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Die Spuren der SA in Fürstenfeldbruck

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Eine Ansicht des Marktplatzes aus der Zeit des Nationalsozialismus. In Wirtschaften wie dem Marthabräu trafen sich die SA-Mitglieder zu ihren Versammlungen. 	fotos: Stadtarchiv
Eine Ansicht des Marktplatzes aus der Zeit des Nationalsozialismus. In Wirtschaften wie dem Marthabräu trafen sich die SA-Mitglieder zu ihren Versammlungen. © Stadtarchiv

Im Nationalsozialismus machte sich auch die Sturmabteilung (SA) in Fürstenfeldbruck breit. Die Anfänge bis zu ihrer Hochzeit im Nazi-Bruck beleuchtet Gerhard Neumeier. Die Rolle von zwei SA-Männern beleuchtet der Stadtarchivar genauer.

Fürstenfeldbruck – Die Anfänge der SA reichen bis in das Jahr 1920 zurück. Damals hielt die NSDAP ihre ersten Massenveranstaltungen ab und benötigte einen eigenen Ordnungsdienst. Im November dieses Jahres gründete der Uhrmacher Emil Maurice (1897 – 1972) innerhalb der NSDAP in München eine „Turn- und Sportabteilung“. Nach der parteiinternen Machtergreifung Adolf Hitlers im Juli 1921 stand nicht mehr der Ordnungsdienst im Vordergrund, sondern die Zusammenfassung und körperliche Ertüchtigung der sich in der Bewegung befindlichen männlichen Jugend.

Die ab November 1921 Sturmabteilung (SA) genannte Parteitruppe war eine hierarchische Organisation mit Anlehnung an militärische Vorbilder und diente in ihrer Anfangszeit vor allem der Durchsetzung des Führungsanspruchs Hitlers innerhalb der NS-Bewegung. Der politische Durchbruch der NSDAP in den Jahren 1929 und 1930 bedeutete für die SA eine Phase schnellen Wachstums und organisatorischen Ausbaus, die Parteitruppe wurde zur Parteiarmee.

In der SA waren Angehörige aller sozialer Schichten organisiert. Die SA passte sich gut an das jeweils lokal oder regional vorherrschende soziale Milieu an. Hervorzuheben ist auch die Jugendlichkeit der SA. Selbstverständlich war die SA ein Männerbund. Ihre Attraktivität speiste sich aus der Wirtschaftskrise, der mangelnden Funktionsfähigkeit der Demokratie und aus der Bereitschaft rechtskonservativer Kräfte zur Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten.

Die Anfänge in Bruck

Aus der Ortsgruppe des Oberland ging am Ende 1922 die erste Ortsgruppe der NSDAP in Fürstenfeldbruck hervor. Am Hitlerputsch des Novembers 1923 nahmen 20 Fürstenfeldbrucker Mitglieder des Bundes Oberland teil. Auf jeden Fall gab es zwischen Fürstenfeldbruck und der Münchner SA Verbindungen, denn am 22. September 1923 führte die Münchner SA an der Maisacher Straße eine Feld- und Geländeübung durch. Bereits am 11. und 12. Januar 1930 hielten SA-Männer, die zumeist aus München stammten, im Rahmen einer nationalsozialistischen Veranstaltung in Fürstenfeldbruck einen Propagandamarsch ab. Am 6. April 1930 versuchten SA-Trupps eine Veranstaltung des sozialdemokratischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold zu stören.

Der Autor: Gerhard Neumeier leitet das Brucker Stadtarchiv. Er setzt sich intensiv mit der Geschichte von Fürstenfeldbruck auseinander und hat bereits mehrere Publikationen über die Stadt veröffentlicht. Derzeit arbeitet Gerhard Neumeier an einer Chronik zur Geschichte Fürstenfeldbrucks ab 1945. Immer wieder hält er auch Vorträge an der Gretl-Bauer-Volkshochschule.
Der Autor: Gerhard Neumeier leitet das Brucker Stadtarchiv. Er setzt sich intensiv mit der Geschichte von Fürstenfeldbruck auseinander und hat bereits mehrere Publikationen über die Stadt veröffentlicht. Derzeit arbeitet Gerhard Neumeier an einer Chronik zur Geschichte Fürstenfeldbrucks ab 1945. Immer wieder hält er auch Vorträge an der Gretl-Bauer-Volkshochschule. © mm

Auch in Fürstenfeldbruck kam die SA einmal wöchentlich in einer Wirtschaft zusammen und wurde bei Versammlungen zum Saalschutz eingesetzt. Schon in den frühen 1930er-Jahren wurde die Polizei in Fürstenfeldbruck von Angehörigen der örtlichen SA und SS in der Ausübung ihrer Dienstgeschäfte bedrängt und bedroht. Am Abend des 9. März 1933 zogen etwa 50 SS- und SA-Leute über den Markt in Richtung des Bezirksamtes.

