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„Jüdische Schicksale im Landkreis FFB“: Die Heirat rettete ihr das Leben

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Von: Ingrid Zeilinger

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Nach dem Kriegsende verlor Anna Bär kein Wort über das erlittene Unrecht. Das Foto zeigt sie mit ihren Enkelkindern Heinrich und Renée im Jahr 1946.
Nach dem Kriegsende verlor Anna Bär kein Wort über das erlittene Unrecht. Das Foto zeigt sie mit ihren Enkelkindern Heinrich und Renée im Jahr 1946. © Goldmann

Sie war zum evangelischen Glauben konvertiert. Dennoch wurde Anna Bär als Jüdin eingestuft. Darunter litt ihre ganze Familie im Dritten Reich. Die Geschichte von Anna Bär ist eine, die Elisabeth Lang für ihren Frauenkalender „Jüdische Schicksale im Landkreis Fürstenfeldbruck“ ausgewählt hat. Eine Geschichte von einvernehmlichem Schweigen.

Fürstenfeldbruck/Gröbenzell – Egal, welche Frauenschicksale Elisabeth Lang betrachtet: „Es war immer die ganze Familie betroffen“, erzählt die 55-jährige Bruckerin. In Anlehnung an die Sonderausstellung „Die Unsichtbaren sichtbar“ im Bauernhofmuseum Jexhof befasste sie sich mit den Schicksalen von zwölf Frauen aus dem Landkreis und stellt sie dar (siehe Kasten). Bei einem Vortrag beim Historischen Verein hatte sie sich bereits mit jüdischen Frauen beschäftigt. Nun blätterte sie in Publikationen zur NS-Zeit und knüpfte – wenn möglich – auch Kontakt zu Nachfahren.

So stieß Elisabeth Lang auch auf die Geschichte von Anna Löwenstein und ihre Schwester Irma, deren Schicksal im April dargestellt wird. Ihr Enkel Heinrich Goldmann, der in Olching lebt, erzählte ihr die bewegende Geschichte: Anna, die am 23. Dezember 1892 als Tochter von Franziska und Samuel Löwenstein das Licht der Welt erblickte, war eine gelernte Krankenschwester. „Sie konvertierte zum evangelischen Glauben, da sie sich den Ritualen des Judentums zunehmend entfremdet fühlte“, erzählt Elisabeth Lang. Doch Schutz vor den Nazis bedeutete das nicht. „Es ging um die Abstammung im biologischen Sinn.“ Ihre Mutter war Jüdin, so blieb es Anna auch.

Ehrenämter aufgegeben

Die Folgen spürte sie, aber auch ihr Mann Hans Bär, den sie 1917 geheiratet hatte. Mit ihrer Tochter Liselotte lebten die Bärs seit 1925 in Gröbenzell. Hans Bär, ein geselliger Mensch, musste sich beruflich und in seiner Vereinsarbeit zurücknehmen. Seine Ehrenämter, unter anderem den Vize-Vorsitz im Gartenbauverein, musste er aufgeben. Und auch beruflich litt er unter Drangsalierungen. Doch die Familie nahm das Schicksal an und versteckte sogar Annas Schwester Irma in ihrem Haus.

Der Trauschein

Anna Löwenstein drohte im Jahr 1945 der Transport in ein Konzentrationslager. Doch ein Bekannter erreichte einen Aufschub – was ihre Rettung bedeutete. Dies schilderte sie zumindest in einem Fragebogen zur Wiedergutmachung nach Kriegsende, in dem sie ihren Werdegang und das ihr widerfahrene Unrecht darstellen sollte. „Ihr Glück war, dass sie durch die Hochzeit mit einem arischen Mann gedeckt war“, erklärt Elisabeth Lang. So rettete der Protestantin nicht der Glaube, sondern der Trauschein das Leben.

Nach dem Krieg konnte Hans Bär seine Positionen in Beruf und Vereinsleben wieder einnehmen. Das Paar blieb in Gröbenzell wohnen, wie ihr Enkel Heinrich Goldmann ihr erzählte, berichtet Elisabeth Lang. Über die schlimme Zeit und das Unrecht, das ihnen widerfahren war, wurde kein Wort mehr verloren. „Es war ein einvernehmliches nicht über die Zeit Sprechen“, erklärt Lang. „Dieses stille Leiden und Schweigen hat mich sehr betroffen gemacht.“ Anna Bär verstarb am 24. Juli 1968, während sie ihre Tochter Liselotte im Elsaß besuchte.

Dort gibt es den Kalender zu kaufen

„Jüdische Schicksale im Landkreis Fürstenfeldbruck“ ist der vierte Frauenkalender, den Elisabeth Lang herausgegeben hat. Bei den drei vorherigen Ausgaben ging es allgemein um prominente und weniger bekannte Frauen aus Fürstenfeldbruck und Umgebung. Doch durch die Ausstellung ergab sich diesmal ein besonderer Fokus, erzählt Lang. „Ich möchte die Menschen aus der Vergessenheit hervorholen.“

Der Kalender hat eine Auflage von 250 Stück und kostet 14,95 Euro. Er ist erhältlich in Buchhandlungen, am Jexhof, im Klosterladen FFB und St. Ottilien sowie im Museum. imu

Die Serie:

Zwölf jüdische Frauen und ihre Schicksale stellt Elisabeth Lang in ihrem Frauenkalender vor. Jeden Monat erzählt die Autorin im Tagblatt, wie sie zu den Frauen und ihren Geschichten gekommen ist – damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

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