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Die Arbeit als Kinderärztin war ihr Leben

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Von: Ulrike Osman

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Waltraut Hartmann wurde 88 Jahre alt.
Waltraut Hartmann wurde 88 Jahre alt. © Privat

Schon als junges Mädchen wusste Waltraut Hartmann genau, was sie wollte: hinaus in die Welt und studieren. Jura sollte es sein, zumindest nach dem Wunsch ihres Vaters.

Fürstenfeldbruck – Erst als die Abiturientin im heimischen Aschaffenburg in den Zug nach Wien stieg, informierte sie ihre Eltern, dass sie dort nicht Jura, sondern Medizin zu studieren gedachte. Anfang der 1950er-Jahre war das.

Später eröffnete Waltraut Hartmann eine Kinderarztpraxis in Bruck. Davon gab es damals nicht viele. Tochter Astrid Hartmann erinnert sich aus jener Zeit nur an einen einzigen weiteren Kinderarzt in der Stadt. Entsprechend groß war der Andrang in der Praxis ihrer Mutter. Waltraut Hartmann war beliebt bei den Eltern und in Bezug auf ihre Arbeit mehr als engagiert.

Ihren kleinen Patienten stand die 1933 geborene Ärztin praktisch sieben Tage in der Woche zur Verfügung. Nach der Sprechstunde machte sie Hausbesuche, abends und am Wochenende empfing sie Eltern mit kranken Kindern sogar bei sich daheim. Die Untersuchungen fanden dann im Arbeitszimmer ihres Mannes statt. Alle Familien hatten ihre private Telefonnummer, Abgrenzung war ein Fremdwort. „Die Arbeit war ihr Leben“, sagt Astrid Hartmann.

Nach ihrem Studium in Wien und Paris – ihr Französisch war gut genug, um medizinischen Vorlesungen folgen zu können – hatte Waltraut Hartmann in München in der Kinderklinik Schwabing gearbeitet. Dort absolvierte sie ihre Facharztausbildung, und dort lernte sie auch ihren Mann Josef kennen. 1963 heirateten der Chirurg und die Kinderärztin und zogen nach Bruck, wo sie sich einen Anbau am Haus von Josef Hartmanns Eltern errichteten.

Neben der Leidenschaft für die Medizin teilten die beiden eine große Reiselust. Wann immer es ging, waren sie in der Weltgeschichte unterwegs – besonders gerne mit dem Schiff. Ihre Hochzeitsreise führte sie auf einem Frachter in den Nahen Osten, unter anderem nach Beirut. Später machten sie gerne Rundreisen durch die USA, die sie auch stets auf dem Seeweg ansteuerten. Denn Josef Hartmann stieg in kein Flugzeug. Nur einmal überwand er sich und machte gemeinsam mit seiner Frau in einem Sportflugzeug einen Rundflug über den Grand Canyon.

Im Jahr 2000 übergab Waltraut Hartmann die Praxis an ihre Tochter. Sie blieb unternehmungslustig und vielseitig interessiert, auch nach dem Tod ihres Mannes vor acht Jahren. Ihr großes Haus und den riesigen Garten teilte die zweifache Großmutter zuletzt mit einer Haushaltshilfe – und den drei Schildkröten, die sie vor vielen Jahren aus einem Urlaub mitgebracht hatte.

Waltraut Hartmanns Tod kam buchstäblich von einer Minute auf die andere, ohne dass es vorher Warnzeichen gegeben hätte – ein Schock für ihre Tochter und die beiden Enkelinnen, die die Oma am nächsten Tag noch besuchen wollten und einen Kuchen für sie gebacken hatten. Waltraut Hartmann wurde 88 Jahre alt.

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