Am 18. März 1933 war der aus München kommende Marquart als politischer SA-Sonderkommissar für den Bezirk Fürstenfeldbruck eingesetzt worden. Seine wichtigsten Handlanger waren der Kohlenhändler Johann Ertl und sein Adjutant Johann Wolkersdorfer. Bei der Boykottaktion der NSDAP gegen jüdische Geschäfte verhinderte die SA in Bruck die Auslieferung von Waren der Münchner Kaufhäuser Uhlfelder und Tietz. Die SA misshandelte zudem die jüdischen Viehhändler Josef Pickard und Julius Fröhlich.

Viele in Schutzhaft

Im Frühjahr und Sommer 1933 nahm die Fürstenfeldbrucker SA zahlreiche Schutzhaftmaßnahmen vor. Marquart ließ am 24. März 1933 den Schriftleiter des Fürstenfeldbrucker Wochenblattes, Franz X. Habrich, in Schutzhaft nehmen und in das Konzentrationslager Dachau einweisen. Auch den bei der Buchdruckerei Woderer beschäftigten Buchdrucker Peter Jaidinger, Angehöriger des Kolpingvereins, ließ Marquart im Juni 1933 verhaften und in das Konzentrationslager Dachau einweisen. Insgesamt lassen sich in den Archivunterlagen etwas mehr als 100 von der SA in Fürstenfeldbruck und Umgebung durchgeführte Schutzhaftmaßnahmen von Angehörigen der SPD, KPD, BVP und Juden belegen. Einen Hinweis auf die Größe der SA in Fürstenfeldbruck im Sommer 1933 liefert die Teilnahme von 34 SA-Männern bei einer Hochzeit eines SA-Mannes in Fürstenfeldbruck. Ende August 1933 führten SA und Stahlhelm eine Haussammlung für einen Schlageter-Gedenkstein durch. Schlageter war ein von den Nazis verehrter rechter Aktivist, der wegen Sprengstoffanschlägen hingerichtet worden war.

Relativ spät – Ende Oktober 1933 – wurde in Fürstenfeldbruck der Stahlhelm in den Sturmbann 1/2 der SA eingegliedert. Mitte Februar 1934 fand in Fürstenfeldbruck ein SA-Treffen mit rund 800 Teilnehmern statt. Anfang März 1934 berichtete das Fürstenfeldbrucker Wochenblatt, dass langjährigen Mitgliedern der SA der vom Stabchef Röhm vergebene Ehrendolch verliehen wurde. Es waren von der hiesigen SA, der Standarte 2 im Sturmbann 1: August Biermeyer, Hans Ertl, Alfons Fröhling, Joseph Fröhling, Georg Gillmeyer, Hans Kröner, Josef Kröner, Karl Kröner, Lorenz Lauchner, Franz Schonger und Anton Sonnleitner – also elf SA-Männer aus Fürstenfeldbruck.

Brucker SA-Mitglieder

Das so genannte „Standquartier“ von NSDAP und SA in Fürstenfeldbruck war der Bichlerbräu. Dort trafen sich die Mitglieder um Hans Enzberger und Michael Härtl.

Hans Enzberger wurde am 12. November 1890 in München geboren. Er erlernte den Beruf des Malers und qualifizierte sich zum Malermeister. Ab dem Jahr 1922 dürfte Enzberger in Fürstenfeldbruck als selbstständiger Malermeister tätig gewesen sein. Vor 1933 war er Vorstand des Handels- und Gewerbevereins in Fürstenfeldbruck. 1933 war Enzberger Kreishandwerksmeister, 1939 Altmaterialienbeauftragter.

Seit dem Jahr 1933 war er NSDAP-Mitglied, er war Fördermitglied der SS und seit dem 1. Juli 1933 war er Mitglied in der SA. Später wurde er Oberscharführer in der Motor-SA. Im Entnazifizierungsverfahren stufte sich Enzberger als Mitläufer ein. Die Spruchkammer schloss sich dieser Einschätzung an und so wurde er als Mitläufer eingestuft. Nach dem Jahr 1945 existierte das Malergeschäft von Hans Enzberger in Fürstenfeldbruck weiter, er starb im Jahr 1965.

