteilung. Dies geschieht beispielsweise auf Parkplätzen.
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Lebensmittel auf dem Weg zur Verteilung. Dies geschieht beispielsweise auf Parkplätzen.

Interview mit der Initiatorin der Brucker Lebensmittelretter

Damit Essbares nicht im Abfall landet

  • Thomas Steinhardt
    vonThomas Steinhardt
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Lebensmittelverschwendung ist ein heißes Thema. Die Brucker Lebensmittelretter engagieren sich, damit Essbares nicht im Müll landet.

Landkreis – 335 Kisten voller Nahrungsmittel, 41 Verteiltermine an 16 verschiedenen Orten: Das ist ein Teil der Bilanz der Lebensmittelretter in einer einzigen Woche im Sommer des Jahres 2020. Und sie sammeln fleißig weiter, damit Essbares nicht im Müll landet, auch jetzt im coronabedingten zweiten Lockdown. Ein Gespräch mit Sabine Kemmet, Initiatorin der Lebensmittelretter Fürstenfeldbruck.

Im Mai wurden die Lebensmittelretter zwei Jahre alt, die Tendenz liegt bei Wachstum. Was als von manchen vielleicht belächelte Idee entstand, hat sich ja fast schon etabliert. Kann man das so sagen?

Ja, das kann man schon so sagen.

Wie viele Lebensmittelretter umfasst Ihr Team? Mit wie vielen und welchen Supermärkten arbeiten Sie zusammen?

Knapp 50 Aktive, nicht alle sind Retter, wir haben auch Teammitglieder, die uns die administrativen Angelegenheiten abnehmen. Wir arbeiten derzeit mit 16 Märkten im Landkreis zusammen, unter anderem mit Aldi, Rewe, Edeka, Denns und einem kleinen Biomarkt in Fürstenfeldbruck.

Wenn was übrig bleibt, das die Tafeln nicht verwenden dürfen, dann informieren Sie die Supermärkte, richtig? Oder wie läuft die Zusammenarbeit?

Wir vereinbaren mit den Märkten feste Tage, an denen wir abholen. Das sind die Tage, an denen die örtliche Tafel nicht abholt. Während der Tafel-Ferien holen wir auch an deren Tagen ab. Es gibt auch eine Tafel, mit der wir kooperieren. Wenn bei denen etwas übrig bleibt, verteilen wir sogar noch diese Lebensmittel, damit nichts im Müll landet.

Teilweise begrenzen Sie bei Verteilungen die Zahl der Leute, die zum Abholen kommen dürfen. Ist die Nachfrage größer als das Angebot?

Das Begrenzen der Teilnehmer hat mehrere Gründe. Aus der Erfahrung wissen wir, an welchem Tag beim jeweiligen Markt abgeschrieben wird. Damit die Abholer nicht wegen eines Apfels kommen, schreiben wir, für wie viele Haushalte die Verteilung schätzungsweise reicht. Das nächste ist die aktuelle Situation. Wir haben vom Landratsamt, unter Einhaltung unseres Hygienekonzeptes, die Freigabe für maximal zehn Personen pro Verteilung.

Welche Waren bekommen Sie besonders häufig von den Supermärkten?

Das hält sich die Waage. Obst, Gemüse, Backwaren und Molkerei-Produkte.

Sabine Kemmet, Mit-Gründerin der Fürstenfeldbrucker Lebensmittelretter

Der Corona-Lockdown im Frühjahr hat ja auch Sie betroffen. Als die Regelungen gelockert wurden, waren Sie gefühlt aber sehr schnell wieder am Start. Lief das alles so reibungslos wie es aussah?

Der Lockdown hat unser Gremium auf eine harte Probe gestellt. Die Verteilungen noch vor der offiziellen Kontaktsperre einzustellen war eine Mehrheitsentscheidung. Im Nachgang sind wir uns einig, dass es damals die richtige Entscheidung war. Das Landratsamt hat bei unserem Restart schnell auf unser Hygienekonzept reagiert und uns die Freigabe erteilt. Deshalb klappte alles so reibungslos. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal bedanken.

Mussten Sie sich wegen Corona neu organisieren?

Da wir maximal zehn Abholer pro Verteilung bedienen dürfen, ist es für manche Retter an manchen Tagen eine logistische und zeitaufwändige Herausforderung. Auch hier ein herzliches Dankeschön an meine Retter, dass ihr das alle so toll meistert. Unsere Stammtische finden seltener statt und meist per Videokonferenz.

Was war das beste Gericht, das Sie selbst für sich mit geretteten Lebensmitteln zubereitet haben?

Das kann ich gar nicht sagen, allerdings gibt es eine Rezeptsammlung in unserer Facebook-Gruppe und wir hatten auch die Idee, ein Buch zu machen. Dann kam uns aber Corona dazwischen.

Jetzt machen Sie das seit zweieinhalb Jahren. Haben Sie mal an Ihrer Entscheidung, die Retter zu gründen, gezweifelt?

Niemals, da wir so viele engagierte Helfer haben, klappt es meistens wunderbar und das ganz ohne größere Probleme.

Sie grenzen sich ja vom Containern ab, das oftmals große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfährt. Warum eigentlich? Die Ziele sind ja die selben.

Das Ziel ja. Allerdings stehlen wir nicht, beziehungsweise begehen keinen Hausfriedensbruch. Am Anfang haben wir die Marktleiter freundlich gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit mit uns vorstellen können. Mittlerweile kommen die Märkte auf uns zu. Wir sprechen mit jedem Markt seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse ab und retten während der regulären Öffnungszeiten.

Gibt es Pläne, wie es weiter geht?

Derzeit arbeiten wir an einer eigenen Website, um uns von dem Online-Netzwerk Facebook ein wenig unabhängig zu machen und auch Menschen ohne Facebook eine größere Chance zu geben, bei uns mitzumachen. Und wir haben jetzt einen Großhändler als Partner, bei dem wir künftig retten dürfen. Außerdem arbeiten wir mit der Caritas verstärkt zusammen. Wir verteilen beispielsweise Lebensmittel bei der Suppenausgabe.

Das Interview führte Thomas Steinhardt

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