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Ausstellung am Jexhof

Diese Kutsche konnten sich nur wenige leisten

Es ist heutzutage kaum vorstellbar, doch vor rund 100 Jahren waren Kutschen noch ein gängiges Fortbewegungsmittel. Ein ganz besonderer Kutschentyp war der „Doktorwagen“. Ein solcher befindet sich im Familienbesitz von Alt-OB Sepp Kellerer. Für eine Jexhof-Ausstellung hat er ihn restauriert.

Aich/Jexhof – Sie war so etwas wie der Zweitwagen für besondere Anlässe – die elegante Kutsche mit Verdeck, die derzeit im Traktorstadel des Jexhofs zu bewundern ist. Das Gefährt gehört dem Brucker Alt-OB Sepp Kellerer. Er hat es für die Sonderausstellung extra hergerichtet und in seinen Kindheitserinnerungen gekramt.

„Doktorwagen“ wird der Kutschentyp auch genannt, denn das Fahrzeug war im 19. Jahrhundert vor allem bei Ärzten und Handlungsreisenden beliebt. Unter den Bauern konnten sich nur die reicheren den Luxus leisten. Auf dem Mesmer-Hof der Familie Kellerer in Aich hielt der Doktorwagen vermutlich um das Jahr 1900 Einzug. „Wir haben aber nie Doktorwagen dazu gesagt“, erzählt Sepp Kellerer. „Das war d’Chaisn oder die Kutsch’n.“

Auch für feierliche Anlässe

Dass er selbst als Kind noch auf der Kutsche mitgefahren ist, daran kann sich der 1946 geborene Alt-OB nicht erinnern. „Aber ich vermute, dass meine Mutter mit der Chaise zur Entbindung gefahren ist – ich bin ja in Bruck geboren.“ Lebhaft in Erinnerung geblieben ist dem 72-Jährigen, dass seine ältere Schwester mit dem Doktorwagen zum Bahnhof gefahren wurde, nachdem sie sich den Fuß an einem Granatsplitter verletzt hatte und sie zur Behandlung nach Bad Tölz sollte. Ansonsten weiß er aus Erzählungen, dass die Chaise für Verwandtenbesuche und feierliche Anlässe wie Hochzeiten oder Kindstaufen genutzt wurde.

Zwei Erwachsene konnten bequem darin sitzen, Kinder fanden zwischen ihnen auch noch Platz. Dank des nach vorne gezogenen Halbverdecks waren die Reisenden vor Wind und Wetter geschützt. Und da die Chaise vom Herrn oder der Dame selbst gelenkt wurde, brauchte man keinen Bediensteten mitzunehmen.

40 Höfe in Aich

Sepp Kellerer glaubt, dass seine Familie ab und zu auch für andere Dorfbewohner den Doktorwagen angespannt hat, „zum Beispiel, wenn eine Frau zur Hebamme musste“. Es gab früher 40 Bauernhöfe in Aich und nur die größeren unter ihnen besaßen ein solches Fahrzeug. Für den alltäglichen Gebrauch nutzte man das Gäuwagerl, eine Kutsche ohne Dach, aber mit Ladefläche zum Transport von Lasten.

Trotz Schönheit und Prestige hatte die Chaise ihre Tücken, denn sie ist zwar wendig, aber auch recht wackelig. Schon beim Einsteigen schwankt die ganze Konstruktion. „Mein Vater hat immer gesagt, dass die Kutsche sehr schwierig zu fahren ist“, erzählt Kellerer. Seine jüngere Schwester kann sich lebhaft daran erinnern, wie einmal das ganze Gefährt mit ihr und dem Vater umstürzte. Die Idee, damit an der Brucker Leonhardifahrt teilzunehmen, hat der Alt-OB deshalb nie in die Tat umgesetzt. „Ich hatte ja früher einen Haflinger, der sie hätte ziehen können. Aber ich habe mich nicht getraut.“

Dann kommt die Motorisierung

Ab 1950 war der Doktorwagen auf dem Mesmer-Hof nicht mehr in Gebrauch – die Motorisierung setzte sichauch dort durch. Obwohl Kellerers Vater ein großer Pferdeliebhaber war, musste auch er mit der Zeit gehen. Ein Motorrad hielt Einzug auf dem Hof, wenige Jahre später ein VW Käfer. Seinen ersten Schlepper hatte der Bauer bereits 1940 gekauft. So stand die Chaise nur noch in der Scheune. „Wir haben als Kinder damit gespielt“, erinnert sich Sepp Kellerer. „Die Sitzbank war gemütlich, und es lag auch eine schöne Decke drin. In der Kutsche zu sitzen, war ganz heimelig.“

Später stellte er sie dem Jexhof als Exponat zur Verfügung. Für die aktuelle Sonderausstellung hat Kellerer sämtliche Holzteile lasiert und das brüchig gewordene Leder eingefettet. Dazu transportierte er die Kutsche zu sich nach Hause – wohlweislich auf dem Autoanhänger.

Die Sonderausstellung

Der Doktorwagen – Die Geschichte einer Kutsche aus Aich ist noch bis zum 2. Juni auf dem Jexhof zu sehen.

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