Michael Härtl wurde am 3. April 1882 in Fürstenfeldbruck geboren. Sein Vater war der am 1. Januar 1857 in Dießen geborene Michael Härtl, seine Mutter die am 21. April 1849 in Geisenhausen geborene Ladnerin Therese Härtl. Die beiden hatten am 24. April 1881 in Bruck geheiratet. Michael Härtl junior lernte den Beruf des Konditors und legte auch seine Konditormeisterprüfung ab, er war verheiratet.

Im Frühjahr 1933 wurde er Zweiter Bürgermeister in Fürstenfeldbruck und übte dieses Amt 1935 aus. Gemeinde- beziehungsweise Stadtrat blieb er von 1933 bis 1945 – von 1935 bis 1945 war er 1. Beigeordneter. Härtl betrieb am Adolf-Hitler-Platz (heute Hauptstraße) ein Café. Am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei, am gleichen Tag wurde er auch Mitglied im Motorsturm der SA. Im Jahr 1934 wurde er Mitglied in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und im Reichsluftschutzbund.

Im Spruchkammerverfahren sagte Bürgermeister Hans Wachter am 12. August 1947 aus, dass Härtl seiner Ansicht nach ein guter Anhänger der NSDAP war und als anständiger Bürger galt. Baugeschäftsinhaber Sebastian Unkmeier sagte am 30. Januar 1946 vor der Spruchkammer aus, dass er die Familie Härtl seit drei Jahrzehnten kenne. Die Partei habe seit 1936 sein Geschäft gemieden. Härtl sei kein fanatischer Nationalsozialist gewesen. Er sei im Interesse der Stadt, der Bürger und seines Geschäfts im Amt geblieben. Der Metallwarenfabrikant Fritz Paulin, ein ehemaliger Nationalsozialist, bestätigte der Spruchkammer am 12. Januar 1947, dass Härtl aufrecht und religiös veranlagt gewesen sei und dass er an einer sauberen Verwaltung der Stadt interessiert gewesen sei.

Am 19. Dezember 1947 stufte ihn die Spruchkammer als Mitläufer ein, zur Begründung führte sie aus, dass verschiedene Bürger wollten, dass Härtl den Posten des Ersten Bürgermeister übernehmen sollte, um die Interessen der Bürger und Geschäftsleute wahrzunehmen und um zu verhindern, dass die alten radikalen Nationalsozialisten zu viel Einfluss bekämen. Dieses Urteil erfolgte erst nach dem Tod von Härtl – er war bereits am 1. Oktober 1945 gestorben.

Brucks Besonderheiten

Die Aktivitäten der Funktionsträger in der SA spielten in den Spruchkammerverfahren so gut wie keine Rolle. Dies bedeutete, dass die Mitgliedschaft in der SA nicht als große Belastung gesehen worden ist, weder von den öffentlichen Klägern, noch von den Betroffenen und auch nicht von der Spruchkammer. Ansonsten herrschte die übliche Struktur der Spruchkammerverfahren, von der Beibringung von Persilscheinen über die Selbsteinstufungen bis hin zu den Einstufungen, zumeist als Mitläufer.

Ungewöhnlich war das relativ hohe Alter der SA-Männer in Fürstenfeldbruck, denn die Mehrzahl der hiesigen SA-Männer war vor dem Jahr 1900 geboren. Die SA in Fürstenfeldbruck hatte also nicht den jugendlichen Charakter, den sie in den meisten Orten Deutschlands hatte. Zudem war ein großer Anteil der SA-Männer in Fürstenfeldbruck verheiratet. Auch dies widerspricht dem einschlägigen Forschungsstand über die SA. Die untersuchten SA-Männer waren ausnahmslos in Bayern geboren, der Anteil der in Fürstenfeldbruck Geborenen entsprach in etwa dem Ortsgeborenenanteil der Bevölkerung.

Sehr ungewöhnlich ist die Tatsache, dass alle Angehörigen der hier untersuchten Gruppe Angehörige des Alten und vor allem des Neuen Mittelstandes waren, keiner der SA-Männer gehörte zur Arbeiterschaft und offensichtlich war auch kaum einer der SA-Männer von Arbeitslosigkeit betroffen. (Gerhard Neumeier)

Die Serie